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10. März 2015, 15:23 Uhr

Privatdetektive

Heavy Metal gegen die Müdigkeit

Von Maximilian Vogelmann

Rotlicht, Blaulicht, Zwielicht und als einsamer Wolf der Großstadt immer mittendrin - um den Detektivberuf ranken sich viele Mythen. Die kann man alle vergessen. Ermittler brauchen vor allem: Geduld und rückenschonende Autositze.

Jederzeit kann das Zielobjekt aus der Wohnung kommen. Jörg Behm, 58, späht nervös in den grauen Berliner Nieselregen, die schmale Lesebrille rutscht ihm fast von der Nase. Er ist jetzt ganz Honda, verschmilzt mit seinem schwarzen Wagen zu einer reglosen Beschattungsmaschine.

Kein Schlapphut, kein Trenchcoat - schwarze Baseballkappe und schwarzer Parka mit Fellkragen. Seit 25 Jahren arbeitet Behm als Privatdetektiv. Er berlinert, geboren wurde er im Stadtteil Pankow, und er wusste schon als Schuljunge in der DDR, "dass ich später ermitteln will. Wir hatten damals Kriminalromane aus Amerika zu Hause, total spannend".

Behm studierte Kriminalistik an der Humboldt-Uni, fahndete zehn Jahre als Kommissar der Volkspolizei nach Verfassern anonymer Drohbriefe und machte sich sofort nach der Wende als Privatdetektiv selbstständig.

"Im Grunde geht es immer um Geld"

Wer das hat, was Behm "Jagdfieber" nennt, holt sich im Auto einen kaputten Rücken, weil er jemanden erwischen will. Der ruft Freunde und Verwandte untergetauchter Verdächtiger an und erfindet Geschichten von Klassentreffen oder Erbschaften. Der jagt bei Rot über die Ampel und nimmt's auch mit der Privatsphäre nicht so genau. Oder? "Jemand, der total korrekt ist, wird in dem Job nicht alt. Wenn jemand aus dem Haus kommt und ich zuerst ein Parkticket löse, bevor ich hinterhergehe, habe ich verloren", sagt Behm. Man bewege sich schon gelegentlich in der Grauzone; Datenschutz sei "teilweise leider auch Täterschutz".

Behm beschattet Menschen, die verdächtigt werden, zu lügen oder zu stehlen. Er lauert auf Fehler. Wie bei einem Maurer, der sich krankschreiben lässt und auf einer anderen Baustelle schwarz arbeitet. Oder bei einem Angestellten, der als Schwerstbehinderter Geld von der Versicherung bekommt, aber mit seinem Sohn Fußball spielt. Mitleid? "Jein", sagt Behm. Könne schon sein, dass ein Chef schlimm ist und nur rumbrüllt. Aber Gesetze brechen müsse man deshalb nicht.

Im Berufsalltag bleibt von Film- und TV-Klischees wenig übrig. Illusionen dürfe man keine haben, sagt Andreas Simon: "Wer denkt, das sei wie in US-Krimis oder bei diesen 'Trovatos' im Privatfernsehen, der täuscht sich. Dort werden häufig Straftaten wie Nötigung oder Hausfriedensbruch begangen", ärgert sich der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Detektive, einer der drei großen Branchenverbände.

"Wir dürfen auch nicht einfach Kameras oder Wanzen installieren", so Simon. In der Realität würden solche Detektive mehr Zeit vor Gericht verbringen als bei der Arbeit. Das jüngste Urteil des Bundesarbeitsgerichtes zum Einsatz privater Ermittlern kommentiert er so: "Manchmal gibt es schwarze Schafe, die es nicht besser wissen, aber die meisten arbeiten so, dass ihre Beobachtungen und Beweise auch vor Gericht Bestand haben."

Versicherungsbetrug, Wettbewerbsrecht, Diebstahl - das Gros der Aufträge komme aus der Wirtschaft, nur ein Fünftel von Privatleuten, wenn Detektive etwa Vermisste aufspüren oder fremdgehende Ehepartner ertappen sollen, sagt Simon. "Aber auch dann geht es im Grunde immer um Geld."

Google Earth als kleine Revolution

Behms Zielobjekt ist ein Schuldner. Die Gläubiger vermuten, dass er besser lebt, als er behauptet. Geht er also in eine Bank oder in ein teures Restaurant, macht Behm Fotos und sammelt Beweise. Seit der Detektiv 1990 begann, hat sich der Job sehr verändert: Statt vor dem Telefonbuch sitzt er jetzt vor dem Rechner, wühlt sich mit Fake-Profilen durch soziale Netzwerke. "Manche Kollegen ermitteln nur noch am Computer. Aber ich will auch immer raus, das ist ja das Spannende am Beruf." Die Arbeit revolutioniert habe Google Earth, so Behm: "Damit kann man klären, wo in der Gegend, in der ich observiere, Einbahnstraßen sind. Und wo man am besten parken kann, ohne aufzufallen."

Die Zeit vergeht, der Regen tröpfelt. Behm reißt seine Digitalkamera hoch, sobald jemand aus dem Haus tritt. Aber nie ist es der Richtige. Warten, warten, warten - "oft sitze ich acht bis zehn Stunden am Tag im Wagen". Die Langeweile bekämpft Behm mit Hörspielen, die Müdigkeit mit Heavy Metal. Gegen die Kälte helfen zwei Paar Wollsocken und lange Unterhosen. Die Heizung darf er nicht zu oft anstellen, sonst beginnt das Auto zu dampfen, das fällt auf. Rauchen ist daher ebenfalls tabu.

Einmal verfolgte Behm mit einem Kollegen Lkw mit Diebesgut von Hamburg bis nach Ungarn. Tage und Nächte im Wagen, mit Stullen, Tee aus der Thermoskanne und mit einer Flasche zum Reinpinkeln, damit es keine Observierungspausen gibt. Die Flasche hat er auch heute dabei, außerdem drei Kameras und einen Camcorder. Auf der Rückbank liegt ein dunkelblaues Notizbuch.

Das Zielobjekt bleibt heute in der Wohnung, wie bei so vielen Aufträgen. Trotzdem mag Behm seinen Job. Gut, ein bisschen einsam sei es manchmal. Selbst wenn man zu zweit beschattet, sitzen die Detektive in zwei Autos und sprechen nur ein paar Worte über Funk. Familienfeindlich sei der Beruf auch: unregelmäßige Arbeitszeiten, schwankendes Einkommen. Seine Frau buche manchmal einfach einen Urlaub, da müsse er den Auftrag halt absagen. "Aber ich will nicht jeden Tag das Gleiche machen, das wäre tödlich für mich." Rente? Behm lacht. Quatsch, Rente! Weitermachen!

Berufseinsteigern rät er: als freier Mitarbeiter bei einem etablierten Detektiv Erfahrung sammeln - und der Realität des Jobs ins Auge sehen. Manche wollten schnell viel Geld verdienen und hätten keine Ahnung von den Durststrecken, die man als Selbstständiger durchhalten müsse. Behm grinst: "Denen versuche ich immer, die Bewerbung auszureden. Dann sehe ich, ob die wirklich brennen."

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