Jobprotokoll einer Diätassistentin "Gluten-Unverträglichkeit? In den meisten Fällen absoluter Quatsch"

Beraten, beruhigen, backen: Eine Diätassistentin erzählt, welche Ernährungshypes ihre Arbeit erschweren - und warum auch ihr eigenes Gewicht eine Rolle spielt.

Eine Diätassistentin plant und bereitet Mahlzeiten zu
Stefan Rupp/ Westend61/ Getty Images

Eine Diätassistentin plant und bereitet Mahlzeiten zu

Aufgezeichnet von Danielle Dörsing


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwältin oder Betreuer im Jobcenter.

"Du hilfst Leuten also beim Abnehmen?' Diese Frage bekomme ich als Diätassistentin oft gestellt. Die meisten denken bei dem Beruf an reine Ernährungsberatung, dabei mache ich so viel mehr.

Einige Diätassistenten arbeiten in Kliniken, manche führen selbstständig ihre eigenen Praxen. Ich arbeite in einer großen, fachübergreifenden Rehaklinik und berate, plane und unterstütze unsere Patienten in Sachen Ernährung und Gesundheitsbewusstsein.

Ich backe und koche auch mit meinen Patienten in der Lehrküche. Viele Diätassistenten arbeiten für Großküchen, erstellen Speisepläne und bereiten diätisches Essen zu. Wenn ich Menüs zubereite, achte ich zum Beispiel darauf, dass die Soße laktosefrei ist. Oder wenn wir Patienten mit einer Gluten-Unverträglichkeit haben, mache ich glutenfreie Nudeln. Die müssen separat gekocht werden, damit sich danach keine Glutenspuren finden lassen. Wer nicht gern in der Küche steht, ist bei uns also fehl am Platz.

Beratung auf vielen Ebenen

Außerdem führe ich Einzelgesprächen, berate die Patienten im Speisesaal der Klinik und halte Seminare. Dabei versuche ich zunächst immer herauszufinden, wo meine Patienten gerade stehen und welche Veränderungen leicht umzusetzen sind: Kocht jemand nur für sich oder für eine ganze Familie? Nimmt jemand bestimmte Medikamente? Hat die Person eine Unverträglichkeit?

Im Speisesaal bin ich Ansprechpartnerin für Patienten, die ein Diätmenü bekommen. Sie erhalten Informationsbroschüren sowie Zutatenlisten und kommen oft noch mal auf meine Kolleginnen und mich zu, um sich die Mahlzeiten erklären zu lassen und sich Tipps zu holen. Diabetiker, die insulinpflichtig sind, lassen sich von uns beispielsweise zu blutzuckerwirksamen Kohlenhydraten beraten, sodass sie ihre Insulinmenge richtig an die Mahlzeit anpassen können.

Fotostrecke

28  Bilder
Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Oft geht es bei der Beratung im Speisesaal auch einfach nur darum, Präsenz zu zeigen, damit es für die Patienten einfacher ist, mit uns in Kontakt zu treten. Häufig hab ich pro Patient nur 30 Minuten für ein Gespräch. Ich wünschte, dass ich mir meine Zeit hier individueller einteilen könnte: Bei manchen Patienten reicht die halbe Stunde aus, bei anderen bräuchte ich doppelt so viel Zeit.

Da ich den ganzen Tag mit Menschen arbeite und mich mit etwas sehr Persönlichem wie der Gesundheit auseinandersetze, ist Empathie in meinem Beruf sehr wichtig. Wenn Patienten von ihren Krankheiten und dem daraus resultierenden Leidensdruck erzählen, möchte ich, dass sie sich ernst genommen fühlen und spüren, dass ich ihnen wirklich helfen möchte.

In meiner Beratungsfunktion brauche ich eine hohe Frustrationstoleranz und viel Fingerspitzengefühl. Besonders die Patienten, die von ihren Ärzten geschickt werden, haben oft keine Lust auf eine Verhaltensänderung. Da renne ich immer wieder gegen Wände.

"Ich weiß, dass ich nicht alle retten kann"

Da ich groß und schlank bin, kommt es sogar vor, dass mein eigenes Gewicht und die Körperform bei den Beratungen eine Rolle spielt: Ein großer Gewichtsunterschied schafft immer eine gewisse Distanz. Manche Patienten fühlen sich dann bloßgestellt oder bevormundet und verschließen sich dann.

