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Berufspendler Stadt, Land, Stress

Wohnen will der Mensch, wo er's heimelig findet. Blöd nur, wenn das Büro ganz woanders ist. Nichts zersägt die Nerven so zuverlässig wie tägliches Pendeln. Fünf Herumtreiber erzählen von Minutenhatz auf dem Kickboard, Stillstand in der Bahn und vergeudeter Lebenszeit im Auto.

Im ICE erkennt man sie an der schwarzen Vielfahrer-Bahncard, im Stau am resignierten Gesichtsausdruck, vor der Bushaltestelle am ständigen Blick auf die Uhr: Berufspendler. 1,5 Millionen Menschen wohnen in Deutschland mehr als 50 Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt. Manche haben zwei Zuhause - die Wunschwohnung fürs Wochenende und ein Zimmer in Büronähe. Die anderen pendeln täglich.

Für den Weg zur Arbeit brauchen die meisten Mehr-als-50-Kilometer-Pendler laut Statistischem Bundesamt mindestens 60 Minuten - macht täglich zwei Stunden im Auto, Zug oder Bus. Wo sparen Berufspendler diese Zeit ein? Sie schlafen kürzer, treiben seltener Sport und nehmen sich weniger Zeit zum Kochen, zeigt eine Studie von US-Wissenschaftlern.

Wie nervig ist Pendeln? Fünf Berufsnomaden erzählen vom Arbeitsweg zwischen Stadt und Land - mit Bus, Bahn, Auto, Wohnmobil und Kickboard.

  • Der Minutenzähler: "Planung ist alles"

Ingenieur Christian Schön optimiert permanent seinen Arbeitsweg

Ingenieur Christian Schön optimiert permanent seinen Arbeitsweg

Foto: Steffen Meyer

"Viele Leute pendeln vom Dorf in die Großstadt, bei mir ist es anders herum: Ich wohne in Dortmund und fahre jeden Tag nach Lippstadt. Für meinen Traumjob als Lichttechnik-Ingenieur in einer Entwicklungsabteilung dort nehme ich in Kauf, dass ich morgens um 6 Uhr aufstehen muss und erst um 19.30 Uhr wieder zu Hause bin. Nach Lippstadt ziehen kommt nicht in Frage, ich bin einfach eher der Großstadtmensch.

Ich versuche alles, um das meiste aus meiner Zeit herauszuholen. Abends schmiere ich mir Brote für den nächsten Tag und packe meine Tasche. Gegen 6.35 Uhr verlasse ich das Haus und brauche etwa zehn Minuten zum Bahnhof. Wenn ich später als 6.39 Uhr in die Unterführung gehe, heißt es für mich: laufen, um meinen Zug noch zu bekommen.

Die Zugstrecke kenne ich immer noch nicht auswendig, weil ich meist Zeitung lese oder schlafe. Ich habe mir dafür extra gute Kopfhörer gekauft: Selbst wenn ich keine Musik höre, bekomme ich kaum Umgebungsgeräusche mit. Um nicht die Haltestelle zu verschlafen, stelle ich mir einen Wecker, der dann in meinen Kopfhörern klingelt. Das hat mich schon öfter gerettet.

Zeit sparen mit dem Kickboard

Nach der 45-minütigen Zugfahrt habe ich in Lippstadt fünf Minuten, um den Bus ins Gewerbegebiet zu bekommen - oft ganz schön knapp. Zum Glück kennt mich der Busfahrer mittlerweile und wartet auch mal zwei Minuten. Von der Haltestelle aus brauche ich zehn Minuten zu Fuß bis zur Firma. Einige Pendler nehmen ein Klappfahrrad mit, ich habe mir ein Kickboard gekauft. Weil der Weg leicht bergauf geht und ich morgens schon ein wenig ins Schwitzen gekommen bin, gehe ich jetzt wieder zu Fuß und bin gegen 7.50 Uhr bei der Arbeit.

Abends zu Hause haue ich mich erst mal aufs Sofa und telefoniere mit meiner Freundin, die noch in der Nähe von Köln wohnt. Fast jedes zweite Wochenende bin ich die letzten anderthalb Jahre auch noch dahin gependelt. Finanziell macht das nichts, weil ich mit der BahnCard 100 deutschlandweit jeden Zug nutzen kann. Mein Arbeitsweg durchquert dummerweise drei Verkehrszonen, da rechnet sich das schon.

