Frag den Personalchef Wann geraten Bewerber unter Faulpelz-Verdacht?

Unternehmen verlangen von Neulingen meist vollen Einsatz. Sollte man Themen wie Teilzeit oder Sabbaticals bei Bewerbungen besser meiden? In der neuen Serie "Jetzt mal ehrlich" spricht ein Personalchef Klartext.

Vorsicht, Hängematten-Verdacht: Nicht zu entspannt ins Vorstellungsgespräch
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Vorsicht, Hängematten-Verdacht: Nicht zu entspannt ins Vorstellungsgespräch

Von Adrian Schimpf


Zum Autor
  • Nico Herzog/ Madsack
    Adrian Schimpf (Jahrgang 1969) ist Konzernpersonalchef der Madsack Mediengruppe. Zuvor war er Leiter der Personalentwicklung beim Verlag Gruner + Jahr. Der Jurist hat ein Herz für Hertha BSC und für England.
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Im Vorstellungsgespräch wirkt die Bewerberin kundig, klug, kompetent. Dann sagt sie: "Ich würde lieber nur 30 Wochenstunden arbeiten, alles andere ist mir eigentlich zu viel." Und fragt außerdem: "Ab wann kann man in diesem Unternehmen ein Sabbatical machen?"
Jetzt mal ehrlich, Herr Schimpf: Was denkt ein Personalleiter? Ist die Kandidatin gleich aus dem Rennen, weil sie mit solchen Fragen unter den Verdacht gerät, dass sie lieber in der Hängematte liegt als zu arbeiten?

Adrian Schimpf antwortet:
Was der Personalchef jetzt denkt, hängt ganz von der Stelle ab. Wenn ein 30-Stunden-Job ausgeschrieben war und in der Stellenanzeige mit der großartigen Work-Life-Balance geworben wurde - dann ist es nicht zu beanstanden, dass einem Bewerber oder einer Bewerberin die 30 Stunden auch genug sind.

Allerdings wird den Arbeitgeber interessieren, warum der Kandidatin alles andere zu viel ist. Steckt ein anstrengendes Hobby dahinter? Eine aufwendige Nebentätigkeit, ein berufsbegleitendes Studium? Wer sich hingegen bei einer internationalen Unternehmensberatung auf eine Vollzeit-Associate-Position bewirbt, sollte die Frage nicht stellen - oder sich gar nicht erst bewerben.

Die Sabbatical-Frage ist etwas anders gelagert. Hier empfiehlt sich dringend, vor dem Gespräch herauszufinden, ob die Firma ein Sabbatical-Programm hat. Falls ja, darf man es durchaus ansprechen - vor allem, wenn das Unternehmen diese Möglichkeit herausstellt. Oder sich sonst als Arbeitgeber präsentiert, für den eine gesunde Work-Life-Balance nicht nur Sonntagsredengeschwurbel ist.

Wen indes beim finalen Interview das Gefühl beschleicht, der 55-jährige Personalchef der Schraubenfabrik in Familienhand kenne Begriffe wie Sabbatical oder Work-Life-Balance nur schemenhaft, der sollte besser andere Fragen stellen.


Ungewöhnliche Bewerbungen - was Personaler beeindruckte

Wer hat Mut, wann springt der Funke über? Bei einer KarriereSPIEGEL-Umfrage erzählten Personaler von Bewerbern, die sie nicht vergessen:

Martin Fischedick, Bereichsvorstand Group Human Resources der Commerzbank AG

"Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Mann, der sich auf eine Stelle im Vertrieb beworben hatte. Er erzählte, dass er schon als 15-Jähriger Pfefferminze im Garten seiner Großmutter gepflückt, in kleine Tütchen verpackt und mit eigenem Logo auf dem Wochenmarkt verkauft hatte. Von dem verdienten Geld konnte er sich sogar eine Vespa kaufen. Das hat uns von seinen verkäuferischen Fähigkeiten überzeugt, wir haben ihn eingestellt."

Werner Zedelius, Personalvorstand der Allianz SE

"Nach einem Workshop kam ein Mitarbeiter auf mich zu, sagte: 'Ich würde gerne in Ihrem Bereich arbeiten.' Er war sich bewusst, wo seine Stärken lagen, aber auch, was ihm fachlich noch fehlte. Er war auch bereit, sich international zu bewegen. Seine Offenheit hat mich überzeugt: Hier ist jemand agil genug, eine neue Herausforderung konstruktiv anzugehen. Aus dem spontanen Gespräch entstand ein intensiver Austausch. Heute hat er eine Schlüsselrolle in einer großen osteuropäischen Tochtergesellschaft."

Kai Teute betreibt Dominos Pizza in Norddeutschland

"Bei uns hat sich einmal ein Fahrer beworben, der mit mir um die Wette fahren wollte. Uns war klar, dass wir den Herrn unbedingt einstellen sollten. Es war die richtige Entscheidung. Wir haben trotz Blitzauslieferungen noch keinen Unfall zu verzeichnen."

Dirk Martin, Gründer und Geschäftsführer des Software-Dienstleisters PMCS.helpLine

"In einem Assessment-Center mit acht Bewerbern fiel ein junger Bewerber auf, weil er keine Krawatte trug. Stattdessen lugte unter dem aufgeknöpften Hemd ein buntes T-Shirt hervor. Als er unsere irritierten Blicke bemerkte, erzählte er uns in breitem Wienerisch die Geschichte seiner Anreise. Mehrere Missgeschicke und Pannen am Flughafen-Check-in hatten dazu geführt, dass die Krawatte in Kaffee 'ertränkt' worden war. Die 'vollgekleckerte' Trophäe schwenkte er als Beweis über seinem Kopf. Wir haben alle sehr gelacht. Heute arbeitet er bei uns erfolgreich im Vertrieb."

