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Zu zweit die Krise meistern So überleben Sie als Paar im Homeoffice

Wenn das Zuhause zum Büro wird, kann das zur Belastungsprobe werden. Organisationsexpertin Jennifer Petriglieri gibt Tipps, wie Paare durch die Coronakrise kommen - und ihre Karrieren dazu.
Foto: Westend61/ Getty Images

Etwas mehr als zwei Monate nach Beginn der Coronavirus-Ausgangssperre in China kristallisiert sich eine erstaunliche Zahl heraus: Die Scheidungsrate in der Stadt Xi'an, dem Herzen der Provinz Shaanxi, ist in die Höhe geschossen. Und das gerade jetzt, wo die Vorschriften wieder gelockert werden. Die Zahlen aus Italien liegen noch nicht vor, aber Witze gibt es schon viele. "Entweder hast Du danach ein drittes Kind, oder Du bist geschieden", witzelte einer meiner italienischen Verwandten, als Frankreich, wo mein Mann und ich leben, eine unbefristete Ausgangssperre erließ. Nach nur vier Tagen wusste ich, was er meint.

In meiner Forschung über Doppelverdiener habe ich erlebt, wie vielbeschäftigte Paare sowohl in ihren Berufen als auch in ihren Beziehungen erfolgreich sein können. Jetzt befinden sich auf der ganzen Welt Millionen dieser Paare in einer Situation, die vor einem Monat noch unvorstellbar schien: Beide Partner sind gezwungen, von zu Hause aus Vollzeit zu arbeiten. Und viele dieser Paare müssen auch noch Vollzeit Kinder betreuen - ohne oder mit nur geringer Unterstützung, denn die strengen Distanzierungsregeln lassen wenig Hilfe zu.

Die Arbeit an sich ist viel stressiger als sonst: Persönliche Gespräche müssen nun virtuell erfolgen, viele Firmen haben Schwierigkeiten, weiter ihre Kunden zu bedienen und der eigene Arbeitsplatz erscheint plötzlich nicht mehr sicher. So wird viel Frustration und Angst mit nach Hause genommen - und zwar im wortwörtlichen Sinn.

Zur Person

Jennifer Petriglieri ist Professorin für Organisationsverhalten an der französischen Business School Insead. Sie leitet dort unter anderem Programme zur Frauenförderung und zu Geschlechterdiversität.

Denn unser Zuhause ist zu dem Raum geworden, in dem wir diesen Herausforderungen begegnen müssen. Ohne eine klare Arbeitsteilung zwischen bezahlter Arbeit und Hausarbeit stehen Doppelverdiener vor einer Vielzahl neuer und ungewohnter Herausforderungen: Wie können beide Partner unter einem Dach produktiv arbeiten? Wer darf das heimische Büro nutzen und wann? Wie können wir vermeiden, in eine Falle von Überlastung und Burn-out zu tappen? Wie können wir mit den lästigen Gewohnheiten des anderen umgehen, die, wenn wir rund um die Uhr arbeiten, plötzlich zu Streitigkeiten führen? Und für berufstätige Eltern stellt sich zudem die Frage: Wie beschäftigen und unterrichten wir zu Hause unsere Kinder, ohne die Hilfe von Freunden, Großeltern oder bezahlten Kinderbetreuern?

Die meisten Ratschläge, die ich als Antwort auf diese Fragen erhalte, legen nahe, dass sich Paare auf die praktischen Aspekte konzentrieren sollen: Planen Sie den Tag. Arbeiten Sie nie am Küchentisch. Schließen Sie die Tür zu Ihrem Arbeitsplatz. Teilen Sie die Arbeit auf. Sprechen Sie mit Ihrem Chef. Wechseln Sie in Schichten zwischen Kinderbetreuung und Arbeit ab. Nutzen Sie moderne Technologie. Machen Sie regelmäßig Pausen. Schlafen Sie genug.

