In Kooperation mit

Job & Karriere

Erste Hilfe Karriere Die dunklen Linien der Berufsfindung

Eine Mutter, die Ärztin werden wollte und ihren Wunsch der Tochter einpflanzt. Ein Anwalt, der insgeheim die Scheidung der Eltern rächen soll - die Familiengeschichte beeinflusst Berufsentscheidungen oft stärker, als es gut ist. Uta Glaubitz über versteckte Aufträge und Schuldgefühle.
Ausgangspunkt Familie: Berufswahl mit Mutter-Sohn-Linie

Ausgangspunkt Familie: Berufswahl mit Mutter-Sohn-Linie

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Unter der Entscheidung für einen Beruf liegen oft dunkle Linien der Familiengeschichte. Manchmal handelt es sich um explizite Aufträge, etwa wenn der Vater eine Rechtsanwaltskanzlei hat und sich vom Sohnemann wünscht, dass dieser sie weiterführt. Aber es gibt auch tiefer Liegendes, nicht so offensichtliches. Mit einigen Beispielen möchte ich den Blick dafür schärfen.

Eine häufig auftretende Komponente ist der ungelebte Berufswunsch der Mutter. Eine Mutter wollte beispielsweise Ärztin werden. Das ging aber zu DDR-Zeiten nicht, weil die Familie nicht in der SED war und ein Studienplatz in Medizin daher in weiter Ferne. Diesen ungelebten Berufswunsch projiziert die Mutter später in ihre älteste Tochter. Diese wird Ärztin und fragt sich mit 35 Jahren: "Was mache ich hier eigentlich? Lebe ich mein Leben - oder das meiner Mutter?"

Eine typische Mutter-Sohn-Linie dagegen könnte so aussehen: Eine Ehe geht in die Brüche. Fortan ist der einzige Sohn eine Art Partnerersatz für die Mutter. Mit ihm verbündet sie sich gegen den Vater und führt einen ewigen Kampf vor Gericht. Der Auftrag wird nie ausgesprochen und ist dennoch klar: Der Sohn wird Rechtsanwalt. Sobald er versteht, wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist, wendet er sich mit Abscheu von der Juristerei ab. Er fühlt sich missbraucht, wenn auch nicht sexuell, sondern vor allem in seiner erzwungenen Ablehnung des Vaters.

Eine Schande wiedergutmachen

Auch ein Schuldgefühl oder eine Schande in der Familie kann unter einer Berufsentscheidung liegen. Eine Frau kommt zu mir, die Judaistik studiert hat. Ich frage sie, ob sie aus einer jüdischen Familie kommt. "Nein", sagt sie, "aus einer Nazi-Familie." Die Eltern haben sich nach dem Krieg bei der NPD engagiert. Nicht als Kader, aber als Zuarbeiter und Hausmeister für ein entsprechendes "Zentrum". Die Tochter glaubt, das irgendwie ausgleichen zu müssen.

Ein etwa 40-Jähriger ist von Beruf Jugendamtsleiter. Wie er dahin gekommen ist, kann er sich selbst nicht erklären. Es stellt sich aber Folgendes heraus: Der Mann hat einen Bruder, der verschollen ist. Es ist unklar, ob es sich um einen Selbstmord, einen Unfall oder vielleicht auch um die Abschiebung eines Kuckuckskinds handelt. Was wirklich passiert ist, ist nicht herauszubekommen, sondern ein Familiengeheimnis, so wie es in jeder Familie Geheimnisse gibt. Denkbar ist, dass unter den Entscheidungen, die der Mann im Laufe seiner Karriere fällt, eine Suchlinie liegt: Er sucht seinen verschollenen Bruder. Das ist kein bewusster Prozess, sondern ein Sog.

Bei den dunklen Linien geht es nicht um das Offensichtliche, nicht um oberflächliche Motive, wie beispielsweise, dass wir irgendwo gehört haben, dieser oder jener Beruf "hat Zukunft". Es geht um die Geschichte unter der Geschichte. Schauen wir uns folgenden Fall an: Ein Vater wollte immer einen Sohn. Bei jedem seiner fünf Kinder hofft er inständig auf männlichen Nachwuchs. Aber es kommen nur Töchter. Bei der fünften Geburt ist klar: Das war seine letzte Chance, es wird keinen Sohn mehr geben. Die jüngste Tochter muss nun den (nicht ausgesprochenen) Wunsch erfüllen und wenigstens Soldatin werden. Wogegen prinzipiell nichts einzuwenden ist. Aber es ist eine Entscheidung, die sie nur auf der Oberfläche selbst gefällt hat.

"Lebe ich meinen eigenen Berufswunsch?"

Ein Motiv kann auch Generationen überspringen: Ein Urgroßvater wollte nach Ostpreußen (wo die großen Landgüter im deutschen Kaiserreich lagen), um dort Milchvieh zu züchten. Seine Frau lehnte ab, die Familie blieb im Rheinland. Der Urenkel weiß nicht viel von dieser Sache und macht zunächst eine Ausbildung zum Zahntechniker. Doch je älter er wird, desto mehr zieht es ihn in die Landwirtschaft. Mit Mitte 30 macht er noch einmal eine landwirtschaftliche Ausbildung. Das zwiespältige Gefühl bleibt: "Lebe ich meinen eigenen Berufswunsch - oder den von jemand anderem?"

Solchen Motiven zu folgen, kann vielversprechend sein: Vielleicht wird der Mann eines Tages erfolgreicher Viehwirt und baut so eine Ruine seiner Familiengeschichte auf. Es gibt aber auch gegenteilige Beispiele: Ein Vater ist als Textil-Designer hochtalentiert, bringt es aber beruflich zu nichts. Es fehlt ihm an Selbstbewusstsein für eine Branche, in der es durchaus aufs Ego ankommt. Die Tochter ist ebenfalls talentiert. Aber sie hat das für sie unaussprechbare Gefühl: "Wenn ich beruflich erfolgreich bin, steht mein Vater noch mehr als Loser da." Da sie ihren Vater liebt, muss sie den eigenen beruflichen Erfolg unbedingt verhindern. Irgendwie manövriert sie sich immer wieder in beruflich aussichtslose Situationen.

In solchen Fällen hilft es nichts, den Grund für das eigene Versagen im Äußeren zu suchen. Eine dunkle Linie ist stärker als jede "Situation auf dem Arbeitsmarkt". Man kann nur seine Taschenlampe anknipsen, tiefer graben und mehr darüber herausfinden, wie man tatsächlich zu seinem Beruf gekommen ist. Damit wird der Blick klarer dafür, welcher Beruf viel besser zu einem passen könnte.