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10. Juli 2014, 06:55 Uhr

Kinderbetreuung im Unternehmen

Klein, aber Kita

Von Peter Ilg

Bis zu 1500 Euro pro Kind und Monat: Eine Betriebskita zu betreiben ist nicht nur teuer, sondern auch aufwendig. Viele Konzerne verzichten deshalb darauf. Ein 70-Mann-Unternehmen zeigt, dass es doch geht - und warum sich der Aufwand lohnt.

Elena trägt heute Krone. Gelb mit blauem Stern und rosa Herzen. An diesem Tag ist die Kleine der Star: Sie wird vier Jahre alt. Der Geburtstagstisch ist schnell gedeckt. In ihrer Kita gibt es nur zehn Kinder.

Elena wohnt in der baden-württembergischen Provinz, ihr Kindergarten gehört zum Unternehmen SHW Storage & Handling Solutions. 70 Mitarbeiter hat der Maschinenbauer und gönnt sich einen eigenen Kindergarten - obwohl Elena und ihr zweijähriger Bruder Maximilian in der Kita die einzigen Mitarbeiterkinder sind.

Zweifel an ihrem Konzept hat Cornelia Jakobschy, Prokuristin des Unternehmens, nicht. "Bei hundert Kindern ist eine liebevolle Betreuung nicht mehr möglich", sagt die 44-Jährige. Sie war selbst berufstätig, als ihre beiden Kinder noch klein waren. "Für Hausfrauen war ich eine Rabenmutter, für Kollegen ein Unsicherheitsfaktor, weil ständig die Gefahr bestand, dass etwas mit den Kindern ist."

Als ihr Mann 2006 die Firma übernahm, war die Rollenaufteilung klar. Er, der Ingenieur, kümmert sich um die Technik. Sie, die Betriebswirtin, um Verwaltung und Finanzen. 2012 lief die Produktion am neuen Firmensitz an, im Jahr darauf wurde der Kindergarten eröffnet.

Träger ist der Verein "Kocherwichtel". Kocher heißt der Fluß, der durch den Ort fließt, und "den Verein haben wir gegründet, um dem Kindergarten eine Identität zu geben", sagt Jakobschy. Zurzeit werden zehn Kinder im Alter von einem bis zu sechs Jahren von drei Teilzeit-Erzieherinnen betreut. Mit Maschinenbau hat deren Erziehungskonzept nichts zu tun.

Rund 300.000 Euro haben Jakobschy und ihr Mann in den Kindergarten investiert. 63 Prozent der laufenden Betriebskosten übernimmt die Gemeinde, das Unternehmen trägt den Rest. "Familienfreundlichkeit amortisiert sich nicht durch Geld", sagt Jakobschy. Für sie ist die Kita ein notwendiges soziales Engagement.

1,2 Prozent aller Kindergärten sind Betriebskitas

Mit dieser Einstellung ist die Unternehmerin weitgehend allein. Laut Statistischem Bundesamt waren im vergangenen Jahr 1,2 Prozent aller Kindertageseinrichtungen betriebliche Kitas. Die Tendenz ist jedoch steigend: In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Anteil von Betriebskindergärten fast verdoppelt.

Ein Grund: Seit August 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. "Das hat zur Gründung zahlreicher Betriebskitas geführt", sagt Sofie Geisel, Projektleiterin der Initiative "Erfolgsfaktor Familie", die überwiegend vom Bundesfamilienministerium getragen wird. Das Gesetz birgt für unternehmenseigene Kindergärten aber auch ein Risiko: Da die öffentliche Betreuung stark ausgebaut wird, müssen Betriebskitas in Zukunft mit geringerer Auslastung rechnen.

Zudem kommen Kindergärten die Firmen teuer zu stehen. Die Kosten belaufen sich auf 1000 bis 1500 Euro pro Kind und Monat. Das schreckt vor allem kleine Unternehmen ab, eine Kita zu eröffnen.

Große Konzerne sträuben sich

Doch auch große Konzerne sträuben sich gegen Aufwand und Kosten, die ein eigener Kindergarten mit sich bringt. Die offiziellen Begründungen klingen geschmeidiger: "Die Wünsche und Anforderungen von Eltern in Bezug auf ihre Kinderbetreuung sind heutzutage sehr unterschiedlich", erklärt der Hamburger Otto-Versand seine Entscheidung gegen eine Betriebskita. Deshalb bietet das Unternehmen seinen gut 4300 Mitarbeitern statt einer Kita lieber alternative Betreuungsmöglichkeiten wie Ferienbetreuung und einen Eltern-Kind-Arbeitsplatz an.

Ein weiteres Problem großer Firmen: viele Mitarbeiter, die über ganz Deutschland verteilt sind. "An keinem Standort erreichen wir die kritische Größe für einen Betriebskindergarten", sagt Verena Köttker, Prokuristin des Recycling-Unternehmens Alba, das 9000 Mitarbeiter beschäftigt.

Andere Firmen verweisen auf ihr Engagement in bestehenden Kindergärten. So wie das Pharma-Unternehmen B. Braun. Weltweit hat der Konzern 50.000 Mitarbeiter; in der Melsunger Firmenzentrale beschäftigt B. Braun mit 6000 Mitarbeitern fast halb so viele Menschen, wie das hessische Städtchen Einwohner hat. Eine Betriebskita gibt es aber nicht. Dafür bekommt jeder der neun ortsansässigen Kindergärten jährlich Desinfektionsmittel im Wert von 500 Euro geschenkt. Zudem finanziert B. Braun das Gehalt von zwei Erzieherinnen.

SHW-Prokuristin Jakobschy hat lieber selbst einen Kindergarten gegründet, statt Geld in andere Einrichtungen zu pumpen. Nach den Sommerferien wird die Kita mit 15 Kindern ausgebucht sein. Zurzeit führt sie Gespräche mit einer Ingenieurin, deren Kind ein Kocherwichtel ist. Eventuell fängt sie bald bei ihr an.

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