Diese praktischen Aspekte sind sicher wichtig, und alle Paare, ja im Grunde alle Arbeitnehmer, werden sich anpassen müssen. Aber meine sechsjährige Forschungsarbeit hat mich gelehrt, dass die Frage, welche Paare nach der Krise getrennte Wege gehen werden und welche Paare zweite Flitterwochen erleben (und vielleicht ein drittes Kind obendrein!), nicht davon abhängt, wie sie mit praktischen Dingen umgehen. Es geht nicht darum, wer der Pandemie trotzt und rausgeht, um Milch zu kaufen.

Stattdessen zeigt meine Forschung - für die ich mehr als 100 Paare befragt habe -, dass die Paare, die Krisen mit intakter Beziehung und intakter Karriere überstehen, diejenigen sind, die zu Beginn bestimmte Grundsätze diskutieren und sich auf diese einigen. Sie halten fest, was ihnen am wichtigsten ist, was sie brauchen und erreichen wollen, was sie voneinander brauchen und was sie im Gegenzug geben müssen.

Diese Grundsätze, einmal in einer Vereinbarung festgelegt, bestimmen dann die praktischen Lösungen. Dieses "Krisenabkommen" basiert auf einer Art Beziehungsvertrag, den ich in meinem Buch "Couples That Work" als unerlässlich für das Gedeihen aller Doppelverdiener-Beziehungen beschreibe. Aber Paare können einen Vertrag nicht nur einmal abschließen: Sie müssen den Vertrag anpassen, wenn größere Veränderungen eintreten – insbesondere, wenn eine Krise eintritt.

Es dauert nicht lange, einen solchen "Krisenvertrag" zu erarbeiten. Sie können heute Abend mit Ihrem Partner einen abschließen.

Nehmen Sie sich zunächst ein paar Minuten Zeit, um Ihre Gedanken zu jeder der unten aufgeführten Fragen einzeln aufzuschreiben. Rechnen Sie mit einem Zeithorizont von drei Monaten (aktuell wissen wir nicht, wie lange die Situation noch andauern wird, das ist meine wohlbegründete Vermutung aufgrund der Erfahrungen Chinas). Wenn Sie Ihre eigenen Gedanken niedergeschrieben haben, teilen Sie sie Ihrem Partner mit und erarbeiten Sie zusammen eine gemeinsame Basis. Schreiben Sie auf, worüber Sie sich einig sind. So können Sie jede Woche überprüfen, ob Sie auf dem richtigen Weg sind. Und Sie können die Vereinbarung als Grundlage für all die praktischen Probleme heranziehen, die Sie in Angriff nehmen müssen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Was ist für Sie in dieser Zeit am wichtigsten? Die nahe liegende Antwort für uns alle lautet: die Gesundheit und Sicherheit unserer Lieben. Aber was sind darüber hinaus gerade Ihre drei wichtigsten Ziele? Gibt es ein bestimmtes Arbeitsprojekt, das Sie zu Ende bringen wollen? Eine Beziehung, die Sie pflegen möchten? Wollen Sie die Zeit zu Hause nutzen, um Ihren nächsten beruflichen Schritt zu planen? Oder beschäftigt Sie vor allem die Ausbildung Ihrer Kinder?

Es ist wichtig, sich über diese Ziele klarzuwerden, denn daraus ergibt sich, wie Sie Ihre Zeit einteilen. Wahrscheinlich werden die meisten von uns im Moment insgesamt weniger produktiv sein. Aber stellen Sie sich vor, dass Sie in drei Monaten zurückblicken: An welchen Maßstäben werden Sie messen, ob Sie Ihre Zeit vernünftig genutzt haben?

