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Job & Karriere

Alltag eines Busfahrers "Die Leute schauen mich oft nicht mal an"

Er kurvt gerne durch die Stadt und bringt Menschen von A nach B. Aber von seinem Gehalt kann er seine Familie nicht ernähren. Ein Busfahrer erzählt von den guten und schlechten Seiten seines Jobs.
Busfahrer in Berlin (Symbolbild)

Busfahrer in Berlin (Symbolbild)

Foto: Maurizio Gambarini/ picture alliance / dpa

"Ich genieße es, stundenlang im Auto zu sitzen. Für mich ist das ein Gefühl von Freiheit. Deshalb ist mein Beruf als Linienbusfahrer eigentlich ein Traumjob. Zufrieden bin ich trotzdem nicht: Von 1400 Euro netto für eine 39,5 Stunden-Woche kann man keine Familie ernähren. Weil das Geld nicht ausreicht, habe ich noch einen Nebenjob. So komme ich im Monat oft auf über 300 Arbeitsstunden mit einem Gesamtverdienst von 2200 Euro netto. Das ist schon frustrierend.

Bei Fahrten an Sonn- und Feiertagen würde ich pro Stunde brutto 5,61 Euro mehr verdienen, aber wegen meines Kindes verzichte ich auf Wochenenddienste. Mein Beruf ist ja so schon alles andere als familienfreundlich.

Der Arbeitsbeginn variiert täglich, und das macht es schwer, eine passende Kinderbetreuung zu organisieren. Von Gleitzeit kann ich ohnehin nur träumen. Seit ich Vater bin, mache ich keine Nachtdienste mehr, aber ich muss trotzdem wochenweise wechseln zwischen Frühdienst, der zum Beispiel um 5.06 Uhr beginnt, und Spätdienst, zum Beispiel von 12.36 Uhr bis 22.43 Uhr.

Mein Dienstplan ist auf die Minute getaktet. Die Fahrgäste erwarten absolute Pünktlichkeit, auch bei Berufsverkehr, schlechtem Wetter oder Stau. Wenn ich mehr als fünf Minuten zu spät zur Arbeit komme, übernimmt ein Kollege die Fahrt. Das darf nicht öfter passieren, sonst bekommt man eine Abmahnung.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Ich habe eine Lieblingsbuslinie, auf der immer besonders viele freundliche Leute einsteigen. Aber leider fahre ich die gar nicht so oft. Ich kann auf 60 verschiedenen Linien eingesetzt werden, und selbst an einem Arbeitstag fahre ich nicht die ganze Zeit die gleiche Strecke, sondern muss wechseln - bis zu achtmal in einer Schicht. Der Bus meiner Linie wird dann von einem anderen Fahrer an der Endhaltestelle übernommen.

Manchmal muss ich durch die ganze Stadt fahren, um meine neue Linie zu erreichen. Meist nehme ich dafür selbst den Bus, mein Dienstausweis gilt als Fahrschein. Manchmal werde ich auch mit einem Taxi der Verkehrsbetriebe zum Einsatzort gefahren.

Schuld bin immer ich

Ein GPS-Gerät haben wir Busfahrer nicht, und bei so vielen verschiedenen Routen kann es schon mal passieren, dass ich mich verfahre. Wenn ich das merke, versuche ich, so schnell wie möglich zu wenden. Bei einem Gelenkbus ist das aber nicht so einfach. Neulich ist es mir sogar passiert, dass ein Fahrgast mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich falsch abgebogen bin. Es war ein sehr netter älterer Mann. Wir haben dann beide gelacht.

Die Fahrgäste in Deutschland sind total verwöhnt. Der Bus kommt zwei Minuten zu spät, die Klimaanlage ist zu warm eingestellt, und schon regen sich alle auf. Schuld daran bin natürlich immer ich.

Ich war gerade im Urlaub in Südamerika. Dort fährt der Bus mehrmals am Tag, und die Menschen stehen einfach an der Haltestelle und warten, ohne zu wissen, wann der Bus kommt. Trotzdem schimpfen sie nicht. Ein bisschen mehr Geduld würde ich mir auch in Deutschland wünschen.

Am allerliebsten fahre ich nachts. Dann sind die Straßen leer und die wenigen Fahrgäste relativ entspannt. Am schlimmsten ist der Berufsverkehr. Die Leute schubsen und drängeln, manche fallen beim Vorzeigen der Fahrkarte fast auf mich drauf, weil sie von hinten gestoßen werden. Und nur die wenigsten grüßen mich. Die Leute schauen mich oft nicht einmal an. Wenn man sie fragen würde, wüssten sie gar nicht, wer da hinter dem Steuer sitzt, ob Mann oder Frau, jung oder alt.

Zum Glück gibt es Überwachungskameras

Einmal saß eine junge Frau im Bus, die weinte und nicht aussteigen wollte. Im Gespräch kam dann heraus, dass sie schwanger ist und der Mann sie sitzengelassen hatte. Nach dem wir uns unterhalten hatten, stieg sie wenigstens mit einem kleinen Lächeln aus dem Bus. Dass ich ihr ein bisschen helfen konnte, war ein schönes Gefühl.

Leider kommt es auch immer wieder zu Übergriffen auf Busfahrer. Vor zehn Jahren wurde ich fast bewusstlos geschlagen, als mir zwei Männer das eingenommene Fahrgeld abnehmen wollten. Ich konnte noch einen Notruf absetzen, aber die Täter konnten fliehen und wurden bis heute nicht gefasst. Erbeutet haben sie nichts.

Zum Glück gibt es mittlerweile Überwachungskameras in allen Bussen. Das gibt mir ein sicheres Gefühl bei der Arbeit.

Busfahrer werden händeringend gesucht. Die meisten Bewerber kommen über die Bundesagentur für Arbeit. Kaum jemand bewirbt sich freiwillig, obwohl Busfahrer eigentlich ein spannender Beruf ist.

Ich hatte nach dem Realschulabschluss auch erst eine andere Ausbildung gemacht, aber da keinen Job gefunden. Über einen Freund der Familie, der als Bahnfahrer arbeitete, kam ich schließlich zu den Verkehrsbetrieben. Erst hatte ich überlegt, U-Bahn-Fahrer zu werden. Aber U-Bahn fahren finde ich langweilig, außerdem enden Unfälle dort fast immer tödlich. Und so sehe ich jeden Tag viel von der Stadt und treffe unterschiedliche Menschen."

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