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Bürodesign Schreibtische hoch, Discokugel runter

Vom Büro zum Club in fünf Minuten - diesen Rekord hält eine Werbeagentur aus den Niederlanden. Auf Knopfdruck können die Mitarbeiter ihre Schreibtische unter die Decke ziehen lassen. Und dann zusammen mit den Nachbarn tanzen, meditieren oder kochen.

Auf Knopfdruck lässt Sander Veenendaal seinen Schreibtisch in die Luft gehen. Es surrt, die Holzplatte hebt sich. Nach gut einer Minute ist von Monitor, Papierstapeln, Stiften und Wassergläsern nichts mehr zu sehen. Der DJ kann kommen.

Veenendaal betreibt in Haarlem, unweit von Amsterdam, eine Werbeagentur. Die Schreibtische der Mitarbeiter hängen an Drahtseilen, die Schränke stehen auf Rädchen. Mittags werden die massiven Tischplatten gewöhnlich in der Decke versenkt, dann sitzt das Team um einen großen Esstisch und macht gemeinsam Mittagspause. Abends werden die Tische an die Decke gezogen und die Schränke zur Seite gerollt, so entsteht aus dem etwa zweihundert Quadratmeter großen Büro eine Veranstaltungsfläche, die auch von Außenstehenden genutzt werden kann - für Partys, Yoga-Kurse oder Kunstworkshops, Modenschauen oder Festessen. Nachbarn und Leute aus dem Viertel kommen regelmäßig, auch die Mitarbeiter machen mit.

"Für uns war der Gedanke befremdlich, dass überall abends die Lichter ausgehen und alle Büros leer stehen, bis am nächsten Tag der Erste wieder reinkommt", sagt Sander Veenendaal, Chef der Agentur Heldergroen. Das sei doch Platz- und Energieverschwendung. Mit diesem Gedanken knüpft er an eine größere Idee an: Arbeit müsse einen Sinn haben, Mitarbeiter sollten nicht ausschließlich für die Maximierung des Gewinns schuften. "Die Leute müssen gerne zur Arbeit kommen", sagt Veenendaal. "Die Balance aus Arbeit und Beruf muss stimmen."

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Wandelbares Büro: Der Letzte zieht die Tische hoch

Foto: CornbreadWorks

Aber tut sie das, wenn die Mitarbeiter sogar nach Feierabend noch im Büro bleiben? Ist das nicht nur ein Trick des Arbeitgebers, um seine Angestellten zum Längerbleiben zu verführen? Nein, sagt Veenendaal. Seine Mitarbeiter hätten sogar zwei Wochen länger frei als üblich in Holland, 35 statt 25 Tage im Jahr. Außerdem: "Es gibt doch heute, vor allem in der Kreativbranche, für viele keinen festen Feierabend mehr. Gerade deshalb sollten wir die Abende so angenehm wie möglich gestalten."

Seine Werbeagentur trägt ihr Anliegen schon im Namen. "Heldergroen" ist niederländisch für hellgrün. Veenendaals Büro entwirft die Kampagnen vor allem für kleinere Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit engagieren, aber auch für eine ethische Bank und das Tourismusbüro Südafrikas, das umwelt- und sozialverträgliche Reisen anbietet. Auch das Büro selbst ist ein Recyclingprodukt: Ursprünglich war es das Silo einer Schokoladenfabrik. Eine Wand haben Sander Veenendaal und sein Team aus platt gedrückten Autotüren gebaut, fast alle Einrichtungsgegenstände haben sie gebraucht gekauft.

Verrückte Architektur für ein besseres Arbeitsklima

Bürodesigner und Innenarchitekt Michael Stoz erkennt in dem Büro der schwebenden Schreibtische einen Trend: "Gerade weil man sich dort, wo man viel Zeit verbringt, auch wohl fühlen will, gibt es die Tendenz, Büros in wohnlichere Welten zu verwandeln." Wenn Corporate Identity und Büroarchitektur übereinstimmen, könne dies sogar das Arbeitsklima verbessern, so Stoz.

Ähnlich argumentiert auch Designer Lee Penson, der für Google die neue London-Zentrale gestaltet hat - mit riesigen Sofasitzecken, plüschigen Separees, U-Boot-Türen und einem Garten zum gemeinsamen Unkrautjäten. "Wenn die Leute entspannt sind, arbeiten sie besser", sagt Penson. Er geht davon aus, dass in wenigen Jahren zum Arbeiten gar keine Schreibtische mehr gebraucht werden.

So weit will Michael Stoz nicht gehen. Er findet das Büro aus Haarlem aber noch aus einem anderen Grund interessant: In Zeiten steigender Mietpreise sind Mehrfachnutzungen sinnvoll. Auch eine Kombination, beispielsweise aus Café und Büro, sei denkbar. Projekten, bei denen sich mehrere Mitarbeiter einen Schreibtisch teilen, steht er dagegen skeptisch gegenüber: "Im Alltag ist das für die meisten zu umständlich." Die schwebenden Tische hält er allerdings für eine gute Idee: "Weil ein bloßes Büro nicht so sexy ist wie Disco, Bar und Büro."

Aber wollen die Mitarbeiter überhaupt einen sexy Arbeitsplatz? Veenendaal jedenfalls ist von seiner Idee begeistert. Er selbst hat auch schon bei den Yoga-Stunden mitgemacht: "Danach habe ich die Augen geöffnet und gedacht: Wow, ich bin im Büro."

Benjamin Dürr (Jahrgang 1988) ist Korrespondent und Auslandsreporter. Er berichtet für SPIEGEL ONLINE unter anderem aus den Niederlanden und regelmäßig aus Afrika.

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