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Chefsessel mit Extras Beheizt, belüftet, mit Sensor oder Wackelfeder

Den Großteil des Tages verbringen Büromenschen sitzend. Mit immer ausgefeilteren Ideen wollen Stuhlhersteller Haltungsschäden mindern. Was taugen die Konzepte? Wir haben sieben ausprobiert.
Sitzen - aber worauf? Bürostuhlhersteller gehen mit neuen Konzepten an den Start

Sitzen - aber worauf? Bürostuhlhersteller gehen mit neuen Konzepten an den Start

Foto: manager magazin

Es hört sich an, als würde mein Rechner unter Volllast arbeiten: Die Lüftung arbeitet auf Hochtouren. Aber das Geräusch kommt von hinten und unten: aus meinem klimatisierten Bürostuhl, der gegen die Sommerhitze anarbeitet. Mit immer ausgefeilteren Sitzkonzepten versuchen Hersteller, den Arbeitsplatz am Schreibtisch vom potenziellen Rückenkiller zur Wohlfühlzone umzugestalten. Der Klimastuhl belüftet oder heizt, ein anderes Modell stimuliert die Bandscheiben schon, wenn der Besitzer nur atmet, ein besonders flexibler Rückenfreund macht jede Bewegung mit - und dann gibt es noch Sitzsensoren und Schreibtische mit Laufband oder Ergometer. Wie gut klappt das – und was bringen die verschiedenen Konzepte? Hier ist ein Überblick.

Der Klimastuhl: Ein laues Lüftchen am Po

Klimastuhl von Klöber: Links unter der Sitzfläche kontrollieren zwei kleine Kippschalter, ob der Stuhl wärmt oder kühlt

Klimastuhl von Klöber: Links unter der Sitzfläche kontrollieren zwei kleine Kippschalter, ob der Stuhl wärmt oder kühlt

Foto: Maren Hoffmann/ manager magazin

Sommer im Büro – das sind zwei Dinge, die nicht so richtig zusammen passen. Wer einen Lederstuhl hat und kurze Röcke oder Hosen trägt, klebt fest, und zwischen Rückenlehne und Rücken stürzen an heißen Tagen die Schweißbäche. Gut, das mag eine Unannehmlichkeit der Kategorie "first world problem" sein, aber dennoch: Schön, wenn das mal jemand löst.

Die Firma Klöber hat einen Klimastuhl entwickelt, der auch helfen soll, das unterschiedliche Temperaturempfinden verschiedener Mitarbeitender im selben Raum auszugleichen. Die in Sitzfläche und Rückenlehne verbaute Technik ist erfreulich idiotensicher: Zwei Kippschalter, dezent seitlich unterm Sitz, lassen die Wahl: Beheizen oder Belüften, Stufe eins oder zwei. Wer es nicht weiß, sieht dem Stuhl seine Luxusfunktion nicht an. Beheizt wird nur bis 37 Grad Celsius, also knapp über Körpertemperatur, sodass kein Hitzestau entsteht; belüftet wird ohne Kühlung, sodass man sich nicht erkältet. Das geht kabellos, denn der komfortable Stuhl hat einen Akku mit genug Ausdauer für einen Arbeitstag. Er schaltet sich automatisch ab, wenn man aufsteht.

Das Geräusch der Lüftung ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber nicht unangenehm, weil es einen akustisch daran erinnert, dass man kühlend umschmeichelt wird. Die Sitzheizung ist ebenfalls fein. Man kommt sich ein bisschen dekadent vor, wenn man zum Start des Arbeitstages erst mal den Bürostuhl auf Stufe zwei stellt, aber andererseits: Man gönnt sich ja sonst auch alles.

Das kostet er: ab 730 Euro

Das bringt er: Der solide Stuhl bietet haltungsmäßig nichts Neues, aber das gute Gefühl, dass, wenn es den Kollegen schon egal ist, ob man schwitzt oder friert, wenigstens der eigene Stuhl etwas dagegen tut.  

