Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

08. April 2013, 00:00 Uhr

Aktmodell als Brotjob

"Ich kleide mich privat eher züchtig"

Von

Tanja Wilking hat Jura studiert, verdient ihr Geld aber als Aktmodell. Sie posiert für Studenten, Töpfergruppen und Künstler. "Ein Traumjob", sagt sie: Heute wird sie öfter gebucht als mit Mitte 20.

Sie isst zur Stärkung noch eine Portion Couscous aus der Mensa, dann lässt sie ihren Rock fallen, streift ihren BH ab und schlüpft aus ihrem Höschen. Satt und nackt tritt Tanja Wilking nun in einen Seminarraum der Akademie der Bildenden Künste in München, steigt auf ein rotes Podest und bleibt dort fast drei Stunden lang starr und stumm stehen. Nur ab und zu macht sie kurze Entlastungs- und Bewegungspausen, damit ihr Arme, Beine und Hintern nicht einschlafen.

Tanja Wilking arbeitet als Aktmodell und posiert an diesem Tag für sieben Kunststudenten, die ein Ton-Modell von ihr anfertigen sollen. Wenn sie nicht gerade an der Uni ist, zieht sich die 42-Jährige unter anderem in der Volkshochschule, in Töpfergruppen oder für Künstler aus, die ihre Vulva malen wollen. Als Jugendliche sei sie "sehr schüchtern" gewesen, sagt Wilking. Heute zeigt sie sich jedem nackt, der vertrauenswürdig erscheint und etwa 20 Euro die Stunde zahlt.

Ein paar Fragen drängen sich auf: Was ist passiert mit Ihnen, Frau Wilking? Warum tun Sie das? Wegen des Geldes? Sie sitzt in einer Pause auf einem alten Stuhl voller Farbkleckse und sagt lachend: "Reich kann ich mit dem Stundenlohn nicht werden. Aber es macht mir ungeheure Freude. Ich habe meinen Traumjob gefunden."

Tanja Wilkings Karriere als Aktmodell begann vor 20 Jahren. Sie studierte damals noch Jura in Passau und hatte eigentlich den Plan, Journalistin zu werden. Nebenbei jobbte sie als Regieassistentin und Schauspielerin an einem Theater. Irgendwann kam der dortige Chef mit einer Anfrage, die eingegangen war: Ob sich eine der Darstellerinnen vorstellen könnte, für eine Malgruppe Akt zu stehen? Gegen Bezahlung natürlich. Wilking überlegte ein bisschen, dann nahm sie den Auftrag an, was in erster Linie daran lag, dass das Honorar deutlich höher war als der Verdienst all ihrer bisherigen Nebenjobs. "Außerdem ging es ja um Kunst", sagt Wilking.

"Es kam mir irgendwann vor wie Meditation"

Am 23. Juni 1993 zog sie sich das erste Mal vor mehr als einem Menschen aus. Sie war "sehr aufgeregt" und fragte sich, was die Nachwuchskünstler, die sie genau fixierten, wohl über sie denken könnten. Über ihren Busen. Ihren Hintern. Doch irgendwie genoss sie auch die "kreative Atmosphäre" im Raum und empfand "einen Kitzel" - allerdings keinen erotischen. "Das Stillstehen und der Versuch, die Gegenwart der Maler auszublenden, waren eine Herausforderung. Das alles kam mir irgendwann vor wie Meditation, das habe ich genossen, und deswegen nahm ich immer mehr Aufträge an", sagt sie.

Tanja Wilking machte noch ihr erstes juristisches Staatsexamen, dann entschied sie sich, ganz und gar als Aktmodell zu arbeiten. Sie hat ihren Entschluss bisher nie bereut und geriet durch ihre Nacktheit kein einziges Mal in eine riskante Lage. Zu schaffen macht ihr bloß immer wieder der Schmerz, der unweigerlich kommt, wenn man sich lange nicht bewegen darf. "Mein Ziel ist es, den irgendwann ganz ausschalten zu können", sagt die Münchnerin, die beim Aktstehen "die allertiefsten Gedanken" hat. Das hilft ihr beim Fernstudium in Philosophie, das sie vor einigen Monaten aufnahm. "Aus purem Interesse", sagt sie, "nicht, weil ich umsatteln will."

Dick oder dünn - egal

Wilking wird ständig gefragt, wie lange sie den Job als Aktmodell denn eigentlich noch machen will - und kann. Sie empfindet das ein wenig als Vorwurf und antwortet: "Ich mache das so lange, wie ich Spaß daran habe. Und das Alter spielt dabei keine Rolle. Ich werde heute sogar viel öfter gebucht als damals, als ich Mitte 20 war." Es sei egal, ob man dick oder dünn, alt oder jung sei: "Man muss aber eine gewisse Präsenz haben", sagt sie.

Was Tanja Wiking besonders ärgert, sind aber nicht die Anspielungen auf ihr Alter: Es sei der Umstand, dass Aktstehen noch immer ein "Schmuddelimage" habe. Einige Menschen unterstellten ihr unweigerlich, tabulos zu sein. Dabei, sagt sie, sei sie privat eher züchtig. Es gefalle ihr zum Beispiel gar nicht, wenn ihr in einer Kneipe auf den Busen geglotzt werde. Darum trage sie auch niemals tiefe Ausschnitte.

Anmerkung der Redaktion: In einer älteren Version dieses Textes hieß es, Frau Wilking würde Modell stehen für Künstler, die ihre Vagina malen wollen. Tatsächlich ist aber der Begriff Vulva korrekt. Der Text wurde entsprechend geändert, wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

URL:

Verwandte Artikel:


© UniSPIEGEL 2/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung