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Studenten gründen Start-up: Bier nach dem Braukasten-Prinzip

Start-up für Aroma-Bier Chili und Malz, Gott erhalt's

Pulver rein, gären lassen, fertig ist das Mango-Weißbier: Münchner Studenten verkaufen Sets, mit denen sich Bier in Tausenden Geschmacksrichtungen brauen lässt. Eine Lücke im Reinheitsgebot macht's möglich. Das Geschäft brummt, die Brauer-Lobby schäumt.
Von Hannes Külz

Es gibt Orte, wo außergewöhnliche Disziplin, Hygiene und Anstand herrschen. WG-Küchen gehören nicht dazu. Da trocknen Essensreste ungestört am Geschirr fest, Obst und Gemüse wechseln fröhlich den Aggregatzustand. Die Mitbewohner von Wolfgang Westermeier, 27, mussten einiges mehr aushalten. "Wir haben ihre Nerven schon arg strapaziert", sagt der angehende Agrarbiologe. Mit bis zu 20 gärenden Fässern hantierten er und seine Mitstreiter gleichzeitig - eine Herausforderung für die Nase. Der Trost für die Mitbewohner: jede Woche Bierprobe.

Inzwischen hat sich das Chaos gelichtet. Statt in der WG stehen die Fässer jetzt in einem aufgeräumten 130-Quadratmeter-Dachboden in Giggenhausen bei München, und aus der Selbstbrau-Idee ist die Firma Braufässchen gewachsen. Das Konzept: Die Kunden bekommen per Post ein leeres Fünf-Liter-Fass, Malzextrakt in vier Grundtypen (Pils, Weizen, Dunkles, India Pale), drei Hopfenstärken (mild bis herb) und bis zu drei natürliche Aromen (zum Beispiel Maulbeerbaumrinde in Baumwollsäckchen). Das Ganze wird im Fass mit Leitungswasser gemischt und fängt sofort an zu gären. So lässt sich zu Hause Bier in Tausenden Geschmacksrichtungen brauen.

Brausätze sind nichts Neues, doch meist wird es aufwendig: Man braucht perfekt saubere Flaschen, in Foren werden kochfeste Läutertücher empfohlen, es wird über Jodlösungen zum Stärkenachweis diskutiert, Abfüllschläuche und Bierwürze-Spindeln. Das ist bei Braufässchen anders: "Wir richten uns an Leute, die sich für Bier interessieren, aber nicht jedes Detail wissen wollen", sagt Felix Osnabrügge.

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Bierverkoster: Der Arbeitstag beginnt mit einem Pils

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Der 25-Jährige hat Brau- und Getränketechnologie am Wissenschaftszentrum Weihenstephan studiert, eine der renommiertesten Adressen der Branche. Seine Mitstreiter hat er am Gründungszentrum der TU München kennengelernt. Dort bekamen sie neben ihrem Studium in einem Stipendienprogramm unternehmerisches Denken beigebracht, besuchten Marketing- und Kreativitäts-Workshops und lernten, einen Businessplan zu schreiben.

"An einem der Abende haben wir beim Bier gesessen und uns gefragt, warum im Prinzip alle gleich schmecken", erzählt Osnabrügge. Seither kämpfen sie gemeinsam gegen das Reinheitsgebot, das Heiligtum der deutschen Bierwirtschaft. Das sei "innovationsfeindlich und schränkt die Biervielfalt ein", schimpft Westermeier. In anderen Ländern seien die Brauer innovativ und flexibel, "in Deutschland herrscht Stillstand".

Bier mit Jalapeño-Chili-Geschmack

Das Reinheitsgebot speist sich aus vielen Quellen, die wichtigste stammt aus der Landesordnung der bayerischen Herzöge von 1516. In der heißt es, dass im Bier nichts "dann allain Gersten, Hopfen unn wasser genommen unn gepraucht sölle werdn". Die Forderung fand Niederschlag in der Bierverordnung, die heute festlegt, was in Deutschland ins Bier darf - und vor allem, was nicht.

