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01. September 2013, 08:23 Uhr

Blinde Rechtsanwältin

Sie hört's, wenn einer lügt

Zum Gericht fahren, Prozessakten suchen, Briefe beantworten - nichts davon geht Pamela Pabst leicht von der Hand. Die Strafrechtlerin ist blind. Ihre Mandanten merken davon wenig. Und als Anwältin hört sie besonders genau hin.

Die Briefwaage der jungen Anwältin kann sprechen. Sie sagt sogar "Auf Wiedersehen", wenn Pamela Pabst, 34, sie ausschaltet. Die Fachanwältin für Strafrecht ist von Geburt an blind, genauer: Sie hat ein äußerst geringes Sehvermögen.

Ihr erscheine alles wie hinter Milchglas, sagt sie. Hell und dunkel, Umrisse und Farben könne sie erkennen. Bei Gerichtsverhandlungen spüre sie am Klang der Stimme, ob jemand die Wahrheit sagt: "Vielleicht ist mir schon mal ein Lügner durchgerutscht, aber oft habe ich mich nicht getäuscht."

Das Abitur hat Pabst gemeinsam mit sehenden Schülern abgelegt. Das Jurastudium mit beiden Staatsexamen schaffte sie mit sprechendem Computer, mit Vorlesern und starkem Willen. Ihre Wohnung teilt sie sich mit ihrem Freund, auch er ist Anwalt. "Ich muss mir mehr merken als andere und viel Zeit für die Arbeit aufwenden, aber blinde Menschen sind keine Wunderwerke mit übersinnlichen Kräften", so Pabst.

Deutschlandweit gebe es etwa 270 blinde Juristen, sagt die Anwältin. Sie selbst wäre gern Strafrichterin geworden, was aber laut Bundesgerichtshof Sehenden vorbehalten ist. Den Schritt in die Selbständigkeit wagte Pabst vor sechs Jahren. Damals war sie arbeitslos und fürchtete vor allem eines: Schulden.

Die Angst war unbegründet. Heute habe sie so viele Mandanten, dass sie schon an ihrer "persönlichen Kapazitätsgrenze" sei. "Ich hab mir einen guten Ruf erarbeitet", sagt sie.

Fahrstunde mit 130 Sachen

Vorurteile spüre sie nicht. Im Gegenteil: "Als Blinde kommuniziere ich mehr als andere. Will ich mit dem Bus fahren, frage ich: Guten Tag, welche Linie sind Sie denn? Ich komme ins Gespräch. Als Sehender fällt das weg, da geht man öfter achtlos aneinander vorbei."

Ganz ohne Helfer geht es allerdings nicht. Prozessakten bekommt Pabst von ihrer Assistentin vorgelesen; die ist auch im Gericht ihr sehendes Auge. "Ich verlass mich zu 100 Prozent auf sie." Im Büro helfen ihr außerdem die Eltern. "Wir haben uns von der ersten Minute an richtig reingekniet und unterstützen Pamela", sagt ihr Vater.

Neben der sprechenden Briefwaage hat Pabst auch einen Computer, der eingescannte Texte und Bücher vorlesen oder in Blindenschrift auf eine Extraleiste übersetzen kann. Für Assistenz und technische Ausstattung bekommt die Anwältin Zuschüsse.

Ab und an leistet sie sich auch eine Fahrstunde auf einem früheren Militärgelände: "Schnelles Autofahren finde ich toll." Der Fahrlehrer lese ihr dann die Geschwindigkeit vor - "schneller als 130 durfte ich noch nie".

Jutta Schütz/dpa/vet

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