Profifußballer - und dann? Und plötzlich brauchst du einen neuen Lebensentwurf

Wer sein Geld in der Bundesliga verdient, muss sich spätestens mit Mitte 30 einen Beruf fürs Leben danach suchen. Drei ehemalige Profis erzählen, wie es nach dem Fußball weiterging.

DPA

Das alte Leben von Tobias Rau ist in Borgholzhausen sehr weit weg. Früher spielte er in der ersten Liga für den FC Bayern München, für Wolfsburg und Bielefeld. Mit den Bayern wurde er deutscher Meister und Pokalsieger, er kickte in der Champions League und absolvierte sieben Spiele mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Heute unterrichtet er Sport und Biologie an einer Gesamtschule.

Rau beendete seine Profikarriere 2009, im besten Fußballeralter, mit 27 Jahren. Obwohl er fit war wie selten.

"Das Fußballgeschäft", sagte er damals, "ist ein Monatsgeschäft. Fast sogar ein Wochengeschäft. Es geht ratzfatz, dann fliegst du aus deinem Verein. Da habe ich einen anderen Lebensentwurf."

Und der heißt Lehramt. Mittlerweile ist Rau 35, verheiratet und Referendar. "Die wichtigsten Sachen, die für mich hier zählen, sind nicht aus der Fußballwelt", sagt er. "Im Fußball steht der Erfolg über allem. Man muss funktionieren, es wird über Leichen gegangen." Heute sei seine Arbeit zwar nicht mehr so aufregend, doch sein Leben sei spaßiger. "Hier in der Schule ist es einfach ein totales Miteinander, und man hilft sich gegenseitig."

Im Profifußball gelten Sportler schon mit Mitte 30 als alt. Rennen, schießen, grätschen, darin sind sie den Vereinen zu langsam. Sie müssen eine neue Rolle im Leben finden.

"Je länger diese Menