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Bossing Was tun, wenn der Chef mobbt?

Vom eigenen Vorgesetzten lächerlich gemacht und gedemütigt: Bossing ist Mobbing von oben. Oft ist es für Betroffene schwer, Hilfe zu bekommen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Foto: EMS-FOSTER-Productions / Digital Vision / Getty Images

Was ist Bossing?

Bossing ist Mobbing von oben. Dabei reicht es nicht aus, wenn der Chef oder die Chefin mal schimpft oder die Geduld verliert. Erst wenn systematisch immer wieder derselbe Mitarbeiter oder dieselbe Mitarbeiterin gezielt von einer hierarchisch übergeordneten Person aufs Korn genommen, lächerlich gemacht und schikaniert wird, kann man von Bossing sprechen. Bossing findet dabei auf zwei Ebenen statt: der fachlichen und der sozialen. Auf der einen Seite wird dem Mitarbeiter unterstellt, dass seine Arbeit nicht gut genug ist – auf der anderen wird er selbst als Persönlichkeit zur Zielscheibe. Das kann mehrere Ursachen haben – ganz oft aber nur eine: Der betreffende, vielleicht unbequeme oder teure Mitarbeiter soll aus dem Unternehmen vergrault werden, aber man kann ihm nicht einfach kündigen, also wird ihm das Bleiben so unangenehm wie möglich gemacht. Ihm werden sinnlose Aufgaben zugewiesen, Informationen vorenthalten, seine Arbeit wird ständig kontrolliert und kritisiert – und im schlimmsten Fall auch sabotiert.

Ist Bossing strafbar?

Für Bossing gilt wie für Mobbing: Es gibt keinen eigenen gesetzlichen Straftatbestand. Meist sind die einzelnen Faktoren, aus denen sich das Bossing zusammensetzt, für sich genommen jeweils nicht schlimm genug, um strafrechtlich relevant zu sein – und oft ist die Beweislage sehr schwierig. Dem Opfer werden vielleicht Informationen vorenthalten, ihm werden Privilegien entzogen oder besonders viel Arbeit aufgehalst. »Arbeitsrechtlich ist Bossing oft schwer zu fassen«, sagt Jens Niehl, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Düsseldorf, »es gibt einen weiten Bereich, der kaum justiziabel ist und in dem man mit arbeitsrechtlichen Mitteln häufig nicht weiterkommt.« Es ist schwierig und selten Erfolg versprechend, jemanden zu verklagen, nur weil er einen beispielsweise morgens als einzigen Mitarbeitenden nicht grüßt oder nicht zur Teamsitzung einlädt – aber auch solche eher subtilen Nadelstiche können als Bossing sehr belasten und verletzen.

Kann man mobbende Chefs denn gar nicht belangen?

Es ist wie immer bei rechtlichen Belangen: Es kommt auf den Einzelfall an. Das Landesarbeitsgericht Thüringen definierte Mobbing in einem Urteil aus dem April 2001 so: »Fortgesetzte, aufeinander aufbauende oder ineinander übergreifende, der Anfeindung, Schikane oder Diskriminierung dienende Verhaltensweisen, die nach Art und Ablauf im Regelfall einer übergeordneten, von der Rechtsordnung nicht gedeckten Zielsetzung förderlich sind und jedenfalls in ihrer Gesamtheit das allgemeine Persönlichkeitsrecht oder andere, ebenso geschützte Rechte, wie die Ehre oder die Gesundheit des Betroffenen verletzen« (Aktenzeichen 5 Sa 403/2000). Arbeitsrechtler Niehl dazu: »Es geht auch beim Bossing um eine Politik der Nadelstiche – jeder einzelne Nadelstich ist für sich gesehen häufig kein Unrecht, aber in der Bündelung stellen sie ein systematisches Vorgehen dar, das Ehre oder Gesundheit verletzen kann.«

Wie sinnvoll ist ein Mobbing- oder Bossing-Tagebuch?

Eine genaue Dokumentation ist wichtig, weil meistens die einzelnen Vorfälle für sich gesehen nicht strafbar sind beziehungsweise die Rechte der Betroffenen unzulässig verletzen – in der Gesamtheit aber schon. Dabei sollte man präzise notieren, wer wann was gesagt oder getan hat, und idealerweise auch Zeuginnen und Zeugen benennen oder Schriftstücke wie E-Mails einfügen. Oft fällt es Zeugen aber schwer, sich genau zu erinnern, wann genau die Chefin was zu wem gesagt hat – vor allem, wenn die Vorfälle schon eine ganze Weile zurückliegen. Wer gegen Bossing vorgehen will, muss sich auf einen steinigen Weg einstellen.

An wen kann ich mich als betroffene Person wenden?

