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24-Stunden-Kitas Nachtschicht im Kindergarten

Wer bringt die Kinder ins Bett, wenn ihre Eltern nachts arbeiten müssen? Das Familienministerium will jetzt Kitas massiv fördern, die Rund-um-die-Uhr-Betreuung anbieten. Schweriner Kindergärten gelingt das bereits gut.
Schweriner Kita: Erst mal vorlesen - und dann gute Nacht, John-Boy

Schweriner Kita: Erst mal vorlesen - und dann gute Nacht, John-Boy

Foto: Jens B¸ttner/ picture alliance / dpa

Malte, sechs Monate alt, macht schon mal ein Nickerchen. Das Baby ist das jüngste Kind in der zweiten Schweriner 24-Stunden-Kita. Und während Malte selig schlummert, arbeiten seine Eltern - auf Schicht. Nidulus - Nestchen - heißt die Einrichtung, die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) im vergangenen Jahr feierlich eröffnete. Bisher ist sie eine von wenigen Kitas in Deutschland, die auch nachts geöffnet haben. Doch das soll sich bald ändern.

Mit 100 Millionen Euro sollen von 2016 bis 2018 insgesamt 300 weitere Projekte gefördert werden, kündigte das Bundesfamilienministerium am Wochenende an. Ab Herbst könnten sich Kita-Träger im "Interessenbekundungsverfahren" um Geld aus dem Fördertopf bemühen; schon jetzt gebe es etliche Anfragen, sagte eine Ministeriumssprecherin.

Die erste Rund-um-die-Uhr-Einrichtung öffnete bereits vor sechs Jahren in Schwerin. Der Bedarf war so groß, dass 2014 die zweite folgte: Nidulus duo. Zusammen bieten die Häuser über 133 Plätze für Babys, Klein- und Vorschulkinder an. "Wir sind so gut wie ausgelastet", sagt Geschäftsführerin Anke Preuß. Ein drittes Angebot für Schichtarbeiterfamilien ist geplant.

Video: Cooles Konzept oder Kinderabschiebung? - Die 24-Stunden-Kita

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Kindergarten mit Stechuhr

Bundesweit gibt es nur wenige Kitas, die auch dann geöffnet haben, wenn andere Feierabend haben, die meisten in privater Initiative. Doch weil Personalkosten und Mieten hoch sind, mussten einige wegen finanzieller Engpässe ihre Öffnungszeiten wieder reduzieren. Anderswo wird das Angebot von Familien nicht angenommen. In Berlin etwa musste jüngst eine Kita schließen, weil es an Kindern fehlte.

Dabei nimmt die Zahl der Menschen zu, die am Tag schlafen und nachts arbeiten, ob Ärztinnen, Krankenschwestern oder Rettungssanitäter, Busfahrerinnen, Kellner oder Köche. Auch in Schwerin steigt der Bedarf an professioneller Kinderbetreuung in Randzeiten. Von 96.000 Einwohnern arbeiten dort schätzungsweise 22.000 in der Nacht. Eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung sei zwar teurer als eine Regel-Kita, weil die Gruppen nachts und an Wochenenden kleiner seien, erklärt Preuß. Aber für Eltern rechneten sich die Gebühren zwischen 120 bis 150 Euro pro Monat trotzdem - nur so könnten viele überhaupt Vollzeit arbeiten.

Um das besondere Kita-Angebot für 365 Tage und Nächte im Jahr nutzen zu dürfen, müssen Eltern jeden Monat einen Arbeitszeitnachweis vorlegen. Und es gibt "Stechuhren" für Kids: Jedes Kind darf pro Werktag nur zehn Stunden eine Kita besuchen. Daher werden mit einem Daten-Transponder alle Betreuungszeiten exakt erfasst, erklärt Katrin Köhler von der Kita Nidulus duo.

"Die Kids sind ganz unbefangen"

Pro Monat gibt es ein Kontingent von etwa 200 Kita-Stunden, plus pauschal 30 Stunden für Übernachtungen. "Feste Zeiten, genaue Absprachen sind in einer 24-Stunden-Kita extrem wichtig", sagt Köhler. Strikte Regeln im ansonsten eher unkonventionellen Tagesablauf dienten letztlich dem Kindeswohl, so Köhler.

Erzieherin Janina Stadler lobt das enge Verhältnis zu Kindern und Eltern. Das Betreuungsangebot helfe allen, die "ihre Arbeitszeiten nicht mit einem Regelkindergarten vereinbaren können - sie haben trotzdem den Kopf frei für ihren Job". Die Kinder und Eltern finden hier begehrte Betreuungsplätze mit Ganztagskonzept und Vollverpflegung.

Die familiäre Atmosphäre komme dabei nicht zu kurz, sagt Katrin Köhler. Bewusst seien für Übernachtungen Extra-Schlafräume eingerichtet worden; für den Aufenthalt am Wochenende gebe es ein gesondertes Familienspielzimmer sowie ein Kinderrestaurant für alle zusammen. Die Kinder selbst hätten ohnehin die geringsten Probleme mit der Betreuung in "Schichten": "Die Kids gehen ganz unbefangen damit um, sie wachsen ja so auf."

Die CSU-Spitze kritisierte "staatlich verordnete 24-Stunden-Kitas"; in der Unionsbundestagsfraktion dagegen war das Echo positiv. "Wir brauchen auch Angebote für Eltern, die im Schichtdienst arbeiten müssen und keine andere Betreuungsmöglichkeit haben", sagte Nadine Schön, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU. Bedarf bestehe vor allem am frühen Morgen und am späten Abend. Auch Franziska Brantner, familienpolitische Sprecherin der Grünen, hält die Pläne für sinnvoll: Kein Kind werde für "24 Stunden in einer dieser Einrichtungen sein". Aber eine alleinerziehende Mutter im Schichtdienst im Krankenhaus habe es sonst schwer.

Grit Büttner, dpa/afp/sid