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30. Juli 2011, 11:30 Uhr

"Bufdis" verzweifelt gesucht

Der Zivi geht, die Arbeit bleibt

Aus Zivis werden "Bufdis", das war der Plan für den Bundesfreiwilligendienst. Einen Monat nach der Einführung zeigt sich: Der Start ist gründlich verkorkst. Abiturienten kennen das neue Angebot kaum, die Bewerberzahlen sind im Keller. Politik und Verbände streiten sich jetzt munter, wer schuld ist.

"Nichts ist erfüllender, als gebraucht zu werden", mit diesem Slogan wirbt das Familienministerium schon seit einiger Zeit für den neuen Bundesfreiwilligendienst. Nur: Kaum einer meldet sich.

Die Freiwilligen - auch "Bufdis" oder BDF-ler genannt - sollten eigentlich die Zivildienstleistenden ablösen, die mit der Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli Geschichte sind. Deren Verträge laufen nun aus, doch die Arbeit bleibt liegen. Händeringend suchen die Verbände nach freiwilligen Ersatzkräften, die es aber nicht gibt.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) etwa beschäftigt derzeit bundesweit rund 40 Bundesfreiwillige, weitere 40 haben vertraglich zugesagt. Die Zahl der Zivis hatte beim ASB zuletzt bei über 1000 gelegen. Die Lücke ist riesengroß. Nicht anders beim Malteser Hilfsdienst: Der zählt etwas mehr als 200 Bundesfreiwillige, zuletzt waren dort etwa 1200 Zivis im Einsatz. Bei der Johanniter Unfall-Hilfe wurden bislang rund 170 BFD-Verträge abgeschlossen. Platz wäre für bis zu 1000 Freiwillige.

"Bufdi" klingt doch wie "Mufti", lästern böse Zungen

Womöglich hat es sich einfach noch nicht herumgesprochen, worum es eigentlich geht beim neuen Bundesfreiwilligendienst. Die Kampagne, um ihn bekannt zu machen, startete spät, das Wort ist sperrig, der Inhalt unklar. "Bufdi" klingt doch wie "Mufti" oder "Grufti", lästern böse Zungen. Dass sich das Angebot an Schulabgänger ebenso wie an Senioren richtet, dass es mit maximal 330 Euro Taschengeld vergütet wird, plus Verpflegung und Unterkunft obendrauf - wer weiß das schon?

Nach wie vor populär ist hingegen das besser bekannte und inhaltlich weitgehend identische Freiwillige Soziale Jahr. Das FSJ ist allerdings nur jungen Menschen zugänglich, der BFD allen. Beim FSJ ist die Nachfrage sogar größer als das Angebot: Bundesweit kommen derzeit rund 60.000 Bewerber auf 35.000 FSJ-Plätze. Für die ebenfalls 35.000 BFD-Plätze gab es zum Start im Juli nur 17.300 Freiwillige - und den Großteil machten Zivis aus, die ihren Dienst freiwillig verlängerten.

Die Zahlen zeugen von einem schwierigen Beginn. "Wir hätten uns gewünscht, dass es noch mehr Interesse gegeben hätte", sagt Johanniter-Sprecher Patrick Schultheis. Zum Ziel des Familienministeriums, 35.000 Bundesfreiwillige anzuwerben, sagt er: "Da bin ich skeptisch."

Doris Siebold, die sich als Referatsleiterin beim Arbeiter-Samariter-Bund um Freiwillige kümmert, weist darauf hin, "dass der neue Dienst Zeit braucht, um sich zu etablieren und um ein eigenes Profil zu entwickeln". Sprecher Klaus Walraf von den Maltesern hofft auf das Interesse der jüngsten Schulabgänger: "Nach dem Abi müssen die Leute erst mal durchschnaufen, jetzt melden sie sich."

Der Schwarze Peter wandert reihum

Es ist ein Stolperstart - Politik und Verbände schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Der Ton ist gereizt, eine Telefonkonferenz zwischen Familienministerium und Verbänden mündete kürzlich in Schuldzuweisungen. Das Ministerium habe Testanrufe bei den Verbänden machen lassen und die Ergebnisse als "erschreckend" bewertet, heißt es bei den Samaritern. Die Stellen, so der Vorwurf aus Berlin, hätten fast ausschließlich für das Freiwillige Soziale Jahr geworben und nicht für den Bundesfreiwilligendienst.

Seit einigen Tagen fühlen sich die Verbände vom Familienministerium zusätzlich unter Druck gesetzt. Um den Freiwilligendienst zu fördern, will das Ministerium Zuschüsse für das FSJ nur noch gewähren, wenn auf drei FSJ-Plätze mindestens zwei BFD-Plätze kommen. Die Verbände fühlen sich überrumpelt. Der Paritätische Wohlfahrtsverband in Bayern etwa müsste nach eigenen Angaben nun die Zahl der "Bufdis" innerhalb kurzer Zeit von 35 auf 400 steigern, um die Zuschüsse für die rund 600 FSJ-Leistenden zu behalten.

"Die Bundesregierung tut derzeit einiges dafür, dass der Bundesfreiwilligendienst scheitert", kritisiert Margit Berndl vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. "Sie reißt dabei auch das beliebte freiwillige Jahr in den Abgrund." Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) kritisierte den Schritt des CDU-geführten Bundesfamilienministeriums als "absolut unverständlich". Es setze die Einsatzstellen unter Druck.

Das Ministerium in Berlin weist die Vorwürfe zurück. Eine Sprecherin sagte, dass es für die einzelnen Bewerber ohnehin "keinen Unterschied" mache, ob sie ein FSJ oder einen BFD absolvierten: "Wer also möchte, dass jede Freiwillige und jeder Freiwillige auch einen Platz bekommen, der muss sich darum kümmern, dass beide Dienste ausgewogen besetzt werden."

mah/AFP

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