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Job & Karriere

Kinder und Karriere Andere Länder, andere Mütter

Kind und Job? In Deutschland passt das oft nicht zusammen. Anders im Ausland: In Finnland gibt es ein Baby-Care-Paket, eine Slowenin findet Vollzeitjobs für Mütter selbstverständlich, die indische "working mum" schmeißt nebenbei den Haushalt. Drei Frauen über ihr Leben zwischen Karriere und Krabbelgruppe.
Buchautorin Peggy Wandel: Job und Familie, das geht. Muss ja.

Buchautorin Peggy Wandel: Job und Familie, das geht. Muss ja.

Foto: Stefanie Heider

Kind oder Karriere? Diese Frage stellen sich in Deutschland jedes Jahr Hunderttausende von Frauen, und oft entscheiden sie sich im Zweifel für den Beruf. Kind und Karriere sei keine Option, davon sind viele Deutsche überzeugt. Im weltweiten Vergleich hat Deutschland den höchsten Anteil dauerhaft kinderloser Frauen.

Wie aber sieht es in anderen Staaten aus? In Finnland bekommen Frauen nach der Entbindung Kondome vom Staat geschenkt - trotzdem liegt die Geburtenziffer mit 1,87 deutlich über der deutschen Quote von 1,39. In Indien pendeln viele Frauen drei bis vier Stunden zur Arbeit und müssen in der Nacht noch den Haushalt schmeißen; für Kinder entscheiden sie sich dennoch. Slowenien lag in den neunziger Jahren beim Geburtenranking noch hinter Deutschland, 2007 hat sich der Trend umgekehrt. Was läuft dort anders?

Im Buch "Zwischen Karriere und Krabbelgruppe" berichten 20 Frauen, wie sie Familie und Beruf vereinbaren und wie der Staat sie fördert. Hier erzählen eine Finnin, eine Inderin und eine Slowenin über ihr Leben als berufstätige Mütter.

Kommunikationswirtin Petra, Finnland: "Das Baby nehme ich mit in die Sauna"

Petra, 37, lebt mit ihrem Mann und den Söhnen Oula, 5, und Elias, 2, nördlich von Helsinki

Petra, 37, lebt mit ihrem Mann und den Söhnen Oula, 5, und Elias, 2, nördlich von Helsinki

"Die meisten Kindertagesstätten in Finnland sind von 7 bis 17 Uhr geöffnet, was sich mit einem Vollzeitjob relativ gut vereinbaren lässt. Ich bin selbständig und mache die Marketingkommunikation für verschiedene Firmen, Messen und kulturelle Veranstaltungen. Daneben arbeite ich redaktionell, verfasse Newsletter und Berichte für Fachzeitschriften.

In Finnland garantiert der Staat Eltern einen Betreuungsplatz für ihre Kinder. Will man sie lieber in kleinere private Gruppen geben, muss man sich rechtzeitig um einen Platz bemühen. Bei meinem Sohn Oula warteten wir rund ein halbes Jahr, bis er im Montessori-Kindergarten aufgenommen wurde. Finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen Eltern in jedem Fall; derzeit bezahlen wir im Monat rund 230 Euro für die Tagesmutter meines jüngsten Sohnes Elias und 280 Euro für Oulas Kindergarten, der Staat gibt pro Kind 410 Euro dazu.

Eines der staatlichen Angebote hier ist das Mutterschaftspaket. Es steht Schwangeren bereits vor der Geburt ihres Kindes zu. Man hat die Wahl zwischen einem steuerfreien Geldbetrag und einer Baby-Erstausstattung. Das Paket enthält unter anderem einen Schneeanzug, Schlafsack, Strampler, Mützen, Bodys, eine Matratze, Bettbezug, Handtuch, Fieberthermometer, Windeln, sogar Stilleinlagen und Kondome sowie ein Bilderbuch und Spielzeug. Das praktische Care-Paket ist wirklich durchdacht: Die Lieferung kommt in einer stabilen Box, die sich als Babykrippe nutzen lässt.

Doppel-Quiz: Frauen vs. Männer

Väter haben nach der Geburt des Kindes das Recht auf bis zu drei Wochen Sonderurlaub. Außerdem gibt es einen Vatermonat, bei dem die Papas sich zu Hause um die Familie kümmern können und rund 70 Prozent ihres Gehalts erhalten. Mütter bekommen neun Monate lang einen Großteil des früheren Gehalts weiterbezahlt.

Babybadewanne in der Sauna

Eigentlich haben alle meine Freundinnen aber mindestens ein Jahr lang pausiert, ich selbst eineinhalb Jahre, was ich in Finnland für ziemlich normal halte. Der alte Arbeitsplatz bleibt bis zum dritten Geburtstag des Kindes garantiert, aber ich kenne nur sehr wenige Frauen, die so lange zu Hause geblieben sind.