Flexibler Rückenfreund: "Smart spring" für mehr Bewegungsfreiheit

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Bürostuhl-Test: Wie dynamisch ist der Pure IS3?

Foto: manager magazin

Die Firma Interstuhl hat im vergangenen Jahr den "Pure IS3" auf den Markt gerollt, einen intuitiv bedienbaren Bürostuhl, dessen Rückgrat so flexibel ist wie das eines gewieften Karrieristen und sich auch asymmetrisch verdrehen lässt. Hier geht es zum ausführlichen Test .

Bis auf die Gasdruckfeder zur Höhenverstellung verzichtet der Pure auf das meiste an herkömmlicher Mechanik und soll das durch seine Bauweise wettmachen. Kernstück: Die "smart spring", eine Feder, die den gesamten Stuhl trägt und weite Bewegungsradien ermöglicht - so kann man sich im Stuhl umdrehen und die Lehne dabei ein ganzes Stück mitnehmen, auch Hüftschwünge und Gewichtsverlagerungen animieren den Stuhl zur Reaktion.

Das kostet er: um die 530 Euro

Das bringt er: Bis auf die Gasdruckfeder zur Höhenverstellung muss hier nichts angepasst werden – das ist gut, wenn öfter mal verschiedene Leute auf demselben Stuhl sitzen. Dynamisches Sitzen wird unkompliziert unterstützt.

Mikroimpulse: teures Sitzen auf der Biofeder

Blick unter die Motorhaube: Das Sitzwerk des Bioswing sieht technisch imposant aus

Blick unter die Motorhaube: Das Sitzwerk des Bioswing sieht technisch imposant aus

Foto: Maren Hoffmann/ manager magazin

Das patentierte "3D-Sitzwerk" des Bioswing von Haider ist in etlichen Stuhlmodellen verbaut. Das Prinzip: Eine mehrfach gelagerte Feder soll selbst auf Minimalbewegungen (atmen reicht) dynamisch reagieren und so die Bandscheiben entlasten. Der Stuhl gibt willig in der Bewegung nach und das eben nicht nur in der Rückenlehne, sondern auch der Sitzfläche, ohne dass man ein Wackelgefühl hätte. Der Stuhl bietet eine Fülle von Einstellmöglichkeiten, in die man sich erst einmal einarbeiten muss; dann aber sitzt man wirklich extrem komfortabel und perfekt auf den eigenen Körper abgestimmt.

Ein ähnliches Konzept brachte Wilkhahn schon 2009 mit den "Free-2-move-Stühlen" an den Start - gemeinsam mit Wissenschaftlern der Deutschen Sporthochschule Köln entwickelte der Hersteller eine patentierte Bewegungsunterstützung, die die natürlichen Beckenbewegungen in alle Richtungen unterstützt und so auch die Tiefenmuskulatur anspricht.

Sitzexperten sehen das Konzept der Mikrobewegung allerdings durchaus kritisch: "Kein Stuhl der Welt kann uns vor Bewegungsmangel und Inaktivität schützen. Miniimpulse sind sinnvoll, ersetzen aber niemals die echte Bewegung", sagt die Sportwissenschaftlerin Birgit Sperlich, die an der Uni Würzburg über den sitzenden Lebensstil und dessen Auswirkungen forscht.

Das kostet er: Ein richtiger Bioswing-Bürostuhl ab knapp 1000 Euro. Für Ledermodelle mit ein bisschen Schnickschnack kann man auch gut das Doppelte loswerden. Wer nur die Feder braucht, bekommt für unter 400 Euro einen gepolsterten Rollhocker mit der patentierten Technik.

Das bringt er: Ein sehr angenehmes Sitzgefühl dynamischer Art. Man sollte aber nicht vergessen, dass Aufstehen und ein paar Schritte gehen noch viel mehr bringen als Mikrobewegungen.