Katrin Adt, Vice President HR Development & HR Services bei der Daimler AG

"'Ich werde das Automobil abschaffen' - das war der erste Satz eines Bewerbers in einem Vorstellungsgespräch. Ob wir ihn eingestellt haben? Ja. Denn wir wollen Talente, die umdenken, weiterdenken und quer denken. Es lohnt sich, Bestehendes infrage zu stellen. Auch Carl Benz hatte sich damals zum Ziel gesetzt, die Pferdekutschen abzuschaffen. Heute fahren wir damit sehr gut. Wir sind ein Mobilitätsdienstleister und fördern Kolleginnen und Kollegen, die diesen Weg mitdenken und mitgehen."

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Finnland55 10.06.2015
1. Ein ganz klares
Die Frage wurde nicht beantwortet. Dass ein kleiner Familienbetrieb kein Sabbatical anbietet und sich nur begrenzte Flexibilität leisten kann, ist klar. Es ist auch klar, dass in einem klassischen Selbstausbeutungsworkaholicladen wie Unternehmensberatung bereits eine 40-Stunden-Woche als TZ verstanden wird. Es geht um die mittelgroßen Betriebe, in denen eine Mischung aus diversen Arbeitszeitmodellen möglich ist - wie wird man denn da betrachtet? Ich finde es im übrigen auch schon ziemlich dreist, dass man Hintergründe aufdecken soll, warum man nur TZ arbeiten will. Wenn anscheinend nicht zumindest pflegebedürftige Angehörige dahinterstecken oder ein wirklich aufwendiges Hobby, sprich, wenn nicht die Freizeit durch andere Arbeit gerechtfertigt wird, dann ist schon wieder was faul für den Personaler? Ich will nicht VZ arbeiten. Ich will mehr Zeit für mich. Was ich in deiser Zeit tue, geht niemanden was an.
Fürstenwalder 10.06.2015
2.
Wen indes beim finalen Interview das Gefühl beschleicht, der 55-jährige Personalchef der Schraubenfabrik in Familienhand kenne Begriffe wie Sabbatical oder Work-Life-Balance nur schemenhaft, der sollte besser andere Fragen stellen... und manchmal hilft es auch, wenn man die facettenreiche deutsche Sprache verwendet..
hondje 10.06.2015
3. wann geraten bewerber unter faulpelzverdacht
Lieb Jugendliche lass euch nicht ausnehmen von eure Arbeitgeber /Sklavenhändler weil wen ihr nicht mehr könnt werdet ihr nicht mehr gebraucht und werdet abgeschoben in h4 also nur dass machen was ihr machen könnt und versuche nicht der beste zu sein weil dass geht nicht lange gut weil nur so kann man gesund alt werden.
mam71 10.06.2015
4.
Zitat von Finnland55Die Frage wurde nicht beantwortet. Dass ein kleiner Familienbetrieb kein Sabbatical anbietet und sich nur begrenzte Flexibilität leisten kann, ist klar. Es ist auch klar, dass in einem klassischen Selbstausbeutungsworkaholicladen wie Unternehmensberatung bereits eine 40-Stunden-Woche als TZ verstanden wird. Es geht um die mittelgroßen Betriebe, in denen eine Mischung aus diversen Arbeitszeitmodellen möglich ist - wie wird man denn da betrachtet? Ich finde es im übrigen auch schon ziemlich dreist, dass man Hintergründe aufdecken soll, warum man nur TZ arbeiten will. Wenn anscheinend nicht zumindest pflegebedürftige Angehörige dahinterstecken oder ein wirklich aufwendiges Hobby, sprich, wenn nicht die Freizeit durch andere Arbeit gerechtfertigt wird, dann ist schon wieder was faul für den Personaler? Ich will nicht VZ arbeiten. Ich will mehr Zeit für mich. Was ich in deiser Zeit tue, geht niemanden was an.
Nur mal so am Rande: Sabbatical ist immer dort gut möglich, wo Arbeit nicht "durchgängig" ist. Dies ist u.a. immer dort der Fall, wo man Projektarbeit hat, denn jedes Projekt endet einmal. Man kann also zwischen zwei Projekten problemlos pausieren, ohne dass etwas liegen bleibt, bzw. jemand anderes für die Arbeit gefunden werden muss. Und dies ist u.a. bei Unternehmensberatungen der Fall. Ich habe das selbst schon praktiziert. Ein weiterer Vorteil ist, während der eigenen Abwesenheit häuft sich kein Stapel an Arbeit an, der einem dann vor die Füsse fällt, wenn man wieder da ist. Man kann sozusagen bei Null neu starten. In diesem Wissen kann man auch besonders gut abschalten. Muss aber jeder selbst wissen, wie er seine Vorurteile pflegt...
c_c 10.06.2015
5. ...
ich habe mit meinem Leben besseres zu tun, als meine Lebenszeit über das absolut notwendige Maß hinaus irgendeinem Kapitalisten in den Rachen zu werfen. So langsam wird es mal Zeit, sich gegen diese zunehmende Dauerausbeutung, die sich durch direkte und unterschwellige Kontrolle der Lebensgewohnheiten, ja sogar einer zunehmenden Einflussnahme auf dieselben, mehr und mehr auch ins Privatleben ausdehnt zur Wehr zu setzen.
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