Böckler-Studie Reden Angestellte im Aufsichtsrat mit, tut das Unternehmen gut

Wie wirkt es sich auf den Firmenerfolg aus, wenn Arbeitnehmer mit im Aufsichtsrat sitzen? Das haben Forscher im Auftrag der Böckler-Stiftung untersucht und deutliche Unterschiede festgestellt - wenn es um Krisenbewältigung geht.

Produktionshalle eines Unternehmens in Bautzen
Rainer Weisflog/ imago images

Produktionshalle eines Unternehmens in Bautzen


Unternehmen, bei denen Mitarbeiter im Aufsichtsrat mitbestimmen, haben sich während der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 sowie in den Jahren danach wirtschaftlich deutlich besser entwickelt als Firmen, in denen es diese Mitbestimmung nicht gibt. Das legt eine Studie im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nahe.

Die Wirtschaftswissenschaftler Marc Steffen Rapp von der Universität Marburg und Michael Wolff von der Universität Göttingen hatten untersucht, wie sich 560 börsennotierte europäische Unternehmen im vergangenen Jahrzehnt entwickelten - darunter auch 280 deutsche Firmen.

Welche Menschen dort in den Aufsichtsräten sitzen, ist in Deutschland so geregelt:

  • In Firmen mit mehr als 2000 Beschäftigten stellen Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils die Hälfte der Aufsichtsratsmitglieder - das Gremium ist also paritätisch besetzt.
  • In Firmen mit mehr als 500 Beschäftigten besetzen die Vertreter der Beschäftigten jeden dritten Sitz im Aufsichtsrat.
  • Kleinere Firmen müssen keine Arbeitnehmerbeteiligung im Aufsichtsrat einrichten.

In vielen anderen Ländern gibt es diese Vorgaben nicht. Viele Unternehmen haben also Aufsichtsräte, in denen Arbeitnehmer gar nicht vertreten sind und kein Mitspracherecht haben. Diese europäischen Unternehmen verglichen die Forscher nun mit deutschen Firmen - und wählten dabei solche, die ähnlich groß und in derselben Branche aktiv sind. So betrachteten sie zum Beispiel Siemens und die Schweizer ABB oder Continental und Michelin.

Die Ergebnisse:

  • Bei Unternehmen ohne Mitbestimmung sank die Umsatzrendite auf dem Höhepunkt der Wirtschafts- und Finanzkrise um 3,1 Prozent - in Firmen, in denen der Aufsichtsrat paritätisch besetzt war, stieg sie um 2,7 Prozent. In den Jahren nach der Krise ging die Rendite in Firmen ohne Arbeitnehmervertreter zunächst weiter zurück. In paritätisch mitbestimmten Firmen legte sie dagegen um weitere 1,4 Prozent zu.
  • Firmen mit Arbeitnehmervertretern in den Aufsichtsräten verzichteten meist auf größere Entlassungen, während Unternehmen ohne Arbeitnehmerbeteiligung kräftig Stellen strichen. Die Mitarbeiterzahl ging in paritätisch mitbestimmten Unternehmen in den Krisenjahren um 2,4 Prozent zurück - und legte dann im Anschluss an die Krise bis 2011 wieder um 4,5 Prozent zu. In Firmen ohne Mitbestimmung wurde die Belegschaft dagegen in der Krise um 7 Prozent reduziert und lag anschließend 1,9 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.
  • Statt Menschen zu entlassen, hätten Unternehmen mit Mitbestimmung öfter deren Gehälter reduziert. Die Forscher beobachten, dass die durchschnittliche Vergütung in mitbestimmten Unternehmen vor der Krise spürbar höher war als in Firmen ohne Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Während der Krise schrumpfte dieser Vorsprung, danach stieg er wieder auf das vorherige Maß.

Anders als Unternehmen, die zahlreiche Mitarbeiter vor die Tür gesetzt hatten, konnten mitbestimmte Unternehmen mit stabilen Mitarbeiterzahlen nach der Krise dann schnell wieder ihre Produktion ausweiten, heißt es in der Studie.

