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10. November 2016, 14:55 Uhr

Frag die Karriereberaterin

Hilfe, ich kriege nur Absagen

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Hundert Bewerbungen geschrieben - trotzdem kein Job in Aussicht. Der Frust sitzt tief, das Selbstwertgefühl gerät in Gefahr. Jetzt gilt es, querzudenken.

Fünf Jahre leitete Thomas als General Manager ein Werk in Südamerika. Zurück in Deutschland trat er eine Stelle an, die weit unter seinen Qualifikationen und in einem neuen Fachbereich lag. Auf Ärger mit dem Chef folgte die Trennung. Inzwischen hat er mehr als hundert Bewerbungen geschrieben; es hagelt Absagen. Und nun?


Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Ganz ehrlich Thomas, das ist nicht weiter verwunderlich. Sie haben das Profil eines Managers, der auf dem offenen Stellenmarkt beinahe unvermittelbar ist. Zunächst wirkt es so, als brächten Sie alles mit, was auf dem Arbeitsmarkt gefordert wird. Aber gerade Auslandserfahrung kann auch zum Bumerang werden.

Fünf Jahre am anderen Ende der Welt können Menschen nachhaltig verändern. Man gewöhnt sich beispielsweise an seine herausragende Stellung, besonders in Ländern mit starkem Gefälle zwischen Arm und Reich. Mancher Manager eignet sich auch einen robusteren Führungsstil an - mit dem unsere deutsche Generation Y in Zeiten des Hierarchieabbaus kaum noch zu erreichen ist.

Ein kritischer Punkt im Lebenslauf ist oft "die Stelle danach". Ein anderer Fachbereich und Downgrades sind häufig: Wer im Ausland als Führungskraft viele Freiheiten gewohnt war, muss sich wieder unterordnen. Hinzu kommt, dass die neuen Chefs jemandem, der vorher viel mehr Macht hatte, gern einen Dämpfer verpassen. Da ist der Crash fast unausweichlich.

Schalten Sie ihr Netzwerk ein - oder bauen Sie eins auf

Es ist in Deutschland bis heute üblich, dass Manager gradlinige Branchenerfahrung aufbauen und in ihrem angestammten Bereich bleiben - auch wenn dies gar nicht mehr zur Zukunft der Arbeit passt. Doch gerade die Vordigitalisierungsbranchen wie Energie, Banken oder Schifffahrt schrumpfen oder verändern sich fundamental und setzen ihr Zuviel an Führungskräften frei. Dass solche Manager kein oder wenig Digitalisierungswissen haben und oft weniger gut ausgebildet sind als die aktuelle Generation, macht die Arbeitssuche zusätzlich schwierig.

Was ist die Lösung? Ganz oft bringt einen Durchhaltevermögen dann doch wieder in einen Job. Suchen Sie nicht nur über den offenen Stellenmarkt. Spätestens ab der Gehaltskategorie 120.000 Euro oder aber ab einer Berufserfahrung von mehr als acht Jahren wird das zur Falle. Gehen Sie über Netzwerke. Liegen diese brach, etwa aufgrund eines Auslandsaufenthalts, bauen Sie sie neu auf.

Jobs werden in Zukunft immer häufiger auf diesem Weg vergeben. HR Analytics, also datenbezogene Personalauswahl, spielen eine immer größere Rolle und dabei sind Daten aus dem Internet die wesentliche Quelle. Sie werden auch genutzt, um zu ermitteln, ob jemand als Führungskraft geeignet ist.

Sogar Erfahrung mit Korruption kann interessant sein

Der erste und wichtigste Schritt ist jetzt im Lebenslauf nach Brücken zu suchen, die in andere Branchen führen. Dabei hilft querdenken. So kann der frühere Umgang in einem Konzern mit großen Marketingbudgets interessant für eine kleinere Firma sein, die Großes vorhat. Das Wissen über Filialstrukturen kann für andere Unternehmen wichtig sein, Prozesskenntnisse, interkulturelle Erfahrungen, starke Branchenregulierungen oder virtuelles Arbeiten. So schräg das klingt, sogar Erfahrungen mit Korruption können von Bedeutung sein.

Findet sich innerhalb eines Jahres kein neuer Job, ist eine berufliche Neuorientierung ratsam. Geben Sie sich dafür Zeit, zwei bis drei Jahre sind normal. Das hat mehrere Gründe. Zwar verkaufen manche Berater gern die zwanzigste Lebenslaufoptimierung - aber die bringt nichts. Es geht darum, sich persönlich so zu entwickeln, dass ein nächster Schritt möglich ist - auch ein Rückschritt, bezogen auf das Gehalt oder den Status. Zuallererst brauchen Betroffene aber mentale Stärke, um sich auf eine längere Zeit ohne Job einzustellen. Es gilt, Ausgaben zu reduzieren und die Familie einzubinden.

Dann geht es darum, eigene Motivationen, also das Wollen sowie das Können, noch mal genauer zu betrachten. Viele Führungskräfte, die kurz nach einer Kündigung zu mir kommen, lehnen die "Innenschau" rigoros ab, sie halten sich für kompetent, haben dabei jedoch oft blinde Flecken. Nach längerer erfolgloser Jobsuche nimmt dann die Bereitschaft dafür zu, leider aber meist auch die Selbstzweifel. Dann beginnt die Suche nach Auswegen. Das kann ein kompletter Neuanfang sein, eine Existenzgründung, ein Management-Buy-In, ein Aufbaustudium, Interimsmanagement, systematisches Netzwerken, die Gründung eines Vereins oder auch soziales Engagement.

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