Heimbrauer jedoch sind vom Reinheitsgebot ausgenommen. Diese Lücke nutzen die "Braufässchen"-Leute genüsslich aus: Sie liefern ihren Kunden 15 natürliche Aromen mit, Extrakte aus Früchten etwa, Schnipsel verschiedener Holzarten, Honig und Jalapeño-Chili. "Gott sei Dank darf zu Hause jeder brauen, wie er es für richtig hält", sagt Westermeier.

Der deutsche Brauer-Bund, der mächtige Lobbyverband der Großbrauereien, ist über derlei Umtriebe empört. Die Behauptung, das Reinheitsgebot stehe der Vielfalt im Wege, sei "natürlich ziemlicher Unfug", schäumt Hauptgeschäftsführer Peter Hahn. Kämen neben den klassischen Zutaten weitere Dinge hinzu, könne man nicht mehr von Bier sprechen. "Wenn ich Fanta in Cola schütte, ist es auch keine Cola mehr, sondern Spezi", sagt Hahn. Keinesfalls dürfe das Gebot aufgeweicht werden. Das würde "den Panschern Tür und Tor öffnen, ein schlechtes Bier mit allerlei obskuren Zutaten geschmacklich zu maskieren".

Die Kunden stört das offenbar nicht. Auch der Preis von 40 Euro pro Fass scheint sie nicht zu schrecken: Im Juli 2012 ging Braufässchen online, bis Jahresende hatten Westermeier und seine Mitstreiter schon 3000 Fässer verkauft. Viele der Kunden seien Geschenkekäufer, sagen sie. Bis zu sieben Kumpels hätten sie in der Adventszeit als Helfer rekrutieren müssen.

In diesem Jahr wollen sie 15.000 Fässer verkaufen und eine halbe Million Euro Umsatz machen. "Wir liegen im Plan", sagt Dominik Guber. Er studiert Maschinenwesen und ist bei Braufässchen für die Zahlen zuständig. Den Großteil der 60.000 Euro Startkapital haben die Gründer über Investoren eingetrieben, das Gründungszentrum ihrer Uni half ihnen dabei. "Wir hatten ja kein Geld, und ohne Sicherheiten gibt's in Deutschland nirgends Kredit", sagt Guber.

Mit dem Geld mieteten sie das Dachgeschoss in Giggenhausen. "Wir dachten, da kommt zweimal im Jahr eine Palette leere Fässer und die tragen wir halt hoch", sagt Guber. Inzwischen werden jeden Monat mehr als tausend leere Fässer geliefert - die alle ins Büro geschleppt werden müssen.

Trainee-Programm bei Heineken

Brautechnologe Osnabrügge ist nach der WG-Phase ausgestiegen. "Als der Brauprozess funktioniert hat, gab es eher betriebswirtschaftliche Probleme zu lösen", sagt er. Heute macht er ein Trainee-Programm bei Heineken. Bei Braufässchen hat er noch seine Gründeranteile und berät die anderen. Etwa wenn es darum geht, woher sie welche Hefen oder wie sie neue Ideen in die Fässer bekommen.

Mit denen wollen sie 2014 die erste Umsatzmillion machen und in die Schweiz, nach Skandinavien und Großbritannien exportieren. Alle studieren noch, Gehälter zahlen sie sich bislang nicht aus. Auch wenn sie 40 bis 50 Stunden pro Woche für die Firma arbeiten und alle ihr Studium überziehen.

Nach dem Abschluss wollen sie sich nur noch um Braufässchen kümmern. Aber womöglich nicht mehr im Giggenhausener Dachgeschoss, sagt Dominik Guber. "Es wird Zeit, dass wir umziehen."

Hannes Külz lebt in Berlin und schreibt Porträts und Reportagen für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er ist Autor einer Manga-Biografie über den Industriellen Robert Bosch.

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