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BWL-Orakel Minuspunkte für den Karrierefavoriten

"Mit BWL liegt man nie falsch", raten Eltern, Lehrer, Personaler gern. Dagegen warnt Karriereberaterin Svenja Hofert: Auch allzu sorglose Betriebswirte kann der berüchtigte Schweinezyklus erwischen, denn die Konkurrenz durch Absolventen ganz anderer Disziplinen wächst.
Vernunftentscheidung Betriebswirtschaft: Die Suche nach dem Karriereplan

Vernunftentscheidung Betriebswirtschaft: Die Suche nach dem Karriereplan

Foto: Corbis

Omar ist bestens ausgebildet. Er hat einen Bachelor als Wirtschaftsingenieur und einen Master in Wirtschaftswissenschaften. Einen Job fand er trotzdem lange nicht. Zweimal hat er es versucht: nach dem Bachelor- und nach dem Masterabschluss - auf jeweils rund 100 Bewerbungen folgte keine einzige ernstzunehmende Einladung. Im letzten Oktober schrieb er und bot mir an, ich dürfe über seine Erfahrungen berichten, wenn ich ihn im Gegenzug beratend unterstütze. Neun Monate, 28 Bewerbungen, sechs Vorstellungsgespräche, ein Assessment Center, vier telefonische Beratungen sowie einige Blogbeiträge später… hat es endlich geklappt.

Wirtschaftswissenschaften und BWL gelten immer noch als sichere Bank und als krisenfest im Vergleich zu anderen Disziplinen. Aber auch hier kann Studenten, die ihre Entscheidungen nicht gründlich durchdenken, der berüchtigte "Schweinezyklus" erwischen. So heißt der Wechsel von Knappheit und Überangebot bestimmter Fachkräfte, ein bekanntes Phänomen am Arbeitsmarkt.

"Mit BWL kannst du nichts falsch machen", sagen Eltern, Lehrer und auch Personalberater noch immer gern. Wir erleben das nicht mehr so: Die Jobsuche nach dem Studium dauert bei BWL, (internationalem) Management und Wirtschaftswissenschaften oft ein Jahr und länger. Die durchschnittliche Einladungsquote bei einem durchschnittlichen Lebenslauf beträgt gerade mal zehn Prozent, vielfach auch schlechter.

Bachelor-Absolventen auf dem Niveau von Bürokaufleuten?

Zugleich zeigt der Markt, dass ein Bachelor in BWL, beispielsweise ergänzt durch einen Master in Management, ohne einschlägige und hochwertige Berufserfahrung kaum einen Mehrwert bringt. Niemand stellt einen Absolventen für ein strategisches Thema ein; die ersten Jobs sind weit überwiegend fachlich orientiert, die beliebten Traineestellen rar und den Top-Absolventen vorbehalten. Hinzu kommt die Konkurrenz durch die doppelt qualifizierten und schon in einem Unternehmen bewährten Absolventen eines dualen Studiums.

Wirtschaft und verwandte Fächer zu studieren ist beliebt. 2008 waren für die Fächergruppe Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften noch rund 652.000 Menschen eingeschrieben, für das Wintersemester 2012/2013 meldete das Statistische Bundesamt schon 760.000 - ein Zuwachs von fast 15 Prozent.

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Manager von morgen: Gehälter von Betriebswirten

Foto: Corbis

Zwar steigen die Studierendenzahlen generell, für Ingenieurwesen etwa entschieden sich im gleichen Zeitraum 30 Prozent mehr. Nur ist hier erstens die Abschlussquote weit geringer, zweitens stellt sich die Frage, welche künftigen Absolventenzahlen der Arbeitsmarkt verträgt, auch angesichts der Umstellung auf ein modulares Studiensystem aus Bachelor und verschiedenen Mastervarianten. Oder ob der Trend sich weiter fortschreibt, dass Unternehmen Bachelor-Absolventen als "Schmalspur-Akademiker" sehen - und auf dem gleichen Niveau einsteigen lassen wie Industrie- oder Bürokaufleute.

Bei den Aufsteigern etablieren sich andere Qualifikations-Kombinationen. So dürfte es in Zukunft viel häufiger vorkommen, dass etwa ein Ingenieur einen MBA (Master of Business Administration) aufsetzt - und damit sowohl fachlich als auch im Management einem reinen Wirtschaftswissenschaftler das begehrte Technik-Know-how voraus hat. Bei den aktuell verfügbaren Stellen dominiert die Suche nach Ingenieuren alles: 55.000 wurden an einem Testtag im Juni bei Indeed.de gesucht, dagegen nur 6000 BWLer und 5000 Wirtschaftswissenschaftler.