Es ist hilfreich, auf persönlicher Ebene mit den Menschen zu sprechen. Auch ich als Diätassistentin esse gern mal Süßigkeiten. Den Patienten das klarzumachen, baut Vertrauen auf. Auch Schubladendenken ist nicht hilfreich. Nicht jeder dicke Patient ist faul und ungesund, viele haben erfolglose Diätversuche hinter sich - Entmutigung und Frust inklusive. Auch sind meine dünnen Patienten nicht alle gesund und fit, oft ist sogar das Gegenteil der Fall.

Im Umgang mit den Patienten und ihren Erfolgen versuche ich immer, realistisch zu bleiben. Oft sind die Menschen nicht in der Lage, dem ernährungswissenschaftlichen Optimum zu entsprechen. Ich weiß, dass ich nicht alle retten kann, schließlich hängt vieles eben nicht von mir ab. Das musste ich jedoch erst lernen.

"Ich freue mich mit ihnen über die Erfolge"

Die Arbeit mit Patienten gibt mir sehr viel: Ich freue mich mit ihnen über die Erfolge und stehe mit Rat und Tat zur Seite. Eine Patientin von mir, die zu dem Zeitpunkt schon drei Jahre mit einem Stoma, also einem künstlichen Darmausgang, lebte, war zu Beginn der Beratung sehr verzweifelt. Durch ihr Stoma hatte sie sehr flüssigen Stuhlgang, was sie sehr belastet hat.

Die Frau hatte viel Humor. Während Stuhlgang allgemein tabuisiert wird, haben wir offen darüber gesprochen und auch viel gelacht. Ich half, indem ich ihre Ernährung umstellte, und bereitete zum Beispiel einen Mix aus Haferflocken, Apfel, Banane und Heidelbeeren zu. Ihr hat es geholfen, und sie war wirklich dankbar.

Nervige Ernährungshypes

Was mich bei der Arbeit nervt? Das sind Halbwissen und Ernährungshypes, denn die erschweren es mir, die Patienten optimal zu beraten. Oft informieren sich die Leute im Internet oder in sozialen Netzwerken und nehmen das dort Geschriebene für bare Münze. Viele kommen beispielsweise zu mir und sind fest davon überzeugt, eine Gluten-Unverträglichkeit zu haben, was in den allermeisten Fällen absoluter Quatsch ist.

Wer abnehmen und sich gesund und ausgewogen ernähren möchte, sollte immer medizinisches Fachpersonal aufsuchen. Wir können über die Krankenkasse abrechnen und im die Patienten Hinblick auf Gesundheitszustände beraten - all das können weder Fitnessstudios noch Instagram.

Wenn man nach Tarifsätzen des öffentlichen Dienstes bezahlt wird, beispielsweise in einem öffentlichen Krankenhaus, verdient man etwa 2300 Euro brutto. Da diese Stellen aber ziemlich rar sind, müssen die meisten meiner Kollegen mit deutlich weniger auskommen.

Leider ist 'Ernährungsberater' keine geschützte Berufsbezeichnung. Unser Berufsfeld wird oft verkannt und die Ausbildung nicht gewürdigt. Dazu trägt auch die Bezeichnung 'Assistenz' bei - ich finde, das hat etwas Abwertendes. Viele sehen in uns nur Abnehmcoaches - das Kochen und das medizinische Wissen werden oft vergessen."

insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mnfiufnd 26.09.2019
1.
Ob nun eine tatsächliche oder gedachte Glutenunverträglichkeit besteht, Fakt ist, dass die westliche Art sich zu ernähren Gift ist. Wer wirklich abnehmen möchte, muss nicht nur seine Ernährung, sondern sein Leben umstellen. Als Logopäde komme ich immer häufiger in die Situation, Eltern und Patienten erklären zu müssen, welche Nahrungsmittel zu einer ausgewogenen Ernährung gehören. Leider treffe ich zumeist auf Ablehnung, Ignoranz oder Ausreden.
fms1961 26.09.2019
2. Die Keule lieber einpacken ...
Zitat von MnfiufndOb nun eine tatsächliche oder gedachte Glutenunverträglichkeit besteht, Fakt ist, dass die westliche Art sich zu ernähren Gift ist. Wer wirklich abnehmen möchte, muss nicht nur seine Ernährung, sondern sein Leben umstellen. Als Logopäde komme ich immer häufiger in die Situation, Eltern und Patienten erklären zu müssen, welche Nahrungsmittel zu einer ausgewogenen Ernährung gehören. Leider treffe ich zumeist auf Ablehnung, Ignoranz oder Ausreden.
Mit solchen klischeehaften Sätzen bringt man keinen zum Abnehmen und zu bewusster Ernährung. Denn man kann das Pferd auch von hinten aufzäumen, ohne mit erhobenem Zeigefinger den Betroffenen etwas imperativ vorzuschreiben. Ich habe vo 2 Jahren innerhalb eines Jahres mehr als 60kg abgenommen - nur mit genauem Kalorienzählen, ohen große Anleitung, nur mit ärztlicher Begleitung. Nebeneffekt: man stellt die Ernährung von alleine um, ein großer Gemüsetopf sättigt eben mehr als z.B. ein paar Nudeln. Fleich wir weniger interessant, und man prüft auch alles, was man isst, genauer. Wenn man vor diesem Hintergrund lernt, bewusst zu essen ("Ist es mir das wert?"), klappt das bestens. Und da die Umstellung quasi "von innen" kommt, kann man später auch nach diesem Prinzip weiterhin leben. Ich habe mein Gewicht seither gehalten. Und trotzdem gönne ich mir auch mal einen Burger ... ;-)
matt2015 26.09.2019
3. Quatsch?
Fahrlässige Aussage, dass es Quatsch sein muss. Eine Diätassistentin kennt sicherlich nicht jedes Gedärme und dessen Mikrobiom im Aufbau. Jeder Mensch reagiert in unterschiedlicher Weise auf die Ernährung. Genauso gut kann man sagen, dass die Quacksalberei der Diätassistentin absoluter Quatsch ist. Die brabbelt auch nur einen Wissensstand heraus, ohne die Wahrheit selbst gefressen zu haben. Mit oder ohne Gluten.
der_durden 26.09.2019
4. Schuster, bleib bei deinen Leisten!
Zitat von MnfiufndOb nun eine tatsächliche oder gedachte Glutenunverträglichkeit besteht, Fakt ist, dass die westliche Art sich zu ernähren Gift ist. Wer wirklich abnehmen möchte, muss nicht nur seine Ernährung, sondern sein Leben umstellen. Als Logopäde komme ich immer häufiger in die Situation, Eltern und Patienten erklären zu müssen, welche Nahrungsmittel zu einer ausgewogenen Ernährung gehören. Leider treffe ich zumeist auf Ablehnung, Ignoranz oder Ausreden.
Schuster, bleib bei deinen Leisten! Was ist denn DIE westliche Ernährung? USA? Deutschland? Italien? Frankreich? Großbritannien? Ernähren sich die Menschen dieser Länder alle gleich? Warum ist die Ernährung in diesen Ländern in der von Ihnen vorgetragenen Grundsätzlichkeit Gift? Sie sind Logopäde und klären Eltern über Ernährung auf? So undifferenziert, wie Sie sich hier gerade äußern, wäre es schön, wenn Sie sich bei der Ernährungsberatung etwas zurückhalten würden und das den Ökotrophologen überlassen. Ich möchte mein Kind nicht von Ihnen "aufgeklärt" wissen. Ebenso, wie ich mein Kind nicht zur Ernährungsberatung schicke, wenn es einen Sprachfehler hat.
noerglerfritz 26.09.2019
5. Glutenunverträglichkeit...
ist kein Hype, sondern kommt leider in unserer Gesellschaft immer häufiger vor. Was die Ursache ist, weiß keiner. Dass nicht besonders schlaue Menschen diese Krankheit gerne für sich in Anspruch nehmen — aus welchen Gründen auch immer — ist traurig, ändert aber nichts daran, dass Glutenunverträglichkeit eine ernstzunehmende Angelegenheit ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.