Menschen und ihre Berufskleidung Bitte freimachen

Die Geisha im Kimono, der Bischof in der Soutane, eine Domina in Lackmontur: Die berühmte Fotografin Herlinde Koelbl hat Leute in Uniformen porträtiert - und ohne. Ihre Ausstellung "Kleider machen Leute" zeigt verblüffende Verwandlungen vom öffentlichen zum privaten Menschen.

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Wenn sich die Welt ändert, ändert sich auch die Uniform. Man muss sich nur einmal die klassische Fotoreporterweste anschauen. Noch immer ist sie reißfest, schlammfarben, mit ausgebeulten Taschen an den Seiten, in denen schwere Objektive verstaut werden können. Aber die genormten Schlaufen und Täschchen auf der Brust - fort. Die Filmdosen, die da früher reingehörten, sind einfach vom technologischen Fortschritt abgehängt worden.

So eine Reporterweste trägt Herlinde Koelbl, 72, nicht. Das einzig Uniforme an der mit Preisen überhäuften Fotografin sind, wenn man so will, ihre roten hochgesteckten Haare, immer gleich. Dass andere mit ihrer Berufskleidung in eine andere Rolle schlüpfen, fasziniert sie jedoch. So hat Koelbl sich in den vergangenen vier Jahren intensiv einem Fotoprojekt genau darüber gewidmet: Die Dresdner Ausstellung "Kleider machen Leute" zeigt 70 Menschen in ihrer Jobkluft - und daneben privat. In Uniform gehören sie zu einer gleichförmigen Berufsgruppe, in der Freizeitkleidung sind sie Einzelpersönlichkeiten.

"Die Uniform entindividualisiert den Menschen, aber sie verleiht dem Träger die Gewissheit, einem besonderen Stand, vielleicht sogar einer Elite anzugehören", schreibt Koelbl im Fotoband zur Ausstellung. So wie der kleine Schneider in der titelgebenden Novelle von Gottfried Keller, der sich das Gewand eines Grafen zulegte, fortan so verkleidet wie ein Blaublüter auftritt - und auch so behandelt wird.

Verwandlung und Blendung durch Kleidung

Herlinde Koelbl, die auch schon in ihrer berühmten Langzeitserie "Spuren der Macht" Politiker in sich wandelnden Macht-Uniformen porträtiert hat, zeigt nun weder Schneider noch Grafen. Sie fotografierte Mönche, Ärzte und Richter, aber auch Astronauten und Matrosen, Wrestler und Sumo-Ringer. Koelbl geht es um die Verwandlung, auch um die Blendung durch Kleidung. Der Butler nennt seinen Frack "Diensthaut", die Domina ihre rot-schwarze Lackmontur "Panzer".

Stets sind es Doppelporträts mit der Berufs- und der Privatkleidung, dazu Detailfotos etwa von Orden, Manschettenknöpfen oder Handschuhen. Bei manchen ist der Beruf unausweichlich mit einer standardisierten Kluft verbunden, andere outen sich mit ihrer Kleidung als Teil eines bestimmten Standes. So wie Manager eben Anzüge tragen und IT-Nerds als ironisches Statement bunte Socken.

Doch gerade bei institutionalisierten Berufen hat eine bestimmte Kleiderordnung eine lange Tradition: Schon im Mittelalter demonstrierten Handwerker mit ihren Hosen, ihren Abzeichen, der Anzahl der Knöpfe und Krawatten, zu welcher Gilde sie gehörten und welchen Rang sie in der Zunft hatten. Heute sieht man nur noch Gesellen häufig auf der Walz in der klassischen Kluft. Oder etwa rußschwarze Kaminkehrer, wie die Frau, die schwärmt, als "Glücksbringer" wahrgenommen zu werden.

"In der Rolle des Kapitäns strahlt man automatisch Autorität aus"

Aber auch staatliche und kirchliche Berufsstände haben nach wie vor ihre feste Kleiderordnung. So tragen Richter und Anwälte Roben, Generäle und Polizisten eine Uniform, Mönche und Nonnen einen Habit. Die einen sind für täglichen Gebrauch, die anderen werden nur manchmal übergezogen; die einen sind Stangenware, die anderen sind maßgefertigt. Jede Berufskluft transportiert somit auch, welchen Stellenwert der Beruf innerhalb der Gesellschaft hat - von Land zu Land verschieden.

