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Deutscher Hotelbesitzer in Bolivien "Die Baupläne zeichne ich erst, wenn alles fertig ist"

Hoch über dem Titicacasee hat Martin Strätker sein Traumreich gebaut, ein Hotel wie aus einem Märchen. Hier erzählt der Tischler und Bildhauer aus Bochum, was er in 26 Jahren Bolivien gelernt hat und wofür eine Heizung gut ist.
"Las Olas", die Wellen, hat Martin Strätker sein zweites Bauprojekt in Bolivien genannt

"Las Olas", die Wellen, hat Martin Strätker sein zweites Bauprojekt in Bolivien genannt

Foto: Vassil Anastasov

"Meine neuen Nachbarn hielten mich für verrückt. Hier oben kommen doch keine Touristen hin, meinten sie. Wir wohnen oberhalb des Titicacasees in einem Städtchen mit dem schönen Namen Copacabana. Anders als in Rio de Janeiro wird es hier aber selten wärmer als 20 Grad Celsius - wir leben schließlich auch auf einer Höhe von mehr als 3800 Metern.

Meine Bungalows erkennt man schon von Weitem, mit ihren Türmen und schneckenförmigen Dächern sehen sie schon fast aus wie Skulpturen. Das Design habe ich selbst entworfen. Ich bin gelernter Tischler und Bildhauer und liebe die Freiheiten, die ich hier habe. Alles ist möglich. Erst bauen, dann genehmigen lassen, ist eine völlig akzeptierte Vorgehensweise. Die Baupläne zeichne ich erst, wenn alles fertig ist, und lasse sie mir dann legalisieren. Und meine Handwerker sagen nie Nein zu einer Idee, sondern probieren zusammen mit mir einfach aus.

Natürlich klappt nicht alles auf Anhieb, aber in den 26 Jahren, die ich nun schon hier lebe, habe ich gelernt, dass die besten Ideen ohnehin aus der Not heraus entstehen. Für mein erstes Haus hatte ich ein Dach aus Stroh geplant, aber dann stellte sich heraus: Das Dach war zu spitz dafür, das Stroh wäre weggeflogen. Letztlich wurden es dann Kuppeln mit Wirbeln, die mir noch viel besser gefielen.

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"Ich liebe die Freiheiten, die ich hier habe"

Foto: Martin Strätker

In das Dorf Copacabana hatte ich mich als Backpacker auf einer Reise verliebt. Es gab damals Ende der Neunzigerjahre nur wenige, sehr einfache Häuser hier, aber die Menschen waren sehr, sehr nett und die Landschaft beeindruckend - ich fühlte mich sofort zu Hause. Hier nach einem Grundstück zu suchen, war eine reine Bauchentscheidung. Und gleich die erste Person, die ich fragte, hatte eines im Angebot - auf einem Hügel mit wunderschönem Blick auf den See. Rückblickend wäre es schlauer gewesen, sich erst mal beim Notar oder beim Bürgermeister nach Baugrundstücken zu erkundigen und gleich ein großes Stück Land zu kaufen, statt später um zusätzliche Quadratmeter feilschen zu müssen. Aber damals dachte ich nicht so weit.

Mein Plan war, ein Kulturzentrum mit Übernachtungsmöglichkeiten für Backpacker zu schaffen. Rund 50.000 Euro steckte ich in das Projekt, das waren damals meine gesamten Ersparnisse. "Wo nimmst du nur den Mut her?", fragten mich Freunde aus Deutschland, aber für mich hätte es mehr Mut erfordert, in Deutschland zu bleiben. Ich wollte immer weg. Je ungewöhnlicher, desto besser.

Gleich nach dem Abitur arbeitete ich zwei Jahre lang in einem Heim mit Jugendlichen in Schottland. Und nach dem Kunststudium in Deutschland bewarb ich mich an einer Waldorfschule in Santiago de Chile als Lehrer für Kunst und Deutsch. Der Start war holprig: Mein Deutschunterricht war eine Katastrophe, und mit dem starken Dialekt der Chilenen kam ich anfangs nur schlecht klar. Das Spanisch der Bolivianer empfand ich dagegen als richtig erholsam. Ich musste mir nur die in Chile gelernten Schimpfwörter wieder abtrainieren, die kommen in Bolivien nämlich gar nicht gut an.

Vor lauter Sorge fielen mir die Haare aus

In Copacabana wurde ich sehr nett aufgenommen und innerhalb kürzester Zeit Taufpate von einem Dutzend Kinder. Aber der Bau des Hauses zog sich hin. Eineinhalb Jahre dauerte es bis zur Eröffnung. Mein ganzes Geld war weg, und 5000 Dollar schuldete ich Freunden und Verwandten. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde mir das Risiko bewusst, das ich eingegangen war. Mir fielen sogar die Haare aus vor lauter Sorge, dass die Nachbarn recht haben könnten und wirklich keine Touristen den Weg herfinden würden.

