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Betrug in Unternehmen Der Chef bittet zur Vernehmung

Leere Tresore, veruntreute Gelder: Manchmal stecken die Mitarbeiter eines Unternehmens dahinter. Marco Löw war Ermittler bei der Polizei. Jetzt zeigt er Firmenchefs, wie sie Diebe überführen und Betrüger schon an der Bewerbung erkennen. Übeltätern rät er: Achten Sie auf Ihre Beine!

Auf der Suche nach einem Betrüger hat Marco Löw, 36, eine ganze Universität zerstört. Der Lebenslauf des Verdächtigen war lückenlos. Gute Noten von einer polnischen Hochschule mit klangvollem Namen und vielversprechendem Internetauftritt: Fotos von prächtigen Gebäuden, abwechslungsreiche Speisepläne, lange Öffnungszeiten der Bibliotheken.

Löw staunte nicht schlecht, als ihm der Kollege von der polnischen Kriminalpolizei sagte, die Adresse der Universität sei eine Wiese. Kühe statt Studenten. Wertlose Papiere statt Zeugnisse. Der Betrüger hatte schon bei der Bewerbung betrogen.

15 Jahre lang hat Marco Löw bei der Polizei als Vernehmungsexperte und Betrugsermittler gearbeitet. Und immer wieder stieß er bei seinen Recherchen zu veruntreuten Geldern, verschwundenen Bauteilen und ausgeräumten Tresoren auch auf gefälschte Lebensläufe und Zeugnisse.

"Eigentlich habe ich gar nicht in diese Richtung ermittelt, den Bewerbungsbetrug habe ich quasi en passant mitgenommen", sagt er. Seine Erkenntnis: Wer bei der Bewerbung trickst, hat offenbar so viel kriminelle Energie, dass er später nicht davor zurückschreckt, seinen Arbeitgeber zu bestehlen.

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Lügner im Gespräch: Kratzen, zucken, nesteln

Foto: SPIEGEL ONLINE

Nun ist ein bisschen Schönfärben Teil des Einstellungsspiels - und zwar auf beiden Seiten. Unternehmen rücken sich selbst in ein sonniges Licht, schildern die schönsten Aufstiegschancen oder tragen dick auf bei den Qualifikationsanforderungen. Und Bewerber betreiben Lebenslaufkosmetik, pimpen eine Urlaubsreise zur Sprach-Weiterbildung, flunkern bei ihren Fremdsprachenkenntnissen. In Maßen kann das legitim sein, solange es nur um cleveres Selbstmarketing geht, um die "Vergrößerung einer kleinen Wahrheit", so Karriere-Coach Carolin Lüdemann. Wer aber Zeugnisse fälscht oder Jobs erfindet, die es nie gegeben hat, begibt sich auf gefährliches Terrain.

Löw suchte nach einem Fachbuch über Bewerbungsbetrug. Er fand keines - und damit für sich eine Marktlücke. 2010 kündigt er bei der Polizei und macht sich selbständig als kriminalistischer Berater für Unternehmen.

Integritätstest für Bewerber

Seinen Seminarteilnehmern bringt er bei, wie man Lügner erkennt und Betrüger überführt:

  • Der erste Schritt: Ein Integritätstest für Bewerber, denn "die Unternehmenssicherheit beginnt bei der Einstellung".

Unbescholten, moralisch einwandfrei, unbestechlich gibt der Duden als Synonyme für integer an. Aber wie bitte misst man diese Eigenschaften im Vorstellungsgespräch? Führt der Weg zum neuen Job jetzt etwa durch ein Kreuzverhör?

So weit will Löw nicht gehen. Ihm schweben simplere Methoden vor. Krimi-Leser kennen sie als Erfolgsrezepte von Miss Marple und Hercule Poirot - die Suche nach kleinen Ungereimtheiten. Sind Lebenslauf und Zeugnisse stimmig? Tauchen auf älteren Urkunden fünfstellige Postleitzahlen oder die neue Rechtschreibung auf? Bei Zweifeln empfiehlt Löw einen Anruf beim alten Arbeitgeber. "Wie intensiv man jemanden überprüft, hängt aber auch davon ab, ob man einen Lagerarbeiter einstellen will oder einen Manager für die Finanzen", sagt er.