Andere Studiengänge können sich mehr lohnen

Auf dem Stellenmarkt ist mindestens jede zweite Stelle "irgendetwas mit Technik". Beispielsweise sucht ein techniknahes Unternehmen jemanden im Produktmanagement - warum sollte es einen BWLer einstellen, wenn es auch einen praxiserfahrenen Ingenieur, Wirtschaftinformatiker oder Wirtschaftsingenieur haben kann? Zumal selbst die keineswegs so durchmarschieren, wie es oft heißt: Ohne Berufspraxis ist auch der Wirtschaftsingenieur wenig wert, siehe mein Bewerbungsexperiment mit Omar.

Ein weiteres Problemfeld: Sicher, die Bereiche Rechnungswesen und Controlling sowie spezialisierte Finanzbereiche sind weiter gefragt - wobei auch hier Wirtschaftsmathematiker oft im Vorteil sein dürften oder ein Finanz-Master erheblich mehr Türen öffnet. Dagegen sind Marketing und Personal überlaufen. Marketing ist im Laufe der letzten Jahre immer technischer geworden. Erkennbar bei den offenen Stellen ist die Dominanz von E-Commerce, Social Media und anderen Online-Themen. Strategisches Marketing hat Seltenheitswert, Management-Positionen für Berufseinsteiger sind erst recht illusorisch. Was viele Absolventen erst nach einer längeren Bewerbungsphase merken. Vorausschauender wäre es, zum Beispiel einen Master in Marketing auf ein Wirtschaftsingenieur- oder Wirtschaftsinformatik-Studium aufzusetzen.

Im Personalbereich haben Betriebswirte starke Konkurrenz durch Wirtschaftspsychologen und -pädagogen bekommen. Master-Studiengänge wie Personalentwicklung sorgen für den späteren Feinschliff der kommenden HR-Generation. Produktionslogistik ist ohnehin zur Domäne der Wirtschaftsingenieure geworden. Zudem bestimmt das Angebot die Nachfrage: Marketing und Personal sind bei Studenten weitaus beliebter als Finanzthemen. Also finden sich hier auch besonders viele Bewerber.

An der Karriereplanung hapert's

Für die Fächer BWL und Wirtschaftswissenschaften gibt eine klare Teilung in zwei Bewerber-Klassen. Während bei Juristen die Note über Top oder Flop entscheidet, sind es bei BWL gleich fünf Faktoren zusammen: Studienschwerpunkt, Praxiserfahrung, die Uni, die Note plus die internationale Erfahrung über ein Erasmus-Spaßsemester hinaus. BWL-Absolventen von Universitäten wie Mannheim, Köln oder auch Münster werden häufig eingeladen, so ihr Schnitt unter 3,0 liegt. Schlechter sieht es bei weniger renommierten Hochschulen aus.

Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

Jetzt mal ehrlich: E-Mail an Svenja Hofert 
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Ein unterschätzter Aspekt: Gerade bei BWL-Studenten hapert es an der Karriereplanung. Das Fach ist häufig eine Vernunftentscheidung und die Berufsorientierung ähnlich wichtig wie in Geisteswissenschaften, wo wiederum die Interessenentscheidung dominiert - aber oft genauso schlecht und wenig strategisch. Das heißt, Bewerber wissen nicht, in welche Berufsfelder sie durchstarten wollen und können. So bleibt es im Bachelorstudium oft bei drei Monaten Praktikum, bisweilen bei einer unbedeutenden kleinen Firma. Als Absolventen brauchen BWLer dann eine längere Phase der Orientierung, bis sie ihren Bereich finden und Fuß fassen.

Bei Omar war das genauso. Sein Makel: zu wenig hochwertige Berufspraxis. In der ersten Bewerbungsphase hatte er sich auf alles beworben, was halbwegs passte. Erst als ihm bewusst wurde, dass er als introvertierte, gewissenhafte und lieber allein arbeitende Persönlichkeit in einem Bereich wie Datenanalyse eindeutig besser aufgehoben ist als etwa im Vertrieb oder gar in der Beratung, konnte er gezielter suchen. Und prompt fand er einen Job.