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Brief an junge Werber Jean-Remy von Matt vermisst das Bauchgefühl

Nie in den vergangenen Jahrzehnten hat das Geschäft mit der Werbung einen solchen Umbruch erlebt, schreibt Branchenlegende Jean-Remy von Matt. Aufregende Zeiten für die jungen Kollegen, weil sie nicht auf ausgetretenen Pfaden wandeln müssen. Doch eine alte Regel gilt auch im Digitalzeitalter.
Werbung 2.0 (im Bild Carla Bruni): Ein Kuss, ein Song

Werbung 2.0 (im Bild Carla Bruni): Ein Kuss, ein Song

Foto: A9999 DB Lancia/Fiat/ dpa

Lieber Nachwuchswerber,

Werbung von heute hat mit Werbung von gestern kaum noch zu tun. Und das ist schon meine beste Nachricht. Denn wäre die digitale Revolution nicht gekommen, wäre mir spätestens jetzt nach 37 Berufsjahren langweilig geworden, ist es aber nicht. Nach jahrzehntelangem Stillstand flog plötzlich eine riesige Tür auf. Und durch diese Tür strömen in hoher Frequenz neue Herausforderungen auf uns zu.

Der perfekte Zeitpunkt für Deinen Einstieg in unsere Branche, die mit dem Begriff Werbung längst nicht mehr ausreichend gekennzeichnet ist. Neuer Beratungsbedarf von den Auftraggebern schafft neue Chancen in Agenturen. Genauso wie in der Medienbranche schlüpfst Du bei uns in völlig neue Schuhe, wo noch nichts ausgelatscht ist. Und noch nie bot unsere Branche so viele verschiedene Möglichkeiten, seinen Weg zu machen.

Ob in Richtung Beratung, Strategie oder Gestaltung, ob als Information-Architect, Community-Manager, Targeting-Spezialist oder Web-Application-Developer, ob im Bereich Web-Design, Film oder 3-D-Animation - es gibt überall viel zu tun. Auch die sogenannten klassischen Disziplinen, vor allem die Fernsehwerbung, bleiben nachgefragt und verbinden sich zunehmend mit digitalen Möglichkeiten.

Natürlich führen diese ganzen Neuerungen auch zu neuen Fehlschlüssen. Einer davon lautet: digital gleich rational.

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Wunderbare Werbewelt: Eine gefräßige Branche

Foto: Corbis

Auch wenn Digitalisierung viel mit Rechnern, Technik, Automatisierung, Algorithmen, Programmen, Targeting und Logik zu tun hat, bleibt der von uns umworbene Mensch - und nur um ihn geht es - dieses hochemotionale Wesen mit Freuden, Hoffnungen, Sehnsüchten und Ängsten. Ihn gilt es zu interessieren, zu begeistern, zu provozieren, zu stimulieren, zu motivieren, zu involvieren. Und nicht nur gezielt zu treffen und mit Nutzen zu versorgen.

Mir fällt auf, dass heute in jeder Präsentation mit den Begriffen "ganzheitlich", "nachhaltig" und "relevant" herumhantiert wird. Keine Frage: wichtige Aspekte - übrigens schon seit Jahrzehnten. Aber sind nicht gerade die stärksten emotionalen Erlebnisse oft singulär, auf den Moment bezogen und ziemlich irrelevant? Wie etwa ein Kuss, ein Tor oder ein Song?

Fazit: Bei allem Kopf, vergesst den Bauch nicht.

Viel Spass in unserem Neuland!

Jean-Remy von Matt

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