Der SPIEGEL

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01. August 2013, 07:32 Uhr

Einsamer Inseljob

Allein unter Vögeln

Von Katrin Schmiedekampf

Eine Insel in der Nordsee, eine Holzhütte auf Stelzen, kein Mensch weit und breit: Julia Baer wacht auf Trischen über Regenpfeifer, Rotschenkel und Robben. Die Naturschutzwartin hat einen der einsamsten Jobs der Welt. "Es fehlt mir nichts", sagt sie.

Als das rotweiße Boot näher kommt, steht Julia Baer schon am Strand und winkt. Sie freut sich auf Post, Lebensmittel, Trinkwasser und Brennholz. Und auf ein bisschen Gesellschaft, denn sie hat seit Tagen keinen einzigen Menschen gesehen.

Julia Baer arbeitet im Auftrag des Nabu als Naturschutzwartin auf Trischen, einer Nordseeinsel, die ungefähr so groß ist wie Helgoland. Trischen gehört heute zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, wurde Anfang des letzten Jahrhunderts zu einem Schutzgebiet erklärt und darf seitdem nur mit einer Ausnahmegenehmigung betreten werden. Die Seevögel, die hier leben, sollen ihre Ruhe haben.

Der Einzige, der außer Julia Baer den feinen Sandstrand der Insel regelmäßig betreten darf, ist der pensionierte Fischer Axel Rohwedder. Einmal in der Woche legt er mit seinem Versorgungsboot "Luise" an. Er hat Lachsbrötchen und Rühreier mitgebracht.

Nachdem sie mit Rohwedder auf dem Boot gefrühstückt hat, lädt Julia Baer die Vorräte auf eine Karre und zieht sie die zwei Kilometer zu ihrer Holzhütte im Südteil der Insel. Zum Schutz vor Hochwasser steht das Häuschen auf Stelzen. "An stürmischen Tagen schwankt es hier oben wie auf einem Schiff", erzählt die 35-Jährige und öffnet die Holztür.

Beim Wandern findet sie heraus, wie stark die Insel wandert

In dem 15 Quadratmeter großen Raum befinden sich ein Hochbett, ein Schreibtisch, eine Kochecke und ein Ofen. Fließendes Wasser gibt es nicht. Julia Baer wäscht sich mit Trinkwasser, für die Hände nutzt sie Regenwasser, das sie sammelt. Als Toilette dient ein Eimer in einem Bretterverschlag, und ihren Strom produziert sie mit Solarzellen.

Die Naturschutzwartin kann sich ihren Tag frei einteilen. Ihre wichtigste Aufgabe: die Vögel beobachten und zählen. Über das Jahr verteilt nisten etwa 5000 Vogelpaare auf der Insel, unter anderem Rotschenkel, Austernfischer, Silbermöwen, Stockenten, Wanderfalken und Regenpfeifer.

Wenn sie gerade nicht mit ihren gefiederten Freunden beschäftigt ist, ermittelt Baer Wetterdaten, nimmt Sedimentproben im Watt und notiert, welche Blumen auf Trischen blühen. Außerdem schreibt sie einen Insel-Blog, beobachtet den Schiffsverkehr und läuft ab und zu das Ufer mit einem GPS-Gerät ab, um herauszufinden, wie stark die Insel wandert. In ihrer "Freizeit" lädt sie Fotos auf ihren Laptop oder legt sich in ihre Hängematte und liest ein Buch, derzeit eines über irische Leuchtturmwärter.

Julia Baer hat Landschafts- und Meeresökologie studiert. Ihre Liebe zu Seevögeln führte sie um die ganze Welt, unter anderem nach Neuseeland und Irland. Trischen ist die 13. Insel, auf der sie lebt. Sie mag die Abgeschiedenheit, das Fehlen von Großstadtlärm und Stress. "Du verlierst hier keine Kraft", sagt sie, "du lebst einfach."

"Anfangs hatte ich schon ein bisschen Angst"

Während der sieben Monate ihrer Tätigkeit soll sie Trischen nur im Ausnahmefall verlassen. Wenn sie dringend zum Arzt muss beispielsweise. Doch obwohl sie die meiste Zeit allein ist - einsam fühlt Julia Baer sich nie.

"Über Telefon und E-Mail habe ich ja ständig Kontakt zu anderen Menschen, es fehlt mir nichts", sagt sie. "Aber klar, anfangs habe ich schon ein bisschen Angst gehabt." Da kannte sie die Geräusche der Insel noch nicht, das Quietschen der Hütte etwa oder den Wind, der durch alle Löcher pfeift.

Sie glaubt nicht, dass ihr etwas passieren kann auf Trischen. Aber im Notfall wäre der Rettungshubschrauber aus Büsum in fünf Minuten da. "Außerdem habe ich ja eine Axt", sagt sie lachend. Dann steigt sie die Holztreppe ihres Häuschens hinunter. Sie will im struppigen Gras nach Nestern suchen.

Die Luft schmeckt nach Salz und Meer, der Wind weht. Während Baer sich Notizen macht, kreisen Möwen über ihrem Kopf und kreischen aufgeregt durcheinander. Die Naturschutzwartin lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Was sie nach ihrer Zeit auf der Insel Trischen machen wird, weiß sie noch nicht. Doch sie ist sich ganz sicher: "Es wird nicht die letzte Insel sein, auf der ich gelebt habe."

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