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Journalistin öffnet Buchhandlung Getrieben von kitschigem Idealismus

Was für eine Schnapsidee: den Job kündigen und eine alte Buchhandlung übernehmen. Petra Hartlieb hat genau das getan, ohne einen Funken Ahnung. Über ihren Jobwechsel hat sie jetzt, logo, ein Buch geschrieben.
Buchhändlerin Petra Hartlieb: Getrieben von kitschigem Idealismus

Buchhändlerin Petra Hartlieb: Getrieben von kitschigem Idealismus

Foto: sebastianreich.com

Klar, wegen der Buchmesse in Frankfurt sind gerade alle wieder in Festwochenstimmung, aber: Buchhandlungen sind ein bisschen wie Videotheken. Man läuft an ihnen vorbei mit einem "Oje" im Kopf. "Die Armen", denkt man, "wie lange das wohl gutgeht." Erst recht seit vor ein paar Wochen Schriftsteller aus der ganzen Welt Protestbriefe an Amazon schrieben. Es ging zwar vor allem um E-Book-Rabatte, Erpressung und manipulierte Empfehlungslisten. Aber dass der Mega-Onlinehändler den analogen Buchhandlungen mit ihren wandhohen, vollgestopften Regalen das Geschäft madig macht, weiß doch jeder.

Kurz: Es klingt also schon wie eine große Schnapsidee, im 21. Jahrhundert ausgerechnet ins Buchgeschäft einzusteigen. Noch dazu einen Laden zu übernehmen, der gerade dichtgemacht wurde.

Petra Hartlieb und ihr Mann hatten diese Schnapsidee vor genau zehn Jahren . Im Urlaub in Wien hörten sie vom Aus einer alteingesessenen Buchhandlung - und schickten aus einer Laune heraus ein Kaufangebot. Dummerweise bekamen sie den Zuschlag.

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Darüber hat Hartlieb nun, logo, ein Buch geschrieben: "Meine wundervolle Buchhandlung" erzählt von dieser wahrlich abenteuerlichen Entscheidung, sich den Job mal eben schnell in der Praxis selbst beizubringen; darüber, mit der ganzen Familie aus Hamburg nach Österreich zu ziehen und eine untergehende Branche gegen eine andere zu tauschen - denn in ihrem früheren Leben war sie Journalistin. Ausgerechnet.

Immerhin ist der Umsatz der Branche stabil , das Weihnachtsgeschäft kommt ja erst noch und zum Glück jedes Jahr wieder. Mit einer gehörigen Portion Fatalismus erzählt Petra Hartlieb über ihren Neustart als Buchhändlerin - wahrlich ein Beruf, wie er im Buche steht:

1. Was gibt's zu tun?

Lesen, lesen, lesen, lesen. Stapelweise die Neuerscheinungen durchackern, die neben dem Bett und dem Sofa lagern. Neben dem Tagesgeschäft natürlich. Die Kunden brauchen schließlich das Gefühl, dem Rat ihres persönlichen Dealers vertrauen zu können, mitsamt der Geborgenheit, die ein Familienbetrieb ausstrahlt. Nur dass es in der Buchbranche dummerweise länger dauert, die Qualität der Ware zu checken als mit einem Handgriff in die Obstkiste auf dem Großmarkt.

2. Aha - und die Arbeitsmoral?

Verdammt hoch. Erst recht wenn wie bei den Hartliebs die Wohnung nur eine Etage höher liegt, erreichbar durch eine Treppe im Hinterraum. Noch dazu hat das Paar seine alten Jobs von heute auf morgen gekündigt - für eine weintrunkene, irrwitzige, im Urlaub ausbaldowerte Idee. Aufgeben gilt also nicht. Geht aber nur, weil die Bücherliebe so groß ist, eh klar.

3. Welches Handwerk muss man beherrschen?

Vom Lesen abgesehen: zu wissen, dass man Fachleute einstellen muss, wenn man den Job nicht selbst gelernt hat. Und ansonsten alle mit Fragen zu löchern, etwa: "Wie rechnet man aus, wie viel Bücher man verkaufen muss, damit man davon eine vierköpfige Familie ernähren kann?" Petra Hartlieb ruft einen an, dessen Info 25 Jahre alt ist: "Im Weihnachtsgeschäft, wenn wir über 100.000 Schilling am Tag gemacht haben, dann hat die Chefin einen Sekt springen lassen." Immerhin eine Grundlage, um einen zu erwartenden Jahresumsatz heute zu berechnen - "Unseriös? Ja, natürlich."

4. Was sind die miesen Seiten des Geschäfts?

Das Wissen, dass eine kleine Buchhandlung ein todgeweihtes Gewerbe ist. Oder zumindest die Sorge, dass alle recht haben, die mit ihren Unkenrufen im Laden stehen und immerfort fragen: Hat das Buch denn eine Zukunft? "Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das zu glauben", schreibt Hartlieb, auch wenn nicht klar sei, ob sie in zehn Jahren noch davon leben können. Aber "paradoxerweise besteht unser Erfolgsrezept darin, den Kunden vorzuspielen, in unseren Läden sei alles wie 'früher'". Beim Anblick eines Amazon-Pakets bekommt sie dennoch sofort Schnappatmung.

5. Was sind die Insignien der Macht?

Mit Leuten in der Buchbranche ist es nicht anders als bei Sportreportern: Sie sind in erster Linie Fans. Und da Schriftsteller auf Lesereise gehen, sind Buchhändler in einer unschlagbaren Position: Sie laden die Stars der Branche einfach zu sich ein oder organisieren den Büchertisch für die Signierstunde einer Lesung und ziehen dann im Verlagstross mit zum anschließenden Abendessen. Ein Tête-à-tête mit Jonathan Franzen, Dinner mit T.C. Boyle oder Musiker-Smalltalk mit Blixa Bargeld - das ist fast, wie in der Umkleidekabine der Lieblingsmannschaft zu sitzen.

6. Und die Lieferanten so?

Besser gesagt: die Vertreter. Eine Spezialität der Branche. Vor den Vertreterkonferenzen in den Verlagen, auf denen die Titel der kommenden Saison vorgestellt werden, zittern Lektoren wie Programmleiter. Denn mit den Vertretern, die durch die Buchhandlungen in ihrem Gebiet tingeln und noch nicht erschienene, meist noch nicht mal fertig geschriebene Bücher verkaufen, steht und fällt das Geschäft. Ist also Vertrauenssache. Bei Hartliebs halten nur die Vertreter durch, die ihren Job auch neben Kindergewusel, zwischen zwei Kunden, vielleicht beim Pizzaessen schaffen.

7. Lohnt es sich?

Die Mischung aus beherzter Blindheit und positivem Trotz, die Petra Hartlieb in ihrem Buch an den Tag legt, ist mitreißend. Als sei sie den Beweis angetreten, dass alles klappt, wenn man es nur gerne macht - und damit gut. Getrieben von kitschigem Idealismus, nicht von Gewinnmaximierung wie bei den Ketten. "Wir leben unseren Traum und wollen damit einigermaßen unser Leben finanzieren. Und die wollen Profit machen, und zwar jedes Jahr mehr", schreibt sie. Für alle, die in aussterbenden Berufen arbeiten, gilt: Die Entscheidung für das eine und gegen das andere ist letztlich eine Lebenseinstellung. Oder wie man in Wien sagt: Es geht sich schon aus.

Foto: privat

KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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