In vielen, vor allem größeren Firmen, gibt es für Beschwerden häufig zuständige Stellen (etwa Compliance Officer oder bei Diskriminierungen eine Beschwerdestelle nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz). Teilweise werden auch Mediatoren oder Supervisoren eingesetzt, die man ansprechen kann. Es kann auch helfen, mit dem Betriebsrat oder der zuständigen Gewerkschaft zu sprechen – oder, eventuell in dessen Beisein, mit dem Vorgesetzten der Person, die das Bossing betreibt. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, Beschwerden nachzugehen und falls erforderlich die Rechtsverletzungen zu unterbinden. Es bringt auch viel, wenn Kollegen einem den Rücken stärken. Wenn die Firma den Chef unterstützt, wird es aber trotzdem schwierig. Dann lautet der Rat vieler Arbeitsrechtler, in einem Verfahren vor Gericht gegen das Bossing zu versuchen, eine möglichst gute Abfindung zu verhandeln – denn Bleiben ist in den meisten Fällen keine echte Option mehr, wenn man sich einmal in einer arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung befindet und der Arbeitgeber den Vorgesetzten schützt.

Welche Auswirkungen hat Bossing?

Es gebe niemanden, den Bossing nicht belasten würde, sagt die Neurologin Christa Roth-Sackenheim, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. »Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn man dadurch psychosomatische Beschwerden bekommt – das ist eine normale Reaktion auf eine unnormale Situation.« Bossing könne zu tiefgreifenden und lang anhaltenden psychischen Belastungen führen, bis hin zu Depressionen und Selbstmordgedanken.

Warum mobben Chefs überhaupt?

Oft ist es der Versuch, missliebige oder teure Mitarbeiter loszuwerden – man erhöht den Druck, bis Betroffene von sich aus die Firma verlassen. Wenn Bossing wirklich bösartig betrieben werde und der Dienstherr die Angestellten nicht ausreichend schütze, könne man als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter im Grunde dagegen nicht bestehen. »Dann kann man nur gehen«, sagt Roth-Sackenheim. Es gebe aber auch Fälle, in denen Chef oder Chefin unsicher seien, nicht viel von Personalführung verstünden und aus dieser Position heraus mobben würden. »Wenn ansonsten der Zusammenhalt unter den Kollegen stimmt, dann kann es da noch fruchten, etwa mit dem Betriebsrat oder Compliance-Beauftragten ein Gespräch zu initiieren«, sagt die Fachärztin. Häufig hätten mobbende Chefs »gewisse narzisstische Merkmale«: »Viele treibt es in ihrer Karriere an, Macht über andere zu haben. Im positiven Sinn ist das Gestaltungswillen; im negativen geht es darum, dass andere tun müssen, was ich sage. Wer dann Kontra gibt, wird als Gefahr wahrgenommen.«

Wann sollte man psychologische oder psychiatrische Hilfe suchen?

»Zu mir als Psychiaterin kommen Betroffene in der Regel erst, wenn der Hausarzt sie schon länger krankgeschrieben hatte«, so die Ärztin. »Die Patienten können dann schon lange ihr Familienleben und andere soziale Kontakte nicht mehr unbeschwert genießen, sondern haben Schlafstörungen und sind in einer depressiven Spirale aus Selbstabwertung gefangen.« Viele versuchten sehr lange, ohne externe Hilfe klarzukommen, und scheuten den Gang zum Psychiater oder Therapeuten. »Wenn aber der Job alles beherrscht und man länger als 14 Tage depressive Gedanken hat, Bauchschmerzen, andere Symptome, dann sollte man sich Hilfe holen.«

Wie können Psychologen oder Psychiaterinnen helfen?

Zunächst klären sie auf, was genau passiert ist und wie die Zusammenhänge sind. Es sei für die Patienten oft eine große Entlastung zu erfahren, dass ihre Reaktion auf die schlechte Behandlung normal sei, so Roth-Sackenheim: »Ich gebe dem, was passiert ist, einen Namen und erkläre, wie die Wege heraus sein können. Ich versuche, das System zu analysieren, in dem die/der Betroffene steckt: Wie toxisch ist es? Welche Abhängigkeiten vom Job bestehen bei der/dem Betroffenen? Dann gilt es, mit ihr oder ihm zusammen eine Strategie zu entwickeln. Wo nötig, verordne ich vielleicht Antidepressiva, niemals aber abhängig machende Schlafmittel oder Beruhigungsmittel.« Sie schreibe krank und verordne gegebenenfalls eine medizinische Rehabilitation.

Ist alles wieder gut, wenn der Chef weg ist?

In der Regel, so Roth-Sackenheim, sei das Betriebsklima noch lange Zeit nach einer Bossing-Episode belastet, auch wenn der Verursacher schon aus dem Unternehmen geschieden ist. »Bossing ist wie eine Ölkatastrophe am Strand – das System muss sich erst wieder erholen«, so die Fachärztin. Denn ein Bestandteil des Bossings sei es eben auch, Misstrauen zwischen den Mitarbeitenden zu säen, das sich erst langsam wieder abbauen lasse.

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