  • Mitbestimmte Unternehmen fuhren auch ihre Investitionen in neue Anlagen, Forschung und Entwicklung im Vergleich weniger deutlich zurück und stockten sie nach der Krise stärker wieder auf. Zugleich hatten mitbestimmte Firmen im Schnitt insgesamt weniger Schulden, weil sie schon vor der Krise beispielsweise weniger Geld für Aktienrückkäufe ausgaben und sich bei Zukäufen stärker zurückhielten.

Das Resümee der Forscher: Die Beteiligung von Arbeitnehmern im Aufsichtsrat könne sich sehr positiv auswirken. "Die unternehmerische Mitbestimmung kann die Möglichkeit bieten, Risiken in Hinblick auf die Unternehmenssituation als auch auf die individuelle Situation von Arbeitnehmern besser abzufangen und damit auch die Volkswirtschaft als Ganzes zu schützen", schreiben sie in ihrer Studie. Die Partizipation von Mitarbeitern im Aufsichtsrat solle deshalb nicht als Hindernis, sondern als Chance verstanden werden.

lov



insgesamt 5 Beiträge
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fredthefreezer 07.06.2019
1. Was ist denn das für eine Überschrift?
Liest denn hier keiner gegen? Das muss doch im Kopf wehtun so ein verstümmelter Satz! "Reden Angestellte im Aufsichtsrat mit, tut das Unternehmen gut" Da gehört ein "den" , oder "diesen" oder "vielen" oder "einigen" zwischen "tut das" und "Unternehmen gut" Was ist das für 1 Deutsch würde man sich in anderen Kreisen vermutlich fragen...
carryflag 07.06.2019
2. Was ein Unsinn...
Das hat sicherlich in der Krise 2008 geholfen bzw. sind die deutschen Arbeitsgesetze so extrem, dass man Kündigungen nur als letzte Option zieht...das hat sich dann natürlich in diesem einem Fall als "Glücksfall" rausgestellt - denn die Unternehmen konnten dann schnell wieder in den Normalbetrieb übergehen. Dazu kommt noch das die Unternehmen in DE durch die EZB Zinspolitik überproportional profitiert haben - und die Unternehmen auch die richtigen Produkte für die weltweit wieder steigende Nachfrage im Angebot hatten. Sorry, also auch 2008 so eine Schlussfolgerung zu ziehen ist einfach unseriös und hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Ich bin mir zu 100% sicher, dass Herr Hück als Porsche Betriebsrat 0% zum Erfolg des Unternehmens beigetragen hat. Das ist ein Selbstdarsteller den Herr Wiedeking geschickt für seine Interessen positioniert hat und ihm mit einem fürstlichen Gehalt "gefügig" gemacht hat. Das BR darf man das Gehalt beziehen, was man auch in einer normalen Karriere erreicht hätte - und der Typ war Lackierer...! Interessant ist immer das AN-Vertreter komplett unabhängig von ihrer Qualifikation gewählt werden (wie gesagt - Lackierer). Wenn das alles so perfekt funktioniert, warum gibt es dann überhaupt noch Universitäten. Wir wählen die Unternehmensführung und Aufsichtsräte durch die Belegschaft. Laut der Studie wird das ja super funktionieren.
slowboarder 08.06.2019
3. das wundert mich jetzt nicht
schließlich haben Arbeitnehmer ein wesentlich stärkeres Interesse am Wohlergehen und Überleben ihrer Firma, als Aktionäre, die bei geschicktem Verhalten durchaus auch am Untergang einer Firma profitieren können.
aktiverbeobachter 08.06.2019
4. Überraschung
Was eine Überraschung dass bei einer Hans-Böckler-Stiftung Untersuchung so ein Ergebnis heraus kommt. Wer nimmt diese pseudo Untersuchungen überhaupt noch Ernst? Ideologisch geprägte Verbreitung von These , die unter dem Deckmantel einer Stiftung einen seriösen Anstrich bekommen sollen.
charly05061945 08.06.2019
5. Objektiv?
Was soll bei einer Studie der, vorsichtig ausgedrückt, "gewerkschaftsnahen" Hans-Böckler-Stiftung wohl sonst als Ergebnis herauskommen?
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