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Taxifahren in der Weihnachtsnacht Er hat immer abgeliefert

Ioannis Demertzis fährt seit 21 Jahren in Bielefeld Taxi. Immer nachts, immer auch an Heiligabend. Die Geschichte eines Menschen, ohne den andere Menschen nicht Weihnachten feiern könnten.
Aus Bielefeld berichtet Florian Gontek
Taxifahrer Ioannis Demertzis: »Ich bin durch das Taxi auch zu einem Gesellschaftserklärer geworden«

Taxifahrer Ioannis Demertzis: »Ich bin durch das Taxi auch zu einem Gesellschaftserklärer geworden«

Foto: Florian Gontek / DER SPIEGEL

Seine Schicht beginnt Ioannis Demertzis, 56, immer gleich: mit einem Espresso. Einem Doppelten, versteht sich. Auch der Ort, an dem er seinen Espresso trinkt, ist immer derselbe: die Shell-Tankstelle an der Artur-Ladebeck-Straße in Bielefeld, Stadtteil Gadderbaum.

Zwischen zehn und zwölf Fahrten pro Nacht

Von hier aus startet Demertzis in jede Nacht. Zwischen zehn und zwölf Fahrten pro Schicht. Außer mittwochs, da hat er frei. Vieles von dem, was er über die Gesellschaft gelernt hat, habe er auf den knapp achteinhalb Quadratmetern seines VW-Caddy gelernt, sagt Demertzis. Er putze ihn zwei- bis dreimal am Tag. »Das ist ja mein Arbeitszimmer«, sagt er. Es ist ein Ort, an dem die Gesellschaft im Kleinen zusammenkommt: Jung und alt, reich und arm, freundlich und unverschämt. »Ich bin durch das Taxi auch zu einem Gesellschaftserklärer geworden«, sagt Demertzis. Seit 21 Jahren, gut 60.000 Kilometer jedes Jahr.

Er erinnert sich gut an einen Anwalt, der ihm offen ins Gesicht sagte, dass er sich für etwas Besseres halte. »Ich erwiderte ihm, dass er ja gar nicht wisse, warum ich überhaupt Taxi fahre. Vielleicht ernähre ich damit meine Familie, vielleicht mache ich es aber auch nur, weil ich nicht weiß, was ich mit meiner Zeit anfangen soll und neue Menschen kennenlernen möchte. Das kann er ja gar nicht wissen.« Er diskutiere gern mit seinen Gästen »und am Ende sitze ich meistens am längeren Hebel«, sagt er und lacht. Der Stress, der heute in der Gesellschaft herrsche, lasse zu selten Zeit für Zwischentöne, sagt er. Kopfhörer und Smartphone machten vieles Zwischenmenschliche kaputt. Die Zeile, die Westernhagen schon 1975 in »Taximann« sang, sie klingt aus dem Mund von Demertzis 2021 wahrer denn je:


»Jetzt fahr‘ schon los, ich will nach Hause, Taximann. Fahr etwas schneller und halt nicht dauernd an. Nun fahr’ schon los, ich will nach Hause.«


Die ersten Fahrten an diesem Heiligen Abend scheinen wohliger. Ein älteres Ehepaar möchte von der Familienfeier nach Hause, etwa 20 Minuten Fahrt. Herrlich sei es gewesen, sagt die Dame beim Reinkommen ins Auto. Das erste Jahr im neuen Haus der Kinder, die schlesische Pfefferkuchensauce zu Karpfen und Fleisch, die Kinder, die sich über die Geschenke gefreut hätten und der Boden, der mit Papier übersät gewesen sei, sagt sie zum Einstieg. Demertzis lässt kurz zum Abschied sein Fenster herunter, Kinder und Enkel winken: »Entschuldigung«, ruft er, »wir haben das Ziel geändert: Wir fahren nach Paris«. Demertzis lacht, alle lachen. Es geht dann doch nicht nach Paris, sondern nach Hillegossen, Bielefelder Osten.