Jetzt hat meine Freundin eine Arbeit in Dortmund gefunden, wir ziehen zusammen. Von der neuen Wohnung geht es zum Hauptbahnhof bergab. Ich kann also mein Kickboard herauskramen - und so vielleicht ein paar Minuten sparen."

Aufgezeichnet von Steffen Daniel Meyer

Die Regionalzüglerin: "Ständig Entschuldigungs-SMS an den Chef"

Journalistin Almut Steinecke erinnert sich gut an den Tag, als ihr Zug einmal pünktlich war

Journalistin Almut Steinecke erinnert sich gut an den Tag, als ihr Zug einmal pünktlich war

"Vor einiger Zeit zog es mich beruflich von Bochum nach Köln. Ich wollte aber nicht umziehen, konnte mich nicht von Bochum trennen. Von meiner Wohnung zum Bahnhof waren es nur zwei Minuten, der Regionalexpress fährt durch bis Köln. Aber hin und zurück saß ich 152 Minuten im Zug, obendrauf 40 Minuten Fahrtzeit in Köln. Zusammen brachte ich es auf 196 Minuten Pendelzeit pro Tag - wenn's gut lief.

Es lief aber fast nie gut. Türstörungen, Signalstörungen oder 'erhöhtes Fahrgastaufkommen' mit 'Verzögerungen im Betriebsablauf' - ständige Pendelpausen passten zur Monotonie eines Vielfahrer-Alltags: morgens immer dieselben, leer blickenden Gestalten, die auf dem Bahnsteig an den immer selben Stellen stehen.

Oft gab es jähe Unterbrechungen. Herbst und Winter kommen für die Deutsche Bahn wohl stets unvorhergesehen, feuchtem Laub und Schneeflöckchen auf den Schienen war sie regelmäßig hilflos ausgesetzt.

'Man schießt auf uns!'

Eine wirklich böse Überraschung war dagegen eines Tages die Durchsage hinter Düsseldorf: 'Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit, da vor uns auf den Gleisen eine menschliche Leiche liegt.' Noch schlimmer war der Unfall kurz hinter Wattenscheid, als frühmorgens ein alter, vermutlich betrunkener Mann zu Fuß über die Gleise wollte und unter die Räder geriet. Der Zug hupte wild, doch es war zu spät, der Aufprall jagte allen Entsetzen in den Bauch. Für Stunden bewegte sich der Zug nicht vom Fleck.

Ein anderes Mal mischten sich auf dem Rückweg kurze, knallende Laute ins Rattern des Regionalexpresses. Mit großen Augen blickten die Passagiere auf kreisförmige Dellen in den Fensterscheiben, um die sich strahlenförmige Risse bildeten. "Man schießt auf uns! Ich rufe die Polizei!", schrie ein Mann und zückte sein Handy. Der Schaffner fand heraus, dass jemand Steine auf den fahrenden Zug geworfen hatte. Der rollte aus und blieb lange stehen.

Ebenso am Morgen, als der Express in die Eisen ging, weil die Bremsen durchschmorten; dem aufsteigenden Rauch vor den Zugfenstern folgte stundenlanger Stillstand. Und schon wieder Entschuldigungs-SMS an meine Chefs.

Einmal hatte der Regionalexpress keine Verspätung, nicht eine Sekunde. Der Schaffner würdigte es mit der Durchsage: 'Wir erreichen pünktlich den Kölner Hauptbahnhof!' In seiner Stimme schwang Fassungslosigkeit. Inzwischen bin ich nach Köln gezogen."

Almut Steinecke

Der Jobwechsler: "Pendeln ist pure Lebensverschwendung"

Filmemacher Jürgen Wolf, 45, hat mitgezählt: 41 Tage seines Lebens verbrachte er in Regionalzügen

Filmemacher Jürgen Wolf, 45, hat mitgezählt: 41 Tage seines Lebens verbrachte er in Regionalzügen

"Zeulenroda ist meine Wahlheimat. Hier, in der Natur und bei meiner Freundin, fühle ich mich wohl und will nicht mehr weg. Vor drei Jahren wurde mir ein sehr interessanter Job in Göttingen angeboten: umziehen oder pendeln? Vier Stunden braucht man für die Strecke ohne Stau. Ich entschied mich fürs Pendeln - mit dem Wohnmobil. Von Montag bis Freitag wohnte ich auf einem Parkplatz in Göttingen, am Wochenende fuhr ich nach Hause.

