Biologe in echt Von Beruf Vogelscheuche

Möglichst unattraktiv soll Jürgen Ebert den Frankfurter Flughafen machen - allerdings nicht für Fluggäste, sondern für Tiere. Der Biologe arbeitet als Vogelverscheucher beim Airport.

Jürgen Ebert, Biologe am Frankfurter Flughafen
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Jürgen Ebert, Biologe am Frankfurter Flughafen


Plötzlich muss es schnell gehen. Jürgen Ebert gibt Gas, lenkt sein Allradauto über einen Feldweg entlang einer Start- und Landebahn. Aus seiner Schreckschusspistole kommt ein lauter Knall, ein Schwarm Stare sucht das Weite. Kurz darauf dröhnt ein Jet vorbei, wuchtet sich in die Höhe. Aufgabe erfüllt.

Jürgen Ebert ist Biologe und Leiter des Wildlife Control Teams am Frankfurter Flughafen. Seine Aufgabe: Vogelscheuche spielen, Vögel vertreiben, die Flugzeugen gefährlich werden können. Vergrämen heißt das im Fachjargon.

"Wir sorgen für ein reibungsloses Miteinander von Natur und Flughafenbetrieb", so beschreibt Ebert den Job seines vierköpfigen Teams. Es ist während des Flugbetriebs am größten deutschen Airport täglich von 5 bis 23 Uhr in Rufbereitschaft und kümmert sich um rund 620 Hektar Wald sowie 50 Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche im Umfeld.

Das Grundprinzip: Die Vergrämer versuchen es den Vögeln möglichst ungemütlich zu machen, indem sie die Tiere nicht in Ruhe lassen. Und Freiflächen so gestalten, dass sich dort nicht allzu viele Beutetiere tummeln. Das Ziel: sogenannte Vogelschläge verhindern, also Kollisionen von Flugzeugen mit Vögeln.

Meistens gingen solche Vogelschläge glimpflich aus, sagt Ebert. In 90 Prozent der Fälle entstehe gar kein Schaden, in ganz wenigen Fällen könne es aber gefährlich werden. 2009 musste zum Beispiel ein Flugzeug auf dem Hudson River in New York notlanden, weil Kanadagänse in die Triebwerke geraten waren.

"Der Start ist kritischer als die Landung, weil die Systeme da auf Volllast laufen", erklärt Ebert. Ab der Größe eines Turmfalken, der bis zu 1400 Gramm wiegen könne, werde es kritisch. Aber auch kleinere Vögel könnten in Schwärmen Probleme bereiten.

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Biologe am Flughafen: Guten Tag, ich bin Vergrämer

Der Lärm der Flugzeuge hält Vögel jedenfalls nicht davon ab, sich in der Nähe des Flughafens zu tummeln. In Frankfurt fliegt allerlei umher: Bussarde, Milane, Turmfalken, Sing- und Wasservögel. Es gebe auch immer mehr Nil-, Grau- und Kanadagänse, sagt Ebert. "Das sind unsere Sorgenkinder."

Weil große Flächen auf dem Areal quasi nie betreten werden, finden sich ausgerechnet rund um den Flughafen Arten, die im dicht besiedelten Umland kaum noch vorkommen. Beispiel Feldlerche: Sie gilt als gefährdet und lärmempfindlich, fühlt sich am Airport aber sehr wohl. "Hier gibt es keine Menschen und Hunde, das ist für Bodenbrüter wichtig", erklärt Ebert. Rund 300 Brutpaare seien am Flughafen. Die Tiere tolerierten den Krach offenbar angesichts der anderen Vorteile.

Wenn in Frankfurt am Main ein Pilot einen Verdacht auf Vogelschlag hat, muss die Bahn kontrolliert werden. "Da der Betrieb eng getaktet ist, bringt das einiges durcheinander", sagt Ebert. Also wird vorgebeugt - im Rahmen des Möglichen. "Tiere wollen fressen, schlafen und sich vermehren", sagt der Biologe. "Das versuchen wir hier am Flughafen zu verhindern. Das Gelände soll für sie unattraktiv werden." Auf Schildern etwa sind Spitzen - Spikes - angebracht, damit sich Vögel nicht draufsetzen.

Spikes zur Vogelabwehr auf einem Schild
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Spikes zur Vogelabwehr auf einem Schild

Auf Grünflächen achten die Biologen darauf, dass keine Pflanzen wachsen, die auf Vogel-Speiseplänen stehen - etwa bestimmte Beeren. Gepflanzt wird ein bestimmter Grasmix. Gemäht wird - außer an Bahnrändern - nicht kürzer als 25 Zentimeter. Greifvögel könnten Beute wie Mäuse dann nicht mehr entdecken, und größere Vögelschwärme fühlten sich in hohem Gras nicht wohl, sagt Ebert.

Wagen sich trotzdem mal Vögel in die Nähe der Landebahnen, vertreiben Ebert und sein Wildlife Control Team die Tiere unter anderem mit einem Laser. Außerdem tönen aus mobilen Lautsprechern Vogelschreie, die andere Vögel verscheuchen sollen. Die Vergrämer setzen Signalpistolen und Schreckschusswaffen ein - und im Notfall auch scharfe Waffen. "Damit muss man am Flughafen aber sehr vorsichtig sein", sagt Ebert.

Er selbst kam über einen Studentenjob bei der Gartenabteilung vor Jahren an den Flughafen. Ihm ist bewusst, dass er unter den vielen Flughafenangestellten eher ein Exot ist. "Wir sind umgeben von Ingenieuren." Da müsse er manchmal Überzeugungsarbeit leisten. Denn: "Die Natur ist nicht immer steuer- und kontrollierbar."

Christian Schultz/dpa



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Seite 1
Sibylle1969 20.09.2016
1. Neulich am Frankfurter Flughafen
Beim Rollen zur Startbahn fiel mir die Riesenanzahl von Kaninchen auf, die die Grasflächen neben den Bahnen bevölkern. Könnte Greifvögel anziehen...
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