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Alte Handwerksberufe: Als Männer noch Fußbälle nähten

Foto: bpk / Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer / Willy Römer

Alte Handwerksberufe Die Fußballnäher aus Berlin

Wo heute Handys verkauft und Werbeslogans kreiert werden, nähten Arbeiter früher Fußbälle, bauten Drehorgeln, schnitzten Holzpantinen. Ein Bildband zeigt wunderbare Fotos einer fast vergessenen Berufswelt.

Vor 85 Jahren war das Bild eine Momentaufnahme aus einer Werkstatt, heute ist es ein Rätsel. Ein älterer Mann ist darauf zu sehen, er trägt eine runde Brille und eine Schürze, verschlissene Ärmelschoner schützen seine Anzugjacke. Mit einer Zange werkelt er an einer dicken Rolle, in der kleine, spitze Nadeln stecken. Die Berliner Autorin Michaela Vieser hat das Foto im Archiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gefunden. Es zeigt einen Drehorgelbauer bei der Arbeit.

Mehr als zwölf Millionen Bilder verwahrt die Stiftung: Daguerreotypien, Papierabzüge, Negative, Drucke, Stiche und Lithografien. Das Bildarchiv ist eine der größten Fotosammlungen Europas - und weitgehend unbekannt. Zeit also, einen Teil der Bilder zu veröffentlichen. Und weil Michaela Vieser über längst vergessene Berufe das Buch "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreißern" geschrieben hatte, ging der Auftrag an sie.

Drei Monate lang stöberte die Autorin im Bildarchiv. Sie fand Fotos von Menschen, die Holzpantinen und Wanderstöcke schnitzen, Fußbälle nähen, Korken schneiden, Kerzen ziehen. Bilder aus einer Zeit, "in der selbst die Maschinen noch Handarbeit waren", wie Vieser sagt. 600 Fotos kamen in die engere Wahl. 150 schafften es in ihr neues Buch "Altes Handwerk. Vom Verschwinden der Arbeit".

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Foto: Irmela Schautz

"Ich habe Bilder ausgewählt, die Atmosphäre haben, auf denen man etwas vom Leben mitbekommt", sagt Vieser. Vor allem die kleinen Dinge faszinierten sie, der Staub auf den Schuhen der Arbeiter, die Katze auf dem Schemel in der Werkstatt: "Da spielt auch die Sehnsucht mit. Heute arbeitet jeder allein am PC, damals waren ganze Räume mit Arbeit gefüllt."

Leierkastenmänner an jeder Ecke

Ein großer Teil der Bilder stammt aus den zwanziger- und dreißiger Jahren. Damals galten Fotografen selbst als Handwerker, ihre Bilder waren urheberrechtlich nicht geschützt. 19 Fotografen konnte Vieser den Bildern zuordnen. "Die meisten waren Pressefotografen, es sind also auch Auftragsbilder dabei", erzählt sie. Zwei Namen tauchen im Buch besonders häufig auf: Willy Römer und Friedrich Seidenstücker. Beide dokumentierten die Arbeitswelt offenbar für verschiedene Illustrierte - und aus eigenem Antrieb.

Friedrich Seidenstücker wurde 1882 geboren, er studierte erst Maschinenbau, dann Bildhauerei, nebenher beschäftigte er sich mit Fotografie. "Er knipste viel und oft einfach nur, weil ihm das Motiv besonders gut gefiel", sagt Vieser.

Willy Römer wuchs Ende des 19. Jahrhunderts in einem Schneiderhaushalt in der Berliner Torstraße auf, 1903 heuerte er bei der ersten deutschen Pressefotografie-Agentur an. "Man sieht seinen Bildern ein besonderes Verständnis für die Menschen an", sagt Vieser. "Er hat wohl gewusst, wie man sie richtig anspricht, um ein Bild zu machen."

Auch das Foto des Drehorgelbauers stammt von Willy Römer. Er nahm es 1929 auf, in der Fabrik der Brüder Bacigalupo an der Schönhauser Allee in Berlin. Die beiden waren aus Genua eingewandert. Als sie 1875 ihre Fabrik für mechanische Orgeln gründete, standen Leierkastenmänner an jeder Ecke der Stadt. Für Groschenbeträge spielten sie die jeweils neuesten Schlager.

Rund 7000 Orgeln, Orchestrien und elektrische Klaviere wurden in der Fabrik bis zu ihrer Schließung 1977 gebaut. Sie wurden bis nach Amerika exportiert, allein der russische Zar orderte rund tausend Musikinstrumente. An der Stelle der Fabrik findet man heute ein Handy-Geschäft.

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