Nach vier Monaten habe ich mir eine kleine Wohnung in Göttingen gesucht und bin auf die Bahn umgestiegen. Nachhaltigkeit ist mir wichtig, es war auch die günstigere Variante; Benzin und Parkplatzgebühren sind teuer. Dafür war der Zeitaufwand enorm, auch ohne Verspätungen. Jeden Freitag ging es für vier, fünf Stunden in die Regionalbahn. Sonntags musste ich schon um 15 Uhr in Zeulenroda los, in Göttingen war ich erst um 22 Uhr. Die Hälfte meiner Wochenenden verbrachte ich also bei der Deutschen Bahn.

Regionalzüge sind eine körperliche Zumutung

Zu Beginn war das Pendeln noch aufregend: Man kann gut arbeiten, lesen, neue Kontakte knüpfen. Doch körperlich ist es eine Zumutung. Unter diesen unbequemen und engen Sitzen leiden besonders Knie und Rücken sehr. Dazu die schlimmen Temperaturen: im Winter eiskalt, im Sommer zu heiß. Für die Beziehung kann die Distanz anfangs noch erfrischend sein, aber auf Dauer ist die Gefahr der Entfremdung sehr groß. Was man erlebt, kann man nicht miteinander teilen, die vielen Telefonate fangen das auch nur bedingt auf.

Als mein Arbeitgeber mir eine Vertragsverlängerung anbot, habe ich abgelehnt. Das Zugfahren stiehlt mir einfach zu viel Zeit und Energie. Und ich will den Bezug zu meiner Heimat, inklusive Beziehung, nicht noch mehr verlieren. Deswegen habe ich mich nun selbständig gemacht - als Videojournalist und Filmemacher.

Eigentlich habe ich Vulkaniseur gelernt, Reifenmechaniker, aber ich habe schon in allen möglichen Bereichen gearbeitet, als Fluggerätmechaniker, Heilpraktiker oder Soft-Skills-Trainer. Als Filmemacher kann ich selbst bestimmen, wie viel ich reisen will, und muss meinen Wohnsitz in Zeulenroda nicht aufgeben. Ob ich noch einmal pendeln würde? Vielleicht, aber nur für einen bestimmten Zeitraum und wenn der Job und das Geld stimmen. Denn Pendeln ist pure Lebensverschwendung."

Aufgezeichnet von Katharina Finke

Der Langzeitpendler: "Ich kenne es nicht anders"

Radiomann Dietmar Boettcher-Frech, 62, pendelt seit über 30 Jahren

Radiomann Dietmar Boettcher-Frech, 62, pendelt seit über 30 Jahren

Foto: DEUTSCHLANDRADIO / BETTINA FÜRST-FASTRÉ

"Ein Berufsleben ohne Fahrerei ist mir völlig unbekannt. Schon als Volontär habe ich in Köln gewohnt und musste täglich zur Arbeit nach Duisburg und Essen fahren. Als ich dann einen Job beim Radio in Köln bekommen habe, bin ich mit meiner Frau und der ganzen WG raus aufs Land gezogen, nach Odenthal-Kümps, einem Sechs-Häuser-Weiler mitten im Landschaftsschutzgebiet mit unverbaubarer Fernsicht. Drei Dörfer weiter von da, wo ich groß geworden bin. Ich habe es sehr genossen, im Grünen aufzuwachsen, und wollte meinen Kindern das Gleiche ermöglichen.

In den ersten Jahren hat mir das Pendeln nicht viel ausgemacht. Für die Frühsendung musste ich gegen 4 Uhr morgens los und habe nur eine gute halbe Stunde gebraucht. Doch nach zehn Jahren bin ich auf die normalen Arbeitszeiten gewechselt - 8 Uhr morgens los, 18 Uhr zurück, genau in der Rushhour. Das einzig Gute: Dann ist Primetime im Radio, womit ich mir meist die Zeit vertreibe. Zumindest bin ich immer richtig gut informiert.

Obwohl ich inzwischen alle Schleichwege kenne und nutze, ist dem Verkehr nicht zu entgehen. Für eine Strecke von 32 Kilometern brauche ich eine knappe Stunde, auch schon mal eineinhalb. Immer mehr Autos, ständig irgendwo Baustellen - über die Jahre hat sich der Spaß am Fahren immer weiter reduziert.