Die intensivste Zeit für uns ist der Sommer. Alle scheinen viel lebhafter, als ob sie durch das Licht mit Energie aufgeladen würden. Da der Sommer kurz ist, verbringen wir ihn mit den Kindern so weit wie möglich außer Haus. Mein Vater hat vor zwei Jahren eine Blockhütte für uns gebaut, nur 45 Kilometer von hier direkt an einem See, ein wunderschöner Ort. Dort feiern wir auch immer Mittsommer. Im Winter ist Sonnenlicht dagegen rar, es ist nur sechs Stunden hell, von neun bis 15 Uhr.

Fast jeder hat eine Sauna im Haus. Die Kinder nehmen wir mit, seit sie drei oder vier Monate alt waren. Empfohlen wird der Saunagang offiziell erst ab einem Jahr, aber wir ersparten ihnen einfach am Anfang die kalte Dusche und setzten sie mitsamt ihrer Babybadewanne in die Sauna. Die beiden lieben Wasser, und in ihren Wannen hielten sie die Hitze ziemlich lange aus, rund zehn Minuten schafften sie.

Sauna tut uns allen gut, obwohl ich sie ohne die Kinder deutlich entspannter finde. Die himmlische Ruhe und das Gefühl, wie alle Anspannung von mir abfällt - zweimal die Woche genieße ich das ganz allein, wenn ich von der Gymnastik komme und die Kinder schon im Bett sind."

Unternehmerin Simi aus Indien: "Das Leben ist ein Rennen um die vordersten Plätze"

Simi, 46, lebt mit ihrer Familie in Mumbai. Sie führt eine Einkaufsagentur für Textilien

Simi, 46, lebt mit ihrer Familie in Mumbai. Sie führt eine Einkaufsagentur für Textilien

"Eine 'working mum' in Indien zu sein, ist für die meisten Frauen harte Arbeit. Nach wie vor wird von ihnen erwartet, so zu sein, wie ihre Mütter waren - also immer da, um die Bedürfnisse der Familie zu erfüllen. Die Männer haben ihr altes Rollenbild noch nicht abgelegt, die Frauen sollen arbeiten und sich gleichzeitig um Haushalt und Kinder kümmern.

Es ist nicht einfach, hier über die Runden zu kommen. Die meisten Frauen müssen Geld verdienen - und der Weg zur Arbeit dauert häufig mehr als eineinhalb Stunden. Das macht täglich drei bis vier Stunden Pendeln, acht oder neun Stunden Arbeiten plus Hausarbeit. Oft sehe ich Frauen, die im Zug Gemüse schnippeln, denn wenn sie abends nach Hause kommen, muss schnell das Essen auf dem Tisch stehen.

Für meine Schwester und mich ist es einfacher, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, denn wir arbeiten selbständig. Meine Schwester, meine Mutter und ich sind gleichwertige Partner in unserer Einkaufsagentur. Sie fungiert als Büro vor Ort für internationale Unternehmen, die Bekleidung oder Heimtextilien in Indien fertigen lassen möchten. Wir helfen bei der Entwicklung von Mustern, überwachen den Produktionsprozess, übernehmen Preisverhandlungen und Qualitätskontrollen. 2011 haben wir hier außerdem unseren ersten Einzelhandelsladen eröffnet.

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Buhmann Baby: Schon wieder schwanger - zwölf Mütter erzählen

Foto: privat

In den zwanzig Jahren, die es die Firma nun schon gibt, haben meine Schwester und ich insgesamt fünf Kinder groß gezogen. Sanjitas jüngste Tochter Shefali war ein Baby, als wir einen großen Neukunden gewannen. Meine Schwester arbeitete Tag und Nacht. Ihr Mann oder unser Bruder brachten das Baby zum Stillen alle drei Stunden zu ihr ins Büro und nahmen es nach der 'Fütterung' wieder mit. Gegen 22.30 Uhr ließen sie die Kleine dann einfach dort; sie bekam ein provisorisches Bettchen auf dem großen Schreibtisch und schlief, während ihre Mama arbeitete.

Ich wünschte, ich hätte eine Frau

Wie sagt meine Schwester immer? 'Ich wünschte, ich hätte eine Frau!' Es wäre so gut, eine Ehefrau zu haben, die sich zu Hause um die Kinder kümmert, während wir schuften.

Platz ist knapp in Mumbai, entsprechend teuer ist der Wohnraum. Die Immobilienpreise sind vergleichbar mit denen von Manhattan. Wohnungen und Büros erinnern oft an Streichholzschachteln. Die Stadt wächst irrsinnig schnell und ist völlig überfüllt, rund die Hälfte der Einwohner lebt in Slums.

In einem Land, in dem es so viele Menschen gibt, ist das Leben ein Rennen um die vordersten Plätze - im Kindergarten, in der Schule, im Studium, in den Unternehmen. Dementsprechend groß ist der Drill in den Schulen. Dabei ist das Bildungssystem mangelhaft. Faktenvermittlung statt Bildung.

Meine Kinder schicke ich auf eine teure Privatschule, weil sie die Kinder dort nicht schlagen. Das ist der einzige Grund, denn der Unterricht ist auch nicht besser. Es ist ein stures Eintrichtern, die Kinder müssen auswendig lernen, was im Buch steht."