Nach nur zwei Wochen entließ ich zwei Angestellte - ich hatte Angst, dass ich ihnen am Ende des Monats den Lohn nicht zahlen könnte. Zum Glück war ein Freund aus Deutschland damals vor Ort. "Ich geh jetzt runter ins Dorf und suche dir Gäste", sagte er - und tatsächlich kam er mit einigen Touristen zurück. Von dem Moment an lief es super.

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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Bolivien erlebte Mitte der Neunzigerjahre einen richtigen Reiseboom, und per Mund-zu-Mund-Propaganda kamen immer mehr Backpacker aus Europa, Australien und Nordamerika zu mir. An den meisten Abenden war sogar die Couch im Wohnzimmer belegt. Nach nur einem Monat hatte ich schon 300 Dollar Gewinn erwirtschaftet und meine Angestellten wiedereingestellt. Und ein Jahr später hatte ich das geliehene Geld zurückgezahlt.

Alle wollten Zimmer, aber kaum jemand wollte Kunstkurse. So wurde aus dem geplanten Kulturzentrum ein Hotel, erst mit drei Zimmern, zuletzt mit 24. Und dann baute ich ein zweites. Ich arbeitete quasi rund um die Uhr, aber der Erfolg setzte eine ungemeine Energie frei.

Als Hotelier bezeichne ich mich allerdings immer noch nicht gern, das klingt für mich so bieder. Ich sehe mich nach wie vor eher als Künstler. Experimentieren und improvisieren ist mein Ding, und in meinen Bauprojekten versuche ich immer wieder, das Niemandsland zwischen Architektur und Skulptur zu erkunden. Nun habe ich auch endlich wieder mehr Zeit für kreatives Schaffen - vor fünf Monaten habe ich nämlich das erste Hotel verkauft. Es gehört jetzt einem guten Freund, dem ich auch gern Gäste hinüberschicke.

Bislang sind wir beide recht gut durch die Coronakrise gekommen. Ausländische Gäste haben wir fast keine, dafür kommen nun immer mehr Bolivianer, die im eigenen Land Urlaub machen. Sich mit ihnen auszutauschen, macht mir gerade sehr viel Spaß, und ich freue mich, dass ich nun wieder mehr Zeit für meine Besucher habe.

Früher kannte ich jeden mit Namen, mit vielen habe ich abends zusammengesessen und Gitarre gespielt. Aber ab einer gewissen Größe ist das einfach nicht mehr möglich. Teilweise brauchte ich zwei Stunden für den Weg zur Rezeption, weil ständig jemand etwas von mir wissen wollte, eine Dusche kaputt oder das Wi-Fi weg war. Wasser, Strom, Gas, Internet, das sind die vier wichtigsten Bedürfnisse von Gästen - und davon ging in Bolivien häufig etwas nicht. In den letzten Jahren hat sich das zum Glück deutlich verbessert.

Tipps für den Neustart in Bolivien

Informiere dich beim Bürgermeister oder beim Notar im Ort nach Baugrundstücken und Häusern, die zum Verkauf stehen, bevor du dich für eine Immobilie entscheidest.

Mein Sohn hilft nun im Betrieb mit, sodass ich zusammen mit meiner Frau zwei Wochen im Monat das Stadtleben in La Paz genießen kann. Katty ist Bolivianerin und seit 18 Jahren meine Frau, in ihr habe ich eine wunderbare Partnerin gefunden, die meine Liebe für Kunst und Kultur teilt. Wir haben in La Paz eine Wohnung im 18. Stock eines Hochhauses. Mit dem Bus dauert die Fahrt aus Copacabana rund vier Stunden. Das macht mir aber nichts aus, ich schätze diese Zeit zum Abschalten.

Meine beiden erwachsenen Töchter aus erster Ehe sind in La Paz zur Schule gegangen, leben nun aber in Berlin. Für mich selbst kommt ein Umzug zurück nach Deutschland nicht infrage. Dafür liebe ich mein Leben hier zu sehr und habe noch zu viele Pläne.

Mein nächstes Projekt ist jetzt der Einbau einer Zentralheizung, die mit Solarenergie und Gas betrieben wird. Mir geht es nämlich sehr nahe, wenn Gäste unzufrieden sind - und obwohl ich in jedem Zimmer abends den Kamin anheize, macht die morgendliche Kälte vielen zu schaffen. Mir selbst macht das nichts aus, ich brauche keine Heizung."

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