Eineinhalb Stunden für 32 Kilometer

Leider sind die öffentlichen Verkehrsmittel keine attraktive Alternative: Ich müsste erst ein Stück laufen, dann mit dem Bus ins Dorf, dort in den Bus umsteigen zum nächstgrößeren Ort, die S-Bahn nach Köln nehmen und dort mindestens zweimal umsteigen.

Nach all den Jahren bin ich müde und habe keine Lust mehr. Ich leide richtig darunter. Körperlich schlaucht es: Mein Rücken wird durch die viele Fahrerei sicher nicht besser. Nie zu wissen, wann genau man ankommt, löst Stress aus. Nichts lässt sich richtig planen. Und wenn ich am Ende des Tages zu Hause bin, will ich mich nicht wieder ins Auto setzen, um etwas zu unternehmen. Da bin ich froh, wenn ich in die grüne Landschaft gucken und dem Arbeitsstress entfliehen kann. Selbst das ist nicht mehr so einfach wie früher: Die E-Mails klappern weiter, das Telefon steht auch nicht still.

Trotz allem bin ich immer noch froh über meine Entscheidung, aufs Land zu ziehen. Heute würde ich vielleicht eher am Kölner Stadtrand bleiben. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich mir jetzt dort ein Haus suchen. Doch das lohnt sich nicht mehr, in gut zwei Jahren erreiche ich die Pensionierungsgrenze. Und vielleicht gehe ich schon Ende des Jahres vorzeitig in Ruhestand."

Aufgezeichnet von Katharina Finke

Die Unzufriedene: "Die Fahrerei habe ich unterschätzt"

Carolin S. sucht nach einem Job ohne Pendeln - und will deshalb ihren Namen nicht nennen

Carolin S. sucht nach einem Job ohne Pendeln - und will deshalb ihren Namen nicht nennen

Foto: Frank Augstein/ ASSOCIATED PRESS


"Aufs Land zu ziehen, kommt für mich nicht in Frage. Ich hätte mich auch nie auf eine Stelle in einem 18.000-Einwohner-Städtchen beworben. Mein Ziel war Hamburg, doch dann wurde ich zum Vorstellungsgespräch eingeladen - in eine Kleinstadt in Schleswig-Holstein. Man hatte meine Bewerbung intern weitergegeben. 2010 sah der Jobmarkt für Geisteswissenschaftler nicht gerade rosig aus, also bin ich hin - und fand die Fahrstrecke beim ersten Mal auch gar nicht so schlimm. Knapp 50 Kilometer, das geht ja, da kann ich problemlos in Hamburg wohnen, dachte ich. Das habe ich aber ganz schön unterschätzt.

Täglich sitze ich rund rund zwei Stunden im Auto. Gerade im Winter besteht der Tag nur aus Auto-Büro-Auto-Zuhause. Nicht gerade meine Traumvorstellung.

Die ersten Wochen bin ich immer selbst gefahren. Gleich am Anfang war abends einmal die Autobahn gesperrt - weil Schweine auf der Fahrbahn herumliefen. Zum Glück habe ich dann schnell eine Fahrgemeinschaft gefunden. Man ist zwar weniger flexibel, aber das Pendeln deutlich entspannter. Trotzdem bin ich von der Fahrerei ziemlich genervt.

Treffpunkt Autobahnauffahrt

Meine fünf Mitfahrerinnen und ich treffen uns jeden Morgen an einem Kreisel nahe der Autobahnauffahrt, da kann man gut parken. Wir steigen alle in ein Auto ein, mal mehr, mal weniger bequem. Ich habe auch nur einen Kleinwagen, man muss eben etwas enger zusammenrücken.

Wir wechseln uns täglich ab, das klappt ganz gut. Weil jeder gleich oft fährt, brauchen wir auch keine Benzinkasse. Zum Glück fahren wir antizyklisch, von der Stadt aufs Land, da gibt es wenigstens keinen Stau. Auf der Gegenfahrbahn stehen die Autos jeden Tag mehrere Kilometer lang.

Im Auto kann man als Mitfahrer nicht viel machen, außer schlafen oder E-Mails checken. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde der Weg aber noch länger dauern - und ich müsste zweimal umsteigen. In meiner Firma gehöre ich als Pendlerin zur Minderheit. Die meisten wollen auf dem Land leben. Wer das nicht will, sucht sich einen anderen Job. Ich will mich jetzt auch umsehen, ob ich nicht doch eine Stelle in Hamburg finde."

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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