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Bewerbung XXL Schreiben Sie doch, was Sie wollen

Bewerbungen sind strikt formalisiert: Lebenslauf bitte tabellarisch, maximal eine Seite Anschreiben. Oder darf's auch mehr sein? Persönlich und emotional? Karriereberaterin Svenja Hofert empfiehlt: Pfeifen Sie auf alle Regeln!
Bewerbungen: Die üblichen Regeln sollte man kennen. Dann kann man sie besser brechen.

Bewerbungen: Die üblichen Regeln sollte man kennen. Dann kann man sie besser brechen.

Foto: SPIEGEL ONLINE

"Wir freuen uns über Deine Bewerbung", stand da. Und: Bewerber sollten ein Motivationsschreiben verfassen. Pedro hatte es schon zweimal mit herkömmlichen Bewerbungen versucht bei dieser beliebten Firma aus der Digitalbranche: eine Seite Anschreiben, gradlinige Textbausteine, mit freundlichen Grüßen, eingescannte Unterschrift. Diesmal setzte er alles auf eine Karte.

Pedro schrieb sich seine ganze Motivation von der Leber und lud vier Seiten Fließtext unformatiert hoch. Wie er nach Deutschland kam, sich einlebte, schnell fließend Deutsch lernte, aber nie so richtig dazugehörte, in dieser Kleinstadt in Niedersachsen. Wie er umso mehr das Studium in Berlin genoss, das multikulturelle Flair, die Offenheit. Und warum all das ihn jetzt zu genau diesem Unternehmen bringt, in dem so viele unterschiedliche Nationen arbeiten und Multikulti dazu gehört wie der Hoodie. "Das kannst du doch nicht schreiben!", riefen Freunde, Bewerbungsgurus der Neunzigerjahre zitierend.

"Das kann man nicht machen" - dieser Satz bringt mich auf die Palme. Man kann so vieles machen. Und manchmal sogar alles anders. Pedro hatte den Mut dazu, er erreichte damit ein Gespräch, entschied sich am Ende aber selbst gegen den Job. Ich habe einige Bewerbungen gesehen, die keinerlei Standards entsprachen, ihr Ziel aber besser erreichten als traditionelle Texte und brave Lebensläufe.

Das sehen auch viele Personalberater so, die auf der anderen Seite stehen, also Bewerber auswählen. "Alle Tipps zur Schriftgröße, zum Foto oder Anschreiben sind im Wesentlichen geschenkt", sagt Recruitingcoach Henrik Zaborowski, der die gesamte klassische Bewerbung am liebsten abschaffen würde.

Eine Lachnummer: Bewerbungsmappen mit Nadelstreifen

Vor vielen Jahren sollte ich US-amerikanische Studenten auf den deutschen Arbeitsmarkt vorbereiten. Der Auftrag: ihnen das seitenlange Offenlegen tiefster Beweggründe und überschwänglicher Emotionen abzutrainieren. Gut, Bewerbungsmappen waren schon damals eine Lachnummer, die ich mehr zur allgemeinen Belustigung vorzeigte; es gab sogar noch welche mit Nadelstreifen. Aber generell ist der deutsche Bewerbungsmarkt ein System mit Regeln, die anderen Nationen überaus befremdlich vorkommen.

  • Man muss den Lebenslauf unterschreiben (lächerlich in einem PDF).
  • Man braucht ein Foto - aber auf keinen Fall ein Passfoto (aha, teuer soll es sein).
  • Man muss argumentieren, dass man passt (nicht die eigene Perspektive zählt, sondern die der Firma).
  • Man darf keine Fehler machen (obwohl Firmen es tun).
  • Und: Man braucht unbedingt ein Anschreiben (stimmt oft nicht).
  • Nie mehr als eine Seite! (siehe oben).

Die Motivationsschreiben der Kursteilnehmer waren triefend pathetisch. Einer zitierte die Werbelegende Paul Arden: "Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst." Darauf baute er sein Anschreiben mit zwei langen Seiten auf. Manche nennen das "heiße Luft" - ich fand es gut. Wieso etwas ändern, was doch zur Person passt?

Statt das deutsche Bewerbungsmappenwunder zu verkaufen, besprach ich mit den US-Studenten, wie sie persönliche Kontakte zu Firmen aufbauen. Es funktionierte dann auch auf schriftlichem Weg - ohne größere Eingriffe in den Motivationstext.

American Style: Schreibe viel und höchst persönlich

Denn klar ist: Jeder Personaler hat seine eigenen Regeln. Es gibt kein einheitliches Studium; viele haben nicht mal psychologische und eignungsdiagnostische Grundkenntnisse. Der eine so, der andere so. Wer sich als Bewerber darauf einzustellen versucht, hat schon verloren. Also lieber frei nach Schnauze?

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Bewerbungen: Wo geht's denn hier zum Job?

Foto: Corbis

"Ein Unfall zog mich Monate aus dem Verkehr und warf mich aus der Bahn. Ich erkannte, was in diesem Moment für mich wirklich wichtig ist, und entschied mich ins Ausland zu gehen, um anderen Menschen zu helfen" - derartige Offenheit werden viele meiner Kollegen eher nicht empfehlen. Lange Anschreiben, die von der Sandkiste weg das Leben erläutern und die Beweggründe für Entscheidungen offen darlegen, sind in der Tat ein Balanceakt. Ebenso wie lange und offene Erklärungen im Vorstellungsgespräch oder das Eingeständnis, etwas nicht zu können.

Es kann sein, dass jemand das nicht mag. Aber dann gilt: "Geh nie davon aus, dass der Recruiter weiß, was er tut", mahnt Personalexperte Henrik Zaborowski. Viele sind so fixiert auf ihre Art der Auswahl und ihre vermeintliche Menschenkenntnis, dass sie die Besten übersehen. Da ist fast egal, was Bewerber schreiben. Oder was sie nicht schreiben.

Wieso, weshalb, warum? Weil man das so macht

So kam auch der Bewerber weiter, der überhaupt keine Lust auf Anschreiben hatte und mit einem "Ich spare mir jetzt mal die Mühe und schicke kommentarlos die Facts" am nächsten Tag die Einladung zum Vorstellungsgespräch bekam. Die Fakten waren eben interessant genug.

Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

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Das Bewerbungssystem ist aus den Fugen geraten, das verunsichert Bewerber. Die einzige wirklich sinnvolle Regel: Erreichen Sie die Personen, die Sie erreichen wollen, auf die Weise, auf die Sie sie erreichen können.

Mal klappt's mit einem Bewerbungsroman, mal ganz ohne Text, weil ohnehin nur gecheckt wird, ob alle Noten besser waren als 2,0 oder weil es auf Projektdetails ankommt. Am allerbesten aber gelingt es über Netzwerke und persönliche Empfehlungen.


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