Berufe-WM in London "So stark wie nie, wir sind Made in Germany"

Sie sägen, schweißen und entwerfen um die Wette: Die besten deutschen Handwerker und Facharbeiter stellen sich in London der Welt-Elite. Die Berufe-WM enthüllt die wahren Stärken der Deutschen: Kochen, Mauern, Gärtnern.

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Dominik Chylek ist hochkonzentriert, immer wieder zieht er die Fuge in der roten Backsteinmauer nach. "Das Fugenbild muss stimmen", sagt er. "Sonst gibt es Punktabzug."

Seine Aufgabe: Er muss die Tower Bridge mit englischen Backsteinen in Miniatur nachbauen. Präzision ist Pflicht, jeder Millimeter Abweichung kostet Punkte. Genau 22 Stunden hat er Zeit dafür, die Arbeit ist über vier Tage verteilt. Ab und zu wirft er einen Blick zur Konkurrenz nebenan. "Die Koreaner sind sehr gut", sagt er. "Ich muss mich ranhalten".

Chylek, 21, Maurer aus Delmenhorst, ist Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, die diese Woche bei der World Skills 2011 in London um Medaillen kämpft. Alle zwei Jahre findet die Weltmeisterschaft der Handwerks- und Industrieberufe statt. Dieses Mal treten 944 Teilnehmer aus 51 Ländern in 46 Disziplinen gegeneinander an. Bis Samstag gehen die Wettkämpfe, am Sonntag ist Siegerehrung.

In den riesigen Messehallen des Londoner ExCel-Zentrums sind über ein Dutzend komplette Küchen für die Köche aufgebaut, bei den Sanitärinstallateuren stehen Toiletten, die fachmännisch angeschlossen werden müssen. Die Landschaftsgärtner wuchten schwere Steine kunstvoll in Position, bei den Schreinern kreischen die Sägen. Vom Anlagenelektroniker bis zum Webdesigner ist alles dabei.

England gewinnt beim Kochen?

"Die Deutschen sind traditionell gut im Kochen, Mauern und Landschaftsgärtnern", sagt Hubert Romer, Sprecher der deutschen Mannschaft. Als der britische Vizepremier Nick Clegg in seiner Eröffnungsrede zur WM behauptete, England habe beim letzten Mal in Calgary im Kochen gewonnen, gab es lauten Protest aus dem deutschen Lager: Gold war damals an Deutschland gegangen.

Die Nationalmannschaft setzt sich aus den Bundessiegern der verschiedenen Branchen zusammen, gefördert wird sie vom Bildungsministerium und privaten Sponsoren. Selbst eine Hymne hat sie, mit dem etwas holprigen Refrain: "Wir sind so stark wie nie, wir sind made in Germany".

Richard M. Schauer tritt bei den Möbelschreinern an. Der 21-Jährige ist Tischler in der vierten Generation. Er ist in der Familienwerkstatt groß geworden und hat den WM-Geist von klein auf miterlebt. Sein Vater Richard Schauer war 1988 bei der World Skills in Australien dabei, und seit 1995 betreut er obendrein als Experte die Bauschreiner.

"Einige der Teilnehmer sind noch nie geflogen"

"Alle zwei Jahre kamen die WM-Teilnehmer mehrere Wochen lang zur Vorbereitung in unsere Werkstatt", erzählt Schauer Junior. Der Familienurlaub fiel in diesen Jahren regelmäßig aus, weil der Vater zur WM reiste. Der Erwartungsdruck ist dementsprechend groß: Schauer Senior hatte einst einen sechsten Platz errungen und ist ein bekannter Name in der Welt-Organisation. Doch sein Sohn scheint gut damit umgehen zu können. "Ich mache mir keinen Stress", sagt er.

Andere Teilnehmer hingegen sind sichtlich nervös. Bauschreiner Erik Brandenburg schaufelt Traubenzucker in sich hinein und will lieber nicht reden. "Fachlich sind sie alle top, aber der Zeitdruck setzt ihnen zu", sagt Swantje Küttner, Sprecherin des deutschen Baugewerbes. Hinzu kommt der Publikumseffekt: Scharen von Besuchern schieben sich an den Wettbewerbern vorbei und schauen interessiert zu, wie die vor sich hin werkeln.

Für viele der 20- bis 22-jährigen Teilnehmer ist die Reise ein Abenteuer. Insgesamt neun Tage verbringen sie in London. "Einige sind noch nie geflogen", sagt Küttner. "Sie kommen aus Handwerkerfamilien, die in ihren Dörfern leben. Die stehen morgens auf und gehen zur Arbeit. Die World Skills sind eine Riesennummer". Wer mitfährt, kann sich zur Elite seines Berufs zählen. "Die WM ist wie eine Kaderschmiede", sagt Romer. "Das sind alles künftige Führungskräfte."

"Selbst die Brasilianer sind manchmal besser als wir"

Das Großereignis ist auch ein Prüfstein für das deutsche Ausbildungssystem. Die klassische Lehre genießt immer noch einen guten Ruf in der Welt, doch die WM zeigt, dass andere längst ebenbürtig oder besser sind. Korea, Japan, Schweiz, Österreich, Finnland und Frankreich seien sehr starke Wettbewerber, sagt Romer. "Selbst die Brasilianer sind manchmal besser als wir".

Während die Koreaner systematisch zwei Jahre lang für die WM trainieren, läuft die Vorbereitung in Deutschland neben der Arbeit und ehrenamtlich. Der Erfolg hängt in der Regel davon ab, ob sich in einer Branche ein engagierter Betreuer findet. Deshalb treten die Deutschen in London auch nur in 24 Disziplinen an. Beim Friseurwettbewerb etwa schauen sie nur zu, weil vor zwei Jahren der langjährige Betreuer an Krebs gestorben ist.

Es läge an den Kammerverbänden, die Vorbereitung zur WM zu verbessern, doch die sind häufig mehr an ihren eigenen Wettbewerben interessiert. Immerhin landen die deutschen WM-Teilnehmer in der Regel unter den ersten Fünf - ein Zeichen für die anhaltende Qualität der deutschen Ausbildung. Und wer weiß, vielleicht engagieren sich die Kammern beim nächsten Mal stärker: 2013 findet die World Skills in Leipzig statt.

Wenn Deutschland in mehr Berufen antrete, würde sich vielleicht auch die Frauenquote erhöhen. Dieses Jahr ist nur eine einzige Frau dabei: Die Restaurantfachfrau Regina Rager muss ihre Künste beim Servieren im eigens aufgebauten Restaurant und an der Bar zeigen.

Alle Teilnehmer brennen vor Ehrgeiz. Vor zwei Jahren in Calgary hat es für dreimal Gold und je zweimal Silber und Bronze gereicht. Das Ergebnis soll dieses Jahr übertroffen werden. Auch Chylek hofft am Sonntag auf einen Platz auf dem Treppchen, wenn seine Tower Bridge erstmal fertig ist. "Damit wäre ich voll zufrieden."

    Carsten Volkery (Jahrgang 1973) ist Großbritannien-Korrespondent von SPIEGEL ONLINE.



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