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Privat bezahlte Bildung Gekauftes Studium, geschenkte Karriere?

Wer Geld hat, kann sich Bachelor- und Masterabschlüsse kaufen. Karriereberaterin und Kolumnistin Svenja Hofert über die Notwendigkeit eines dicken Kontos beim Einstieg, Umstieg und Aufstieg.
Alles so feudal hier: Private Hochschulen sind was für Leute mit Geld, klar (Symbolfoto)

Alles so feudal hier: Private Hochschulen sind was für Leute mit Geld, klar (Symbolfoto)

Foto: Corbis

Eigentlich wollte Lara immer Psychologie studieren. Nur: Mit diesem Abitur ging das nicht. Dabei sind Noten inzwischen keine Hürde mehr - wenn ausreichend Geld verfügbar ist. Die 28-jährige Vertriebsassistentin wird nun an einer privaten Fachhochschule einen Bachelor machen. Auch ein Fernstudium käme in Frage, ab rund 12.000 Euro für den Master. Papa zahlt.

Die private Ausbildung wird immer attraktiver: Laut Statistischem Landesamt NRW hat sich die Zahl der Studenten an privaten Hochschulen allein in Nordrhein-Westfalen von 2008 auf 2014 fast verdoppelt. Dabei bedienen immer mehr Angebote vor allem eins: eine steigende Nachfrage. Etwa die nach einem Einstieg ohne lästigen Numerus clausus. Denn die Zulassungsbeschränkungen der staatlichen Unis und Hochschulen werden härter und strenger - auch, weil es immer mehr Abiturienten und Studenten gibt.

Beim Numerus clausus setzt die Marketingstrategie der Fresenius-Hochschule an, die dazu Google-Anzeigen schaltet: "Psychologie NC-frei studieren". Das zulassungsfreie Vergnügen kostet dann 585 Euro pro Monat über sechs Bachelor-Semester. Das beliebte Fach Psychologie war bis vor wenigen Jahren nur Einserkandidaten zugänglich; jetzt reicht das Portemonnaie der Eltern oder das Ersparte auf dem Konto. Geld öffnet Türen, indem es Noten substituiert. Ähnliches kennt man auch in der Medizin: Mittelmäßige Abiturienten studieren in Ungarn auf Deutsch für rund 7000 Euro pro Semester.

Nachfrage steuert dabei das Angebot. Und nicht die Arbeitsmarkt- und Karrierechancen, die solche Studiengänge mit sich bringen.

So ist es auch in den unzähligen Studiengängen im Bereich Mode, Design, Event oder Tourismus. Hier geht es zwar nicht um den NC, dafür um die Hoffnung auf Karrieren auf sonst überschwemmten Arbeitsmärkten. Was allerdings in keiner Hochglanzbroschüre steht: Diese Hoffnung, so sagt die Praxiserfahrung aus der Karriereberatung, endet sehr oft in unterbezahlten Jobs und Scheinselbstständigkeiten.

Warum kaum einer durchfallen darf

Es gibt seitens der betuchten Studierenden einen weiteren Grund, auf "privat" und "selbst bezahlt" zu setzen. Die privaten Hochschulen brauchen möglichst viele Absolventen, sie optimieren ihre Angebote also so, dass möglichst wenig Kandidaten in Prüfungen durchfallen. "Kleine Klassen" nennt man die angenehme Studierbarkeit mit hohen Abschlussquoten im Werbedeutsch. "Hier schaffen es auch Leute, die sich schlecht selbst motivieren können", könnten böse Zungen lästern.

Kleine Gruppe - großer Mitlernzwang: Dieses Prinzip funktioniert bei den mittelklassigen Angeboten, aber auch bei Elite-Studiengängen, die vornehmlich im Bereich Wirtschaft und Jura etabliert sind. Auch hier ein ähnliches Bild beim Zugang: Die Abiturnote spielt bei der Aufnahme eine unter- und das Geld eine übergeordnete Rolle; ab 30.000 Euro gibt es den Bachelor an der Wirtschaftshochschule WHU, unter Umständen lässt sich bei herausragenden Leistungen auch ganz ohne oder nur zu einem Teil der Gebühr studieren.

Der Unterschied: Elitestudiengänge kosten deutlich mehr, auch wenn hier die Stipendiatenquote mit bis zu einem Drittel meist höher liegt, was ihnen einen sozialen Touch verleihen soll. Und sie bringen nicht nur einen Abschluss mit einem teils zweifelhaftem Wert, sondern öfter auch eine Karriere in namhaften Unternehmen. Auffällig viele ehemalige WHU-Absolventen arbeiten bei McKinsey, und viele Juristen der Bucerius Law School sind in großen Kanzleien unterkommen.

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Foto: Corbis

Durch mit immer mehr Masterstudiengängen zur Weiterbildung, die nur irgendeinen ersten und nicht einen speziellen Studienabschluss voraussetzen, verfestigt sich die Bildungsschieflage: Wer Geld hat, hat Möglichkeiten; wer keines hat, muss bei Bildungsbedarf auf die Bundesagentur für Arbeit hoffen. Die aber finanziert konsequent keine Studiengänge, sondern eher Excelkurse. Berufstätigen, die in schwierigen Berufsumfeldern agieren - sich etwa als Freelancer über Wasser halten müssen - fehlt indes das Geld, einen Weiterbildungs-Master aus eigener Finanzkraft zu stemmen.

Zwar ist inzwischen der Bildungskredit auch für das Zweitstudium zugelassen, jedoch nur bis zu einer Summe von 7200 Euro - fast alle Masterstudiengänge kosten deutlich mehr. Hinzu kommt, dass der Kredit nur bis zum 36. Lebensjahr genehmigt wird, was angesichts der Idee des lebenslangen Lernens eine seltsame Beschränkung ist. Denn machen wir uns nichts vor: Die Lebenszyklen des Wissens werden immer kürzer. Mit ihnen verändert sich auch der Anspruch an Aus- und Weiterbildung: In einigen Bereichen sind Generalüberholungen und Runderneuerungen alle zehn Jahre schon jetzt sinnvoll.

Wer soll all diese Bildung bezahlen?

Das war ja die Grundidee von Bologna: Mit dem Bachelor eine breite Basis bieten auf der man immer wieder einen zeitgemäßen Master aufsatteln kann. Nur, wer soll all diese Bildung bezahlen, wenn nicht die Familie oder ein Arbeitgeber? Und wenn die Familie auch hier wieder einspringt, verschärft das die Bildungsungerechtigkeit nur noch weiter. Lebenslang lernen kann dann vor allem der, der dies von Haus aus gewohnt ist und immer genug Geld hatte. Ob das Lernen in einer immer stärker akademisierten Bildungslandschaft dabei überhaupt Sinn macht, oder letztendlich nur Instituten die Kasse füllt, ist eine weitere Frage.

Kürzlich traf ich eine Lehrbeauftragte, die einen Kurs privat zahlender Studenten in Design unterrichtet, darunter Studenten in Erstausbildung und solche, die umsatteln wollen. Sie erzählte mir von einer reichlich verwöhnten Klasse, in der einige schon von einer Stunde ohne Pause überfordert sind. Ich fragte die Dozentin: "Warum lernen die das alles im Unterricht? Praxis wäre doch tausendmal besser." Sie nickte: "Klar, die hätten mit einer dualen Ausbildung auch viel bessere Berufschancen. Aber das ist nun mal das Geschäftsmodell meines Arbeitgebers."

Zur Autorin

Svenja Hofert ist Karriere- und Managementcoach  und hat mehr als 35 Bücher geschrieben, unter anderem "Agiler Führen" und "Karriere mit System".

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