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17. September 2013, 12:32 Uhr

Politikberater in der Provinz

Der Bürgermeistermacher

Klaus Abberger hievt Politik-Laien ins Bürgermeisteramt. Er wählt Kandidaten aus und managt ihren Wahlkampf - ein Job zwischen Kindermädchen und Strippenzieher. Im Interview erklärt Abberger, welche Bewerber er ablehnt und was seine Dienste kosten.

KarriereSPIEGEL: Sie unterstützen Bürgermeisterkandidaten in Baden-Württemberg im Wahlkampf. Einen Wahlkampfberater erwartet man für Politiker, die nach Stuttgart oder Berlin wollen, nicht nach Aulendorf oder Weingarten. Was sind das für Menschen, die Ihre Dienste in Anspruch nehmen?

Abberger: Das sind überwiegend ausgebildete Verwaltungswirte - die typischen Kandidaten für ein Bürgermeisteramt in Städten und Gemeinden mit bis zu 10.000 Einwohnern. Die Bewerber haben viel Übung im Verwalten, aber keine in Politik. Das bringe ich ihnen bei.

KarriereSPIEGEL: Sind Sie also ein Kindermädchen für angehende Politiker? Oder ein Strippenzieher?

Abberger: Ich knüpfe Kontakte, koordiniere und ja: Manchmal bin ich Kindermädchen. Entscheidend für Bewerber ist, dass ihnen jemand den Rücken frei hält und den Kopf immer wieder freimacht für das Wesentliche. Das bin ich.

KarriereSPIEGEL: Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Abberger: Im Vorfeld helfe ich, dass der richtige Bewerber zur passenden Kommune findet. Oder umgekehrt. Manchmal bestellen Fraktion oder Wählerinitiativen bei mir geeignete Kandidaten. Im Wahlkampf selbst bin ich strategisch-taktische Assistenz, helfe den Bewerbern, sich gegenüber der Konkurrenz zu profilieren, berate programmatisch, was politische Inhalte und Personen anbelangt und konzipiere die Kampagne. Ich erstelle Werbemittel, ich texte, fotografiere, gestalte Drucksachen, bediene die regionale Presse, das Internet.

KarriereSPIEGEL: Sie suchen Kandidaten für die Kommunen aus? Ist das noch demokratisch?

Abberger: Jeder kann sich für die Aufgabe zur Wahl stellen, das hat kein Geschmäckle. Aber ich unterstütze niemanden, den ich für eine Gemeinde für ungeeignet halte.

KarriereSPIEGEL: Wonach entscheiden Sie das denn?

Abberger: Wenn mir ein Kandidat nicht das Gefühl gibt, die betreffende Stadt würde von seiner Wahl profitieren.

KarriereSPIEGEL: Wie erfolgreich sind Ihre Kampagnen?

Abberger: Eine clevere Kampagne kann 15 Prozent extra einbringen. Das ist häufig wahlentscheidend. Von den rund hundert Kandidaten, für die ich tätig war, sind etwa 70 zum Bürgermeister gewählt worden.

KarriereSPIEGEL: Was kosten Ihre Dienste?

Abberger: Das Gros meiner Leistungen wird nach Zeitaufwand honoriert, orientiert sich an der Gemeindegröße und beginnt bei 77 Euro die Stunde.

KarriereSPIEGEL: Das heißt: Auch in Kommunen wird es immer mehr zu einer Frage des Geldes, wer Bürgermeister werden darf.

Abberger: Bis 50.000 Einwohner müssen Sie mit wenigstens einem Euro pro Einwohner kalkulieren. Damit Bewerber, die nur knapp verlieren, dann nicht komplett leer ausgehen, sondern sich eine weitere Kandidatur andernorts leisten können, plädiere ich für eine teilweise staatliche Kostenerstattung, abhängig vom jeweils erzielten Wahlergebnis.

KarriereSPIEGEL: Ist es Ihnen eigentlich völlig egal, welcher Partei ein Kandidat nahesteht? Würden Sie auch einen NPD-Mann unterstützen?

Abberger: Jeder Kunde muss mir vertraglich zusichern, dass er keine politischen Beziehungen zu Rechtsextremen unterhält und dass er sich von extremistischem Gedankengut distanziert.

KarriereSPIEGEL: Wofür stehen Sie politisch?

Abberger: Ich gehöre keiner Partei an. Das ist auch nicht wichtig: Die Kandidaten müssen wissen, wie sie Wähler erreichen. Bürgermeisterwahlen sind Persönlichkeitswahlen, es kommt oft weniger darauf an, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Der Klassiker: Versuchen Sie mal, Lieschen Müller den Unterschied zwischen Vermögens- und Verwaltungshaushalt zu erklären. Lieschen Müller wird Sie nicht wählen, weil sie damit überfordert ist. Sie will nicht falsch wählen, also stimmt sie für einen Mitbewerber, den sie versteht.

KarriereSPIEGEL: Was tun Sie, um Ihre Leute zum Erfolg zu führen?

Abberger: Ich stärke die Stärken meiner Auftraggeber und kaschiere die Schwächen. Aber ich verbiege sie nicht. Seriös zu beraten, bedeutet für mich oft genug, jemandem von einer Kandidatur abzuraten. Allzu jungen Kandidaten, so Mitte, Ende 20, empfehle ich, einige Jahre abzuwarten und in ihrem Beruf zu reifen, etwa als Amtsleiter in einem Rathaus.

KarriereSPIEGEL: Sie haben mehr als hundert Kandidaturen hinter sich. Verliert die Sache nicht langsam ihren Reiz?

Abberger: Oh nein. Kandidatenvorstellungen in Stadthallen oder Dorfkneipen wären eigentlich Eintrittsgeld wert. Jedes Mal kribbelt es, bis endlich ausgezählt ist, auch wenn ich inzwischen Wahlergebnisse sehr präzise voraussagen kann.

KarriereSPIEGEL: Viele Kommunen sind klamm oder zerstritten. Was macht den Job als Bürgermeister unter solchen Bedingungen erstrebenswert?

Abberger: Bürgermeister haben faktisch keine Chefs über sich. Viele Bürgermeister sagen, in keinem anderen Beruf könne man so viel gestalten. Nirgends erfährt man auch so prompte Rückmeldung auf die Auswirkungen seines Tuns, positiv wie negativ. Wer Bürgermeister werden will, macht das aus Überzeugung.

KarriereSPIEGEL: Wie wurden Sie Wahlkampfberater?

Abberger: Ich bin ausgebildeter Tageszeitungsredakteur und habe für den Lokalteil gearbeitet. Weil ich oft über Gemeinderatssitzungen berichtet habe, war ich in vielen Rathäusern bekannt. Als ich mich dann Mitte der neunziger Jahre selbständig machte, bestellte mancher Bürgermeister bei mir eine flotte Rede oder einen hübschen Wahlprospekt. Es gab Bedarf für derartige Dienstleistungen, nicht nur bei denen, die schon Bürgermeister waren, sondern auch denen, die es werden wollten. Es genügte nicht mehr, mit selbstgestrickten Flugblättern in eine Bürgermeisterwahl zu ziehen.

KarriereSPIEGEL: In welcher Situation haben Sie am meisten mit einem ihrer Kandidaten gelitten?

Abberger: Stellen Sie sich eine proppenvolle Stadthalle vor, und Sie müssen tatenlos mit ansehen, wie Ihr Schützling zwar alle Antworten weiß, auf dem Podium aber komplett blockiert, nichts abrufen kann und sich stattdessen um Kopf und Kragen faselt. So geschehen in Isny im Allgäu. Dort habe ich echt gelitten.

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