In Kooperation mit

Job & Karriere

Diskriminierung im Job Wenn Kilos zum Karrierekiller werden

Stark übergewichtige Menschen haben bei Bewerbungen schlechte Karten. Das zeigt eine aktuelle Studie. Bei einem Foto-Experiment unterschätzten Personalentscheider die korpulenten Kandidaten drastisch, Führungsfähigkeiten traute ihnen fast niemand zu - schon gar nicht fülligen Frauen.
Bewerberfalle: Zu dick für den Job?

Bewerberfalle: Zu dick für den Job?

Foto: Corbis

Echte Profis in Personalabteilungen meiden Küchenpsychologie bei der Bewerberauswahl. Von Vorurteilen sollten sie sich erst recht frei machen können. Das Körpergewicht etwa verrät ja gar nichts über berufliche Kompetenzen. Dennoch kann die Karriere an den Kilos scheitern. Eine neue Studie eines Tübinger Forscherteams zeigt, wie schnell dicke Bewerber im Abseits landen: Übergewichtige werden von den Verantwortlichen ungern eingestellt und stark unterschätzt.

Die Wissenschaftler hatten 127 erfahrenen Personalentscheidern Bilder von angeblichen potentiellen Bewerbern vorgelegt und ihnen dazu mehrere Fragen gestellt. Besonders ausgeprägt waren die Vorbehalte gegenüber übergewichtigen Frauen, ergab die Auswertung. Ein zu hohes Körpergewicht ist demnach eine bisher vernachlässigte Ursache für eine Diskriminierung oder sogar Stigmatisierung auf dem Arbeitsmarkt, so das Fazit der Wissenschaftler um Katrin Giel von der Universität Tübingen.

Auf den Bildern waren jeweils nur die mit einheitlichen weißen T-Shirts bekleideten Oberkörper von zwölf Personen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren zu sehen, darunter sechs Männer und sechs Frauen. Jeweils zwei der abgebildeten Männer und Frauen waren stark übergewichtig. Von den acht Normalgewichtigen hatten vier einen Migrationshintergrund. Diese Kandidaten habe man dazugenommen, um zu verschleiern, dass es in der Studie ausschließlich um das Körpergewicht ging, erläutern die Wissenschaftler.

Abteilungsleiterin? Die Dicke doch nicht

Zuerst ordneten die Entscheider den Kandidaten Berufe zu. Zur Auswahl standen Arzt, Architekt, Optiker, Einzelhändler, Pförtner und Reinigungskraft. Im zweiten Schritt sollten sie angeben, wen von den Abgebildeten sie auf keinen Fall einstellen würden. Und schließlich sollten sie aus sechs Kandidaten, im Versuch alle gleich gut qualifiziert, jene drei aussuchen, die sie für eine Abteilungsleiterposition in die engere Wahl ziehen würden.

"Die Ergebnisse sind eindeutig", sagt Katrin Giel, wissenschaftliche Assistentin an der Uniklinik Tübingen: Die Übergewichtigen, speziell die Frauen, schnitten in allen Bereichen schlecht ab. Nur zwei Prozent der Personaler ordneten den adipösen Frauen einen prestigeträchtigen Beruf wie Ärztin oder Architektin zu - bei den normalgewichtigen Frauen waren es mehr als 43 Prozent. "Zudem trauten gerade mal sechs Prozent ihnen zu, bei einer Bewerbung um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Wahl gekommen zu sein", so der Tübinger Sportwissenschaftler Ansgar Thiel. Auch übergewichtige Männer wurden diskriminiert, allerdings nicht ganz so stark wie die Frauen.

Fotostrecke

Bewerbungspannen: 15 kuriose Missgeschicke

Foto: Darren Calabrese/ AP

Ebenfalls bemerkenswert: Die Personalentscheider schätzten die Karrierechancen von Dicken sogar erheblich geringer ein, als es die Realität des deutschen Arbeitsmarktes hergibt. "Der tatsächliche Anteil übergewichtiger Männer in prestigeträchtigen Berufen ist mehr als fünfmal so hoch wie die Schätzungshäufigkeit in unserem Experiment, bei Frauen sogar fast achtmal", so Thiel.

Co-Autor Stephan Zipfel hält das für erschreckend, denn Personaler seien "ja in der Regel viel besser als der Normalbürger ausgebildet, unabhängig von Vorurteilen zu entscheiden". Ihnen standen für die Einschätzung der Kandidaten ausschließlich die Fotos zur Verfügung; in realen Bewerbungsverfahren dagegen zählen viele verschiedene Faktoren. Aber gerade die isolierte Betrachtung spiegelt nach Einschätzung von Zipfel "sehr gut die unbewusst vorhandenen Vorurteile von Personalentscheidern gegenüber Adipösen wieder".

Stigmatisierung animiert zum Frustessen

Die Untersuchung ist jetzt in einem Fachjournal erschienen . Die Erfahrung von Benachteiligungen führt den Forschern zufolge zu einer Stigmatisierung. Und die animiere Übergewichtige nicht etwa zum Abnehmen - im Gegenteil: Sie fördere das klassische Frustessen und verhindere die Teilnahme an gewichtsreduzierenden Aktivitäten. Das hätten bereits mehrere Studien gezeigt.

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die Tübinger Wissenschaftler waren kürzlich australische Forscher gekommen, die allerdings Studenten statt Personaler befragten. Auf fingierte Lebensläufe klebten sie Fotos von fettleibigen Frauen. Die Bilder entstanden vor und nach Operationen zur Magenverkleinerung; sie zeigten teils stark Über-, teils Normalgewichtige. Bei den Fragen nach den Karrierechancen wie nach dem Führungspotential schnitten dicke Frauen miserabel ab. Und je attraktiver die Studenten sich selbst fanden, desto größer waren ihre Vorurteile.

Wie stark der Faktor Attraktivität Bewerbungen beeinflusst, belegen auch andere Untersuchungen. Das Tübinger Forscherteam hält es für richtig, bei der Personalauswahl auf Fotos zu verzichten, wie es beispielsweise im angloamerikanischen Raum längst üblich ist. "Sonst ist für stark Übergewichtige das Verfahren möglicherweise schon zu Ende, bevor es richtig angefangen hat", sagte Ansgar Thiel.

Für Kandidaten mit ausländischen Namen kann das ebenso gelten - auch sie fliegen schnell aus dem Rennen, wie vor zwei Jahren eine Studie Konstanzer Forscher ergab. Versuche mit anonymisierten Bewerbungen gab es in Deutschland bereits, allerdings als Pilotprojekt. Einige große Unternehmen machten damit recht positive Erfahrungen - doch die Vorbehalte in der Wirtschaft sind weiter groß.

dapd/jol
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.