Wessen Karriere hat Vorrang? Wenn Sie beide von zu Hause aus arbeiten und sich gleichzeitig auch noch um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern, müssen Sie klären, wessen Arbeit wann Priorität hat. Hat eine Ihrer Karrieren stets Vorrang vor der anderen? Versuchen Sie, eine gleichberechtigte Aufteilung beizubehalten? Oder gibt es bestimmte Wochen, in denen einer dem anderen den Rücken freihält? Meine Untersuchungen haben gezeigt, dass jede dieser Regelungen funktionieren kann - aber es klappt am besten, wenn Sie sich im Voraus für eine entscheiden. So haben Sie eine Richtschnur, um die tägliche Arbeitszeit zwischen sich aufzuteilen. Wenn Sie verstehen, warum die Arbeit des anderen in bestimmten Momenten Vorrang haben muss, ist es einfacher, zurückzustecken, ohne Ressentiments zu entwickeln.

Was sind Ihre Erziehungsprinzipien? Es sind außergewöhnliche Zeiten für berufstätige Eltern, und die Grundsätze, an denen wir normalerweise festhalten, werden sich anpassen müssen. Wie lange dürfen Ihre Kinder vor Laptop oder Fernseher sitzen? Wie stark wollen und müssen Sie sich im Heimunterricht engagieren? Ist es Ihnen wichtiger, dass Ihr Kind Zeit im Freien verbringt, Sport macht, liest oder lernt? Wie sprechen Sie mit Ihren Kindern über die Krise und wie antworten Sie auf Ihre Sorgen? Wenn Sie und Ihr Partner auf derselben Seite stehen und Ihren Kindern klar vermitteln können, welche Regeln nun gelten, wird es leichter, zu Hause Grenzen (und Frieden) zu wahren.

Was brauchen Sie voneinander, damit das alles funktioniert? Wir alle sehnen uns nach Unterstützung, aber wie sieht das für Sie aus, emotional und praktisch? Brauchen Sie die Sicherheit, dass Sie jeden Abend 15 Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit haben werden, um den Tag zu besprechen? Muss Ihr Partner einige der Aufgaben übernehmen, für die Sie sonst zuständig sind? Was brauchen Sie, um den ausgehandelten "Krisenvertrag" einhalten zu können? Wahrscheinlich brauchen Sie und Ihr Partner unterschiedliche Dinge. Die Bedürfnisse des anderen zu berücksichtigen, beweist guten Willen und Liebe – beides brauchen wir, um diese Zeiten zu überstehen.

Was bereitet Ihnen die größten Sorgen? Die Krise und die Tatsache, dass wir über einen längeren Zeitraum von zu Hause aus arbeiten müssen, lösen bei den meisten Menschen Angst aus. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Arbeitsplatz? Oder um Ihre Partnerschaft? Sorgen Sie sich, dass die Kinder zu kurz kommen oder dass Sie einen Lagerkoller kriegen? Was werden Sie tun, wenn einer oder beide von Ihnen ernsthaft krank werden? In Krisenzeiten schlucken viele Ihre Sorgen hinunter. Das ist für ein Paar wenig hilfreich. Zu wissen, was den anderen umtreibt, ist immens wichtig, denn es macht uns aufmerksamer und sensibler. Und wenn wir die Sorgen unseres Partners verstehen, können wir praktische Schritte unternehmen, um sie zu lindern.

In einer Krise verengt sich unser Fokus oft auf die unmittelbar anstehenden Aufgaben. Kürzlich sagte eine Frau zu mir: "In dieser Situation verfällt man leicht in Aktionismus. Aber wir brauchen eine ganz neue Strategie, um da durchzukommen." Aus meiner Forschung kann ich das bestätigen: Erfolgreiche Paare sprechen erst – und kümmern sich dann um praktische Dinge.

Wenn Sie sich von den Prinzipien, auf die Sie sich als Paar geeinigt haben, leiten lassen, wenn Sie miteinander im Gespräch bleiben, dann werden Sie diese Phase überstehen - und vielleicht wird Ihre Beziehung anschließend sogar noch stärker sein. Hochzeitsglocken könnten erklingen, eine zweite Hochzeitsreise wird vielleicht gebucht, oder winzige Kleidungsstücke gestrickt – aber spätestens dann ist es Zeit für ein neues Abkommen.