Berufsprotokoll "Geld muss ehrlich und seriös aussehen, nicht kitschig"

Die letzte Serie der D-Mark und der spanischen Peseta, die neuen Euroscheine: Reinhold Gerstetter hat Geldscheine gestaltet, die Millionen Menschen täglich in ihrer Hand halten.

Geldgestalter Reinhold Gerstetter
HENNING ENGELAGE/ AFP

Geldgestalter Reinhold Gerstetter


Im Protokoll erzählt Designer Reinhold Gerstetter, was man bei der Gestaltung von Banknoten beachten muss, warum man Geld nicht eins zu eins fälschen kann - und warum er Scheine aus anderen Ländern nicht bewertet.

"Angefangen hat alles mit Briefmarken. 1978 habe ich begonnen, in der Bundesdruckerei als Chefdesigner zu arbeiten - und war dort zuerst dafür verantwortlich, Briefmarken zu gestalten. Aus Sicherheitsgründen müssen sie auf ein spezielles Papier gedruckt werden. Zwar nicht genau wie bei Banknoten - aber weil ich mich einmal auskannte, wurde ich irgendwann auch für Geldscheine angefragt.

Seitdem habe ich an vielen Ausschreibungen in zahlreichen Ländern teilgenommen und die unterschiedlichsten Währungen gestaltet: die letzte Serie der D-Mark, Banknoten in Spanien, Bolivien, Peru oder Estland - und die neue Euro-Serie.

Obwohl mehr als 340 Millionen Europäer täglich meine Scheine in der Hand halten, weiß eigentlich kaum jemand, dass ich für die aktuelle Serie verantwortlich bin. In China ist das anders: Dort habe ich mal Scheine designt und wurde von Fachleuten sehr geehrt - einige wollten sogar ein Autogramm.

Wer Geld gestalten will, muss sich mit Design, Grafik und Sicherungstechniken auskennen. Letzteres ist sehr knifflig: Sowohl Maschinen als auch Bürger müssen erkennen können, ob ein Schein gefälscht ist. Sicherungstechniken verändern sich wahnsinnig schnell, weil die Anforderungen daran stetig steigen. Um ein paar Kenntnisse davon zu bekommen, besuche ich immer wieder Sicherheitsfirmen und -Institute.

Für mich ist ein Geldschein mehr als nur die Zahl

Trotzdem bin ich überzeugt: Auf der ganzen Welt gibt es keine Banknoten, die man eins zu eins fälschen kann - vollkommen identisch, das ist einfach nicht möglich. Deshalb bin ich auch sehr skeptisch gegenüber Kryptowährungen wie Bitcoin. Denn für mich ist ein Geldschein mehr als nur die Zahl, die darauf steht - sondern auch eine Absicherung: Was man in der Hand hält, kann einem keiner nehmen.

1989 habe ich zuerst die D-Mark designt, weniger später kam die spanische Peseta heraus, die ich gestaltet hatte. In Spanien habe ich dann mein Geld gegen mein Geld getauscht, das war ein schönes Gefühl. Aber im Grunde ist es Arbeit, Scheine zu gestalten: Wer für ein fremdes Land eine Währung designt, muss die Mentalität und den Zeitgeist verstehen. Dementsprechend wälze ich Bücher über die Geschichte und Helden des Landes, entwickle eine eigene Philosophie - und muss mich gleichzeitig an die Anforderungen der jeweiligen Banken halten. Ich bin sicher, dass ich mein Geld ganz anders wahrnehme als jemand, der sich davon Brötchen kauft.

Bei der neuen Euroserie war damals die Bedingung: Die Scheine müssen zwar technologisch moderner werden, aber die alten Elemente noch erkennbar bleiben. Der Grund: Man wollte den Europäern nicht zumuten, etwas vollkommen Fremdes auf ihren Scheinen zu haben. Das war schlecht, denn die Philosophie der ersten Serie hat mir nur bedingt gefallen. Dieses Fenster- und Brückendesign, das passt zwar wunderbar zu Europa - allerdings stört mich, dass es die Brücken nicht gibt, sie sind Fantasieprodukte. Menschen wollen sich doch mit dem identifizieren, was sie sehen.

Lieber wäre mir gewesen, ich hätte die Serie komplett neu entwerfen können: Es gibt doch so große Europäer aus ganz verschiedenen Bereichen und Ländern. Künstler, Philosophen, Sportler oder Politiker - die hätte man alle zeigen können. Aber bei den Bänkern der Europäischen Zentralbank bin ich da nicht auf viel Begeisterung gestoßen. Sie wollten die Scheine lieber so haben, dass sich am Ende kein Land benachteiligt fühlt.

Scheine sollten freundlicher wirken

Bei der zweiten Reihe habe ich versucht, ein paar Schwächen der ersten auszugleichen. Ich habe die Scheine farbiger gemacht, damit sie freundlicher wirken. Den Stahlstichelementen habe ich mehr Tiefe gegeben, die Guillochen, feine Linien auf den Scheinen, sind nun dominanter zu erkennen.

Außerdem war mir wichtig, dass auf den Euro-Noten die Europa aus der griechischen Mythologie zu sehen ist: Jetzt ist sie auf jedem Schein, in den Wasserzeichen und auf einem Streifen auf der Vorder- und Rückseite. Zeus wollte ich eigentlich auch noch reinbringen, die Idee wurde aber leider abgelehnt. Trotzdem hoffe ich, dass meine Scheine dazu beitragen, dass bei der dritten Serie statt Brücken endlich große Europäer abgebildet werden. Einen Pablo Picasso oder Paul Peter Rubens zum Beispiel - das können aber Historiker entscheiden.

Wenn ich einen Geldschein designe, höre ich auf vor allem auf mein Bauchgefühl. Man muss immer auch ein bisschen Glück haben, dass die Leute das mögen. Farbe ist mir wichtig, eine gewisse Freundlichkeit - und trotzdem darf man nicht übertreiben. Geld muss Charakter ausstrahlen, ehrlich und seriös aussehen - nicht kitschig.

Wenn ich in andere Länder reise und das Geld dort sehe, versuche ich, es nicht zu bewerten. Das wäre auch nicht fair, denn ich weiß nicht, welche Anforderungen an die Designer gestellt wurden. Bei kleinen Währungen dürfen sie in der Regel vieles selbst entscheiden, in größeren Ländern ist das nicht immer der Fall.

Als ich vor einigen Jahren die aktuellen Dollarnoten gesehen habe, war ich furchtbar enttäuscht. Später habe ich mich mit dem Designer unterhalten: Seine Ideen musste er mit vielen Leuten absprechen, alle hatten natürlich andere Vorstellungen. Es ist schwer, als Designer mit eigenen Vorstellungen Kompromisse eingehen zu müssen."



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