  • Schritt zwei: einen Firmenkodex formulieren und festhalten, was erlaubt ist und was nicht. So könnte ein strenges Unternehmen vorschreiben, dass der Kugelschreiber als Geschenk mitgenommen werden darf, der Präsentkorb vom Kunden aber in der Weihnachtstombola landet.
  • Schritt drei: die Gelegenheiten für Diebstahl und Betrug minimieren - Kompetenzen verteilen, Passwörter nur jenen Mitarbeitern geben, die sie wirklich brauchen.
  • Schritt vier: sich mit den Mitarbeitern unterhalten. Unzufriedene Arbeitnehmer, die sich betrogen und ausgenutzt fühlen, neigen eher dazu, ihren Arbeitgeber zu hintergehen.
  • Schritt fünf kommt erst, wenn die Schritte eins bis vier versagt haben: die Vernehmung eines Verdächtigen. Löws Spezialgebiet.

Wer langsam redet, spricht beim Lügen schnell

102 Indikatoren für Glaubwürdigkeit hat der Kriminalist zusammengetragen, allein auf der verbalen Ebene. "Die Theorie, dass man eine Lüge an einem bestimmten Signal erkennen kann, ist Quatsch", sagt er. Es komme vielmehr auf das Gesamtbild an und darauf, Signale für Stress zu erkennen.

Zum Beispiel: Jemand, der generell eher schnell spricht, redet beim Lügen langsamer. Wer von Natur aus langsam spricht, wird schneller. Verdächtig macht sich auch, wer bei einfachen Fragen mit der Antwort zögert oder viele Gegenfragen stellt: Für Lügen braucht man mehr Zeit zum Nachdenken.

Bei Bedarf analysiert der ehemalige Polizist auch selbst die Arbeitsplätze oder nimmt einen Verdächtigen in die Mangel. Das Wort Verhör mag er nicht, das wecke negative Assoziationen, etwa mit Stasi- und Gestapo-Verhören.

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Bewerbungsgespräch: Wann Sie straflos lügen dürfen

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Ob Gespräch, Interview oder Verhör - die Vorstellung, in ein Büro zitiert und dort befragt zu werden, ist nicht gerade angenehm. Kann man denn so vernünftig arbeiten? Und wird ein Unternehmen erfolgreich sein, das seine Bewerber und Mitarbeiter unter Generalverdacht stellt?

"Es geht mir nicht darum, eine Atmosphäre des Misstrauens zu schaffen, im Gegenteil", sagt Löw. Betrüger schadeten allen ehrlichen Bewerbern und gefährdeten sogar deren Arbeitsplätze, deshalb sei ein ausgefeiltes Anti-Fraud-Management (Fraud ist Englisch für Betrug) für alle gut. Löws Kunden sind Mittelständler und Konzerne, auch Zeitarbeitsfirmen sind dabei. Kleine Unternehmen und Privatpersonen coacht er nicht, das rechne sich finanziell nicht, sagt er.

Mit den Seminarteilnehmern übt der Verhörspezialist auch das Analysieren der Körpersprache: "Die Beine haben die wenigsten unter Kontrolle." Wer die Stuhlbeine umschlingt, will seinen Standpunkt verteidigen; wer mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt und mit dem Fuß wippt, will sein Gegenüber provozieren.

Gespräch ohne Rückenlehne

Wenn Mitarbeiter vernommen werden sollen, die einer Straftat verdächtigt werden, rät Löw, auf Barrieren wie Tische und Armlehnen zu verzichten, um die Körpersprache besser deuten zu können. "Ideal wäre es, wenn der Stuhl auch keine Rückenlehne hätte, denn dadurch wäre es dem Befragten auch nicht möglich, nach hinten auszuweichen, aber dies wird vermutlich nicht machbar sein", schreibt er in seinem Buch über "Kriminalistische Befragungstaktiken für die Wirtschaft".

Manche Tipps hören sich sehr gemein an. Zum Beispiel: Stuhl an die Wand, Sitzhöhe niedrig einstellen, den Verdächtigen vor der halboffenen Tür warten lassen und so tun, als würde man über ihn sprechen.

Diese Techniken seien nur für Fortgeschrittene, sagt Löw. Sie richteten sich an unternehmensinterne Ermittler, die gezielt in Bereichen wie Anti-Fraud-Management oder Compliance die Einhaltung von Regeln überprüfen und einem konkreten Verdacht nachgehen sollen. Bei einem Vorstellungsgespräch, so Löw, seien sie fehl am Platz.

Und wenn nun der Chef die neue Rolle als Hercule Poirot zu ernst nimmt? Dann bleibt den Mitarbeitern nur eine andere Taktik, die man aus Krimis kennt: die Flucht.

Foto: Jeannette Corbeau

Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

Foto: Beatrice Blank