Der Klassiker: Wackelkandidat fürs Büro

Der Klassiker: Diesen Wackelstuhl gibt es seit rund 40 Jahren

Der Klassiker: Diesen Wackelstuhl gibt es seit rund 40 Jahren

Foto: Balans/ Varier

Seit mehr als 40 Jahren stellt die norwegische Firma Varier Stühle her, die mit der konventionellen Idee von Stühlen nicht viel zu tun haben. Prominentester Vertreter ist der Kniestuhl "Variable Balans", der das Becken in eine sanfte Kippung bringt und statt Stuhlbeinen Kufen mit Schienbeinauflagen hat, sodass man in halb kniender Position sanft schaukelt.

"Untersuchungen zeigen: Es hängt sehr stark vom Nutzer ab, ob das Konzept erfolgreich ist", sagt Arbeitsexperte Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Das kann ich bestätigen – ich hatte den Balans quasi im Dauertest, während etlicher Studienjahre war er mein einziger Schreibtischstuhl. Und nach mehreren Stunden hockte ich meist wie der Affe auf dem Schleifstein, Füße auf den Knierasten, mit rundem Rücken über den Büchern – sicher auch nicht ergonomischer als auf einem gefederten Bürostuhl. Einen ausführlichen Test (der auch auf Sinn und Unsinn von Sitzbällen eingeht) gibt es hier .

Das kostet es: um 300 Euro

Das bringt es: Eine gute Ergänzung zum klassischen Stuhl – aber komplett ersetzen sollte man ihn nicht damit.

Gehen Sie jetzt doch endlich: Laufband-Schreibtisch fürs Büro

Arbeiten im Gehen: Das Laufband Walkolution ist dank seiner Rollen auch selbst mobil

Arbeiten im Gehen: Das Laufband Walkolution ist dank seiner Rollen auch selbst mobil

Foto: manager magazin

In den USA sind Walking Desks schon länger ein Trend. Der deutsche Arzt Eric Söhngen hat ein Gerät entwickelt, das gut aussieht und komplett ohne Strom auskommt: Das Laufband Walkolution ist mit einem Arbeitstisch ausgestattet und lässt sich leicht in den Büroalltag integrieren, auch, weil es sehr leise ist. Die Idee: eine kontinuierliche Bewegung durch langsames Gehen. Weil es immer ganz leicht bergauf geht, freuen sich die Bandscheiben besonders. Man kann jederzeit innehalten und sich auch mal an die integrierte Rückenlehne anlehnen. "Das Arbeiten im langsamen Gehen eignet sich nicht für jede Art der Arbeit, aber manchmal kann es angenehmer sein, ganz langsam zu gehen, als statisch zu stehen, zum Beispiel beim Telefonieren", sagt Birgit Sperlich. Hier geht es zum Video-Test .

Das kostet es: rund 4500 Euro für die Profiversion mit Tisch

Das bringt es: Die Möglichkeit, Bewegung jederzeit in den Büroalltag zu integrieren. Wer nicht so viel Geld ausgeben will, kann es auch mit anderen Arbeitsabläufen versuchen: Walking Meetings im Park und öfter mal zu den Kollegen gehen, statt anzurufen.

Nach oben buckeln, nach unten treten: Fahrrad fürs Büro

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Bürofahrrad im Test: Bewegung am Schreibtisch, ganz nebenbei

Foto: manager magazin

Am Schreibtisch auf Fahrradtour: Wer lieber radelt, statt zu laufen, ist mit einem Deskbike gut bedient. Ergonomisch ist das allerdings nicht ganz so wertvoll, weil man letztlich immer noch sitzt - aber immerhin bekommt man so Bewegung integriert. Einen Bürostuhl kann auch dieses Gerät nicht ersetzen (zum ausführlichen Test geht es hier), aber grundsätzlich ist alles, was Bewegung in den Arbeitsalltag bringt, erst einmal eine gute Sache. Das Tischfahrrad ist leise, einfach zu bedienen und dank seiner Rollen auch selbst mobil.