Industriedesignerin Snezka aus Slowenien: "Mit Kind hat man keine Zeit, das Leben zu verkomplizieren"

Snezka, 41, lebt mit ihrem Mann und Tochter Pegi Pika, 8, in Ljubljana

Snezka, 41, lebt mit ihrem Mann und Tochter Pegi Pika, 8, in Ljubljana

"Als Slowenien unabhängig wurde, war ich gerade im zweiten Studienjahr an der Akademie der schönen Künste in Ljubljana. Plötzlich waren wir nicht mehr Teil eines großen Landes. Außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens schien kaum jemand zu wissen, was oder wo Slowenien ist - das erlebe ich auf Auslandsreisen auch heute noch.

Ich stamme aus einer kleinen Stadt in der Region Primorska nahe der Küste. Meine Mutter ist Therapeutin an einer Schule für behinderte Kinder. Für uns ist es immer selbstverständlich gewesen, dass unsere Mütter arbeiten - bis heute sind Hausfrauen hierzulande selten.

Für meinen ersten Job als Industriedesignerin wurde ich direkt von der Uni weg engagiert, ein echter Glücksfall. 2003 habe ich mich selbständig gemacht, das war ein lang gehegter Wunsch von mir. Ausgerechnet als ich daranging, meinen Entschluss in die Tat umzusetzen, wurde ich schwanger. Als Mama nur zu Hause sein, das konnte ich mir nicht so recht vorstellen. Zum Glück erhielt ich gleich zu Beginn größere Aufträge. Die Gestaltung eines Bildbandes schloss ich einen Tag vor Pegis Geburt ab.

Selbstverständlich arbeiten Mütter Vollzeit

Ich habe schon Möbel entworfen, Inneneinrichtungen, Ausstellungen für Museen oder Messeauftritte. Die bislang größte berufliche Herausforderung für mich war die Innenausstattung des slowenischen Hauses für die Olympischen Winterspiele 2010. Ich habe sehr gute Monate und dann wieder Phasen, in denen ich nur wenige Aufträge bekommen. Die Zeiten sind wirtschaftlich schwierig, weshalb ich auch weiterhin lieber allein arbeiten will, also ohne Angestellte.

In Slowenien beginnt der gesetzlich bezahlte Mutterschaftsurlaub 28 Tage vor dem errechneten Entbindungstermin und dauert insgesamt 105 Tage. Anschließend kann man Elterngeld in Anspruch nehmen, in Höhe des durchschnittlichen Gehalts der vorherigen zwölf Monate. Die meisten Mütter kombinieren beides und bleiben insgesamt ein Jahr lang zu Hause. Manche teilen sich die Zeit mit den Vätern. Diese haben Anspruch auf 90 Tage Vaterschaftsurlaub, davon erhalten sie 15 Tage Vaterschaftsgeld.

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Weiberwirtschaft: Männliche Macht, weiblicher Mumm

Foto: Getty Images/ Collage: Franziska Ebert

Es ist selbstverständlich für slowenische Mütter, nach einem Jahr Auszeit in ihren Vollzeitjob zurückzukehren. Die Kinder kommen üblicherweise mit elf Monaten in den Kindergarten. Nur wenige Eltern arbeiten Teilzeit, obwohl Väter und Mütter per Gesetz das Recht haben, ihre Arbeitszeit auf vier Stunden pro Tag zu reduzieren, bis das jüngste Kind sechs Jahre alt ist.

Die Gebühren für den Kindergarten sind einkommensabhängig und fallen inzwischen nur noch für das erste Kind an. Ab dem zweiten ist der Besuch kostenlos. Die Regierung führte diese Regelung ein, als die Geburtenrate vor rund zehn Jahren extrem gesunken war und die Frauen auch immer später Kinder bekamen. Inzwischen hat sich das wieder geändert, viele junge Familien haben zwei oder drei Kinder. Vor einigen Jahren wurde die Grundschule um ein Jahr verlängert, seitdem werden die Kinder nun schon mit sechs Jahren eingeschult statt mit sieben. Und an den Ganztagsschulen werden sie bis 17 Uhr betreut.

Mein Mann ist Professor an der Sportfakultät in Ljubljana. Unsere Rollenverteilung ist ziemlich klassisch und in Slowenien nach wie vor sehr verbreitet: Für den Großteil des Haushalts und der Erziehung bin ich zuständig. Durch unsere Tochter ist die Beziehung zwischen meinem Mann und mir noch enger geworden. Wir halten uns nicht mit unnötigen Dingen auf. Mit Kind hat man keine Zeit, das Leben zu verkomplizieren - heute treffe ich Entscheidungen schneller und lebe einfach, anstatt zu viel nachzudenken."

Foto: Stefanie Heider

Peggy Wandel (Jahrgang 1975) wohnt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Lichtenstein im Schwabenland. Die Betriebswirtin arbeitet als selbständige Texterin und ist bekennende Globetrotterin. Für ihr neues Buch "Zwischen Karriere und Krabbelgruppe" interviewte sie Freundinnen und Fremde und stieß dabei auf großes Interesse am internationalen Austausch von Erfahrungen berufstätiger Mütter.

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