Abzulesen ist das an den Uniformen selbst, etwa bei den vielen Militärs, die Koelbl fotografierte. Und es ermöglicht ihrer Meinung nach Einblicke in die geistige Haltung einer Gesellschaft: "Hier der deutsche General mit grauer Uniform und dezenter schmaler Ordensspange, dort der mongolische General mit der Brust voller Orden." Auch wenn Herlinde Koelbl viele Arbeitende in Deutschland und der Schweiz abgelichtet hat, lag ihr Schwerpunkt auf Asien: "Gerade in Japan spielt die Uniform auch in der Öffentlichkeit eine große Rolle", sagt sie, "viele Menschen tragen eine, egal, ob sie den Verkehr regeln oder Fahrräder vor einem Supermarkt ordnen. Die Uniform wertet jede Tätigkeit auf - und damit denjenigen, der sie verrichtet."

Darauf bauen auch große Unternehmen. "Firmen versuchen mit ihren Uniformen, an die Tradition der mittelalterlichen Zünfte anzuknüpfen", so Koelbl. "Sie transportieren die Corporate Identity des Unternehmens und sollen gleichzeitig das Wir-Gefühl der Mitarbeiter stärken." Wie das funktioniert, erkennt man in der Fotoserie am Hotelconcierge oder an der Frau, die bei McDonald's arbeitet und für ihren Job Hosen mit Uniformstreifen an der Seite trägt, dazu einen Gürtel mit dem Firmenlogo drauf. Genauso am Flugkapitän, den Koelbl mit Pilotenkoffer abgelichtet hat und der erklärt, dass er und seine Crew meist zusammen durch den Flughafen gehen, um das Unternehmen optisch zu repräsentieren: "Man schlüpft in die Rolle des Kapitäns und strahlt automatisch Autorität aus" - was die Uniform signalisiere, gehöre zu seinem Berufsbild.

Metamorphosen: Auch die Körpersprache ändert sich

In der Tat: Optisch Teil einer Zunft zu sein, verändert die Menschen - die meisten stehen in ihrer Berufsrolle aufrecht da, selbstbewusst. In Jeans und T-Shirt indes neigen sie verschämt den Kopf zur Seite, verlagern das Gewicht. Völlig aus der Reihe fällt der Berliner Anwalt und Kulturförderer Peter Raue, der auch das Vorwort zum Ausstellungskatalog schrieb. Raue erzählte der Fotografin, er trage immer Anzug und Fliege, selbst mit den Enkeln im Zoo - oder eben gar nichts. Genau so nahm sie ihn auf: wie er gar nichts trägt.

Besonders auffällig fand Herlinde Koelbl die Verwandlung bei einem, der von Weltlichem wie Klamottenfragen berufsbedingt eher entfernt ist: dem Regensburger Bischof Müller. "Zuerst stand er da in seiner schönen roten Soutane. Dann ging er in ein Nebenzimmer und kam nach einiger Zeit in einem Trainingsanzug zurück", erzählt die Fotografin. "Seine Körperhaltung war vollkommen verändert, ganz entspannt erschien er dann vor mir."

Das hat offenbar auch mit einem Manko zu tun, das bei vom Arbeitgeber gestellter Kleidung nicht unüblich ist: Sie sitzt nicht richtig. Das ist im Kirchengeschäft nicht anders, gerade am Hals sei der Trainingsanzug "angenehmer als der steife Priesterkragen", gab Bischof Müller zu Protokoll: "Der ist zwar schön, aber nicht bequem."

Apropos: Dass anders als bei den Fotografenwesten manchen Uniformen längst überflüssige Details erhalten bleiben, entdeckte Koelbl im Vatikan. Als ein Schweizergardist zum Porträtfoto erschien, erspähte sie einen Dolchschaft an der Seite: "Auf den Griffen ihrer Schwerter ist 'Benedikt XVI.' eingraviert, denn die Gardisten haben dem Papst die Treue geschworen", erzählt sie. "Gott sei Dank werden sie ihn mit diesen Waffen aber wohl kaum je zu verteidigen haben."


DIE AUSSTELLUNG
"Kleider machen Leute" von Herlinde Koelbl
Deutsches Hygiene-Museum Dresden
4. Mai bis 29. Juli 2012

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.



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