Ioannis Demertzis, ein mittelgroßer Mann mit Glatze, spitzer Nase und einem pinken Pullover, ist 1988 aus Thessaloniki nach Bielefeld gekommen. Geboren ist er in Ulm, dann, im Alter von acht Jahren, ist er mit seinen Eltern nach Griechenland gegangen: »Dort habe ich dann Dreher gelernt«. Dass es nicht dabei geblieben ist, sagt Ioannis Demertzis, sei wohl sein größtes Glück gewesen. Als es der Firma für Dämmstoffe, in der er jahrelang arbeitete, um die Jahrtausendwende immer schlechter ging, begann er, an den Wochenenden Taxi zu fahren. Es war erst nur die Flause eines Kollegen. Heute ist es sein Traumjob. Noch mal etwas anderes machen? »Auf keinen Fall und jetzt eh nicht mehr«, lacht Demertzis.

Die Eheleute hat er derweil sicher vor einem Hillegosser Wohnblock abgesetzt. Knapp 50 Euro hat sie die Fahrt gekostet, an diesem Abend bekommt er durchweg gutes Trinkgeld. »An Weihnachten sind die Menschen häufig etwas großzügiger«, sagt Demertzis. Er muss es wissen. Jedes Jahr fährt er an Weihnachten und jedes Jahr unterbricht er seine Schicht, um in Ruhe mit seinen erwachsenen Töchtern, 27 und 28 Jahre sind sie alt, und seiner Frau Abend zu essen. »Wir hatten Ente, meine Frau hat sie gemacht«, sagt Demertzis. Er lächelt. Man spürt in jeder Minute, die man ihn während seiner Schicht begleitet, wie wichtig ihm seine Familie ist. Mindestens jede Stunde ruft er seine Frau an, einfach nur, um zu fragen, ob es ihr gutgeht. Manchmal nur für zehn Sekunden. »Es geht nur darum, sie kurz zu hören«, sagt er. Bei seinen Töchtern das Gleiche. »Sie würden immer kommen, wenn ich eine Panne habe oder sie brauche. Zu jeder Uhrzeit, ohne zu zögern«, sagt er. Stolz schwingt mit.

Acht Prozent der Erwerbstätigen arbeitetet an Feiertagen

Und trotzdem ist es für Demertzis ganz normal, Weihnachten ins Taxi zu steigen, und nicht bei der Familie zu sein. Zu umsatzstark sei der Tag für seinen Arbeitgeber, sagt er. Laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes  gehört er damit zu den acht Prozent unter den 41.601.000 Erwerbstätigen, die auch an Feiertagen arbeiten. 2017 waren es noch elf Prozent, die Zahl sinkt seit Jahren; langsam, aber stetig. 3,2 Prozent der Befragten geben an, »ständig« zu arbeiten, 3,3 Prozent »gelegentlich«. Daten dazu, wie viele Erwerbstätige explizit über Weihnachten ihrer Arbeit nachgehen, werden in Deutschland nicht erhoben. Fest steht: Ohne Menschen wie Demertzis, ohne Krankenpfleger, Intensivschwestern und Postboten, die ihrem Job auch an Feiertagen nachgehen, würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Sie würde zusammenbrechen, gerade jetzt in der Pandemie.

Demertzis am Steuer: »Für viele Menschen bin ich nicht der Taxifahrer, ich bin Janni, ein Freund«

Demertzis am Steuer: »Für viele Menschen bin ich nicht der Taxifahrer, ich bin Janni, ein Freund«

Foto: Florian Gontek / DER SPIEGEL

Das Taxifahren kann auch soziale Abgründe aufzeigen, immer, an Weihnachten aber ganz besonders: Eine Hamburger Taxifahrerin, die seit Jahrzehnten Gäste durch die Hansestadt chauffiert, erzählte mir mal, dass sie zwar gern an Weihnachten fahren würde, aber es nicht ertragen könne, Heiligabend im Dienst zu sein. Sie komme nicht damit zurecht, wenn Kinder ihre nervigen Eltern an Heiligabend noch vor acht Uhr am Abend in die einsame Wohnung bringen ließen oder sie Mann und Frau vom Dinner nach Hause fahren und sie den Mann danach weiter ins Bordell fahren müsse. »Das halte ich einfach nicht aus. Darum mache ich es nicht«, sagte mir die Frau damals.

Auch Ioannis Demertzis kennt solche Gäste, sie gehörten dazu, sagt er. Manchmal fahre er Menschen einfach nur durch die Gegend, weil sie Gesellschaft brauchten. Ohne konkretes Fahrtziel. »Ich merke das schnell. Gerade jetzt, wo die Einsamkeit in der Pandemie zugenommen hat. Für viele Menschen bin ich nicht der Taxifahrer, ich bin Janni, ein Freund«.