Das kostet es: um die 270 Euro ohne Tisch (wenn man selbst einen höhenverstellbaren Schreibtisch hat, kann man das Tischfahrrad einfach davor rollen), rund 390 Euro mit integriertem Tisch.

Das bringt es: Spaß und die belustigte Anerkennung der Kollegen. Für lange Arbeitstage eine Wohltat für ein kleines Bewegungsplus zwischendurch.

Pimp my Chair: Sitzsensor

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Sitzsensor von Garmin: So funktioniert der smarte Bürostuhl

Foto: Interstuhl

Nicht jedem Arbeitgeber ist zu vermitteln, dass man ohne Sitzheizung einfach nicht gut arbeiten kann oder dass ohne patentierte Swing-Mechanik der Arbeitstag schon im Eimer ist, bevor er überhaupt begonnen hat. Aber da geht trotzdem was: Wer aus einem bestehenden Möbel das Maximum herausholen will, kann es aufrüsten. Etwa mit einem Sitzsensor (hier geht es zum ausführlichen Test) – das bonbongroße Gerät wird unter den Stuhl geklebt und misst, wie dynamisch das Sitzverhalten ist; die dazugehörige App versorgt den Nutzer mit Übungen und freundlichen Aufforderungen, jetzt auch mal wieder aufzustehen oder die Position zu wechseln. Eine technische Spielerei, aber eine fundierte, die deutlich mehr Spaß macht als ein Timer – und die zeigt, wie eingefahren die eigenen Sitzgewohnheiten sind, wenn man nicht darauf achtet.

Das kostet es: knapp 70 Euro

Das bringt es: Wenn man den Sitzsensor aktiviert lässt, wird es zur täglichen sportlichen Herausforderung, seine Sitzqualität von Tag zu Tag zu verbessern, aktiver die Haltung zu wechseln und öfter mal aufzustehen. Eine gute Sache. Es geht natürlich auch ohne – dann muss man halt selbst dran denken.

Das können Sie selbst tun - ohne etwas zu kaufen

"Für Schreibtischarbeit gibt es drei wichtige Faktoren", sagt der Arbeitsplatzexperte Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: "Ein vernünftiger und gut eingestellter Stuhl, ein möglichst höhenverstellbarer Tisch und, wenn möglich, eine Dockingstation mit gutem Bildschirm. Die Kombination von Laptop und schlechter Beleuchtung kann zu schlechter Körperhaltung und damit zu Verspannungen führen."

Wer die richtige Ausstattung hat, muss sie aber auch nutzen. "Leider wird der Schwingmechanismus der Rückenlehne von vielen blockiert - mit dem Feststellen der Kippautomatik wird das dynamische Sitzen aber unmöglich." Feldmann empfiehlt: "Einen qualitativ guten Stuhl bekommt man so ab 300 Euro. Probesitzen ist wichtig - schließlich verbringt man sehr viel Zeit auf diesem Möbel. Die Sitzgewohnheiten sind sehr unterschiedlich, und nicht jeder Stuhl passt für jeden Mitarbeiter. Größere Arbeitgeber sollten deshalb zwei oder drei verschiedene Modelle im Angebot haben und die Angestellten Probesitzen lassen."

Das Wichtigste allerdings: Egal wie gut der Arbeitsplatz ausgestattet ist – entscheidend ist das eigene Verhalten. "Wir brauchen Arbeitsformen, in denen wir uns mehr bewegen. Drucker sollten zentral stehen, Papierkörbe nicht direkt unter dem Schreibtisch. Wir brauchen neue Organisations- und Arbeitsprozesse, die ein "Mehr" an Bewegung zulassen – produktives Arbeiten findet nicht nur im Sitzen statt", sagt Sitzexpertin Birgit Sperlich. "Wir empfehlen, spätestens alle dreißig Minuten aufzustehen und sich ein wenig zu bewegen."

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