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Anonymes Jobprotokoll – ein Bestatter erzählt »Ich versuche, das Thema Tod zu verdrängen«

In der Coronakrise haben sie eine traurig hohe Auftragslage: Ein Bestatter erzählt von der schwierigen Suche nach neuen Mitarbeitern – und worauf es bei dem Geschäft mit dem Tod ankommt.
Aufgezeichnet von Maren Hoffmann
Bestatteralltag: Sensibler Umgang mit den Toten und Hinterbliebenen

Bestatteralltag: Sensibler Umgang mit den Toten und Hinterbliebenen

Foto: studioportosabbia / iStockphoto / Getty Images

»Ich bin als Quereinsteiger in diesen Beruf gekommen. Ursprünglich habe ich Schlosser gelernt, dann war ich arbeitslos – und ein guter Freund hat mich in der Bestattungsfirma von Bekannten untergebracht. Damals war ich Ende 20. Ich habe seitdem viel gelernt und jede Menge Weiterbildungen beim Bestatterverband gemacht.

Heute bin ich 53 Jahre alt, seit fast 20 Jahren habe ich eine eigene Firma in Dresden. Man braucht nicht unbedingt eine Bestatter-Ausbildung, um ein Institut gründen zu können, aber die entsprechenden Fortbildungen. Die Arbeit ist Typ-Sache. Mir hat es nie etwas ausgemacht, mit Verstorbenen zu arbeiten, aber wir haben immer wieder Praktikanten, die merken, dass sie das einfach nicht können. Das ist dann auch in Ordnung – für die ist der Beruf dann halt nichts.

Es ist im Moment noch schwieriger als sonst, Mitarbeiter zu bekommen. Dabei gibt es viel zu tun: Seit Oktober und November haben wir bedeutend mehr Sterbefälle. Die Einlagerungsmöglichkeiten sind ein Riesenproblem. Wir haben eine eigene Kühlhalle, wo wir die Verstorbenen aufbewahren, aber das reicht nicht mehr. Die Stadt musste neue Lagermöglichkeiten schaffen. In den Kühlzellen liegen mehrere Verstorbene in den Särgen in einzelnen Fächern. Dort ist es etwa vier bis sechs Grad kalt, da verändern sich die Körper erst einmal nicht.

»Coronaverstorbene dürfen wir gar nicht herrichten«

Ich suche im Moment dringend zwei Mitarbeiter, die die Trauerfeiern ausgestalten, die die Verstorbenen abholen und überführen und auch pietätvoll herrichten. Wir waschen sie und ziehen ihnen die Kleidung an, die wir von den Hinterbliebenen bekommen – und auch eine Windel, falls noch Körperflüssigkeiten austreten.

Dass es so schwierig ist, Leute zu finden, liegt klar an Corona. Viele haben Angst davor, sich anzustecken, dabei schützen wir uns gut mit Ganzkörperanzügen, Augenschutz, Mundschutz, Desinfektion – und Coronaverstorbene dürfen wir gar nicht herrichten, die kommen gleich bei der Abholung nach der ersten Leichenschau in die Leichensäcke und bleiben bis zur zweiten Leichenschau im Krematorium kurz vor Einäscherung darin.

Wenn jemand mit oder an Corona stirbt, ist es sehr schwer für die Hinterbliebenen. Für die Trauerbewältigung ist es sehr wichtig, dass man Abschied nehmen kann, und das geht dann einfach nicht. Oft können Angehörige schon im Krankenhaus nicht dabei sein, und wenn der Mensch dann verstorben ist, ist er einfach weg, ohne dass sie ihn noch einmal sehen oder berühren können. Bei der Trauerfeier können wir dann nur ein Foto aufstellen, keinen offenen Sarg.

Die meisten Hinterbliebenen haben aber Verständnis dafür. Unsere Arbeit hat sich durch Corona, abgesehen vom höheren Arbeitsaufkommen, nicht sehr geändert; Selbstschutz war schon immer wichtig, jetzt kommen noch einige zusätzliche Hygieneregeln dazu, aber damit haben wir Erfahrung. Durch die vielen Todesfälle gibt es aber längere Wartezeiten bis zur Beerdigung .

»Wir raten jedem, einen Vorsorgeordner anzulegen«

Es klingt vielleicht seltsam, aber an meinem Beruf liebe ich vor allem die innere Zufriedenheit: Wenn man mal Feierabend hat, dann weiß man, man hat Familien geholfen. Man sieht die ja mehrmals und führt sehr intensive Gespräche, da baut man schon eine Bindung auf. Jeder Mensch ist einzigartig, und für jede Familie ist es schwer, jemanden zu verlieren.

Es ist keine einfache Sache, Verstorbene abzuholen, die Unfälle hatten. Vor ein paar Jahren hatten wir einen, der bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. Seine Lebensgefährtin und seine Mutter wollten sich gern verabschieden, aber der Körper war völlig zerstört. Das ging mir sehr nahe. Wir haben ein bordeauxfarbenes Seidentuch genommen und es so aufgeschnitten, dass nur die linke Hand zu sehen war. Die war unverletzt, so konnten die beiden Frauen ihn doch noch einmal berühren. Das hat ihnen sehr geholfen.

Wir haben oft auch Kinderbestattungen. Die Geschwisterkinder können den Sarg bemalen und bekleben – das können die Eltern dann zu Hause mit ihnen gemeinsam machen. Die Eltern können ihr Kind auch selbst anziehen und im Sarg zur letzten Ruhe betten. Wir hören oft Jahre später von diesen Leuten, wie sehr ihnen das geholfen hat, ihre Trauer zu bewältigen, dass sie selbst etwas tun konnten.

»Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod«

Die meisten Verstorbenen werden eingeäschert. Der Trend zur anonymen Bestattung wächst weiter, das hat bei vielen Familien auch einfach finanzielle Gründe: Die Friedhofskosten für eine eigene Grabstelle sind immens hoch geworden, das können oder wollen viele sich schlicht nicht leisten.

Angst vor dem Tod? Nein, die habe ich eigentlich nicht. Allenfalls davor, dass ich nicht erleben kann, wie meine Kinder groß werden – wir leben in einer Patchworkfamilie und haben fünf Kinder, ein Sohn ist schon seit vier Jahren bei mir in der Firma. An ein Leben nach dem Tod glaube ich nicht. Wir raten eigentlich jedem dazu, einen Vorsorgeordner anzulegen, um die Hinterbliebenen zu entlasten, und darin auch festzuhalten, wie man mal bestattet werden möchte. Ich habe das ehrlich gesagt aber noch nicht gemacht – ich versuche, das Thema für mich selbst zu verdrängen.«