Die Lebensgeschichte, aber ohne Nachnamen

Das merkt man auch an diesem Abend. 115 Taxen sind in dieser Heiligen Nacht in Bielefeld im Einsatz. Die meisten davon in der Innenstadt. Demertzis hält sich nach Möglichkeit fern von diesem Trubel. 60 Prozent seiner Gäste sind Stammkunden, oftmals ist er in Randgebieten unterwegs. In seinem Telefon sind sie eingespeichert unter »Freundin Quelle« oder »Beethovenstraße«. Sie rufen einfach an oder schreiben eine WhatsApp, wenn sie einen Fahrer brauchen. »Ich unterhalte mich mit vielen meiner Gäste über sehr persönliche Dinge. Manchmal kenne ich aber nicht mal ihren Nachnamen«, sagt Demertzis.

Gegen 23 Uhr gibt es mal wieder einen Boxenstopp. Espresso, Doppio natürlich. Nicht wie meist an der Tankstelle, sondern bei einem von Demertzis' ältesten Kunden. Jedes Jahr zu Weihnachten schaut er hier auf einen Espresso vorbei. Es ist eine Gegend, in die der durchschnittliche Bielefelder allenfalls zum Spazieren geht. Das Johannistal. Laut einem Bericht der »Neuen Westfälischen«  war Bielefeld 2017 nach Hamburg die Stadt mit den zweitmeisten Milliardären in Deutschland. Hier sitzen Konzerne wie Dr. Oetker, Schüco oder das Bauunternehmen Goldbeck. Geschätzter Jahresumsatz der drei Unternehmen: 13 Milliarden Euro. Viele der Entscheiderinnen dieser Region leben im Johannistal, unweit der Sparrenburg, dem Wahrzeichen der Stadt.

Dass das Geld bei einigen in der Stadt durchaus locker sitzt, merkt man auch in dieser Nacht. Ioannis Demertzis fährt nach dem Espresso nicht nur die Eltern des Stammkunden nach Hause, er kutschiert auch den Chef eines der nobelsten Restaurants der Stadt zu seiner Wohnung, holt Menschen mit großem Fuhrpark aus großen Anwesen ab. Alles Stammkunden natürlich.

Dazwischen fährt Demertzis auch eine Dame, keine Stammkundin. Sie erzählt von ihrer Darmkrebserkrankung, vom Stolz auf ihre beiden Söhne, der eine Jurist, der andere Oberstudienrat, und von der Einsamkeit ohne ihren vor kurzem verstorbenen Mann. Sie erzählt von ihrem langjährigen Job bei Karstadt und dem Brass auf Thomas Middelhoff, den gefallenen Star-Manager der Neunzigerjahre, ebenfalls mit Bielefelder Vergangenheit, der Karstadt habe sterben lassen. »Wissen Sie, was ich im Leben gelernt habe ist, dass es immer weitergehen muss«, sagt sie zum Abschied. Demertzis bringt die Frau in ihre kleine Wohnung am Rande einer Parkanlage in Mitte. Sie zahlt ihm mehr als das Doppelte des eigentlichen Fahrpreises.

Metal, nachts um 2

»Jeder ist anders. Manchmal hört man nur zu, manchmal fragt man aktiv nach. Das spüre ich schnell«, sagt Demertzis. Einem jungen Paar, das als nächstes im Taxi sitzt, drückt er das iPad in die Hand. Es ist mittlerweile nach 2 Uhr, Demertzis holt ein kleines Licht raus, bewegt es wie ein Feuerzeug, und wir hören harten Metal, Eskimo Callboy. Als das Paar aus dem Taxi gestiegen ist, fragt Demertzis: »Sag mal ehrlich: Ist das Arbeit?«. Er wird in dieser Heiligen Nacht etwa 300 Euro Umsatz machen.

Es ist mittlerweile 3.30 Uhr. Die letzten eineinhalb Stunden der Schicht. Ich verabschiede mich. Bei Demertzis bimmelt es schon wieder. Zum Abschied gibt es noch einen Espresso. Der achte in dieser Nacht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts war die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland falsch angegeben. Wir haben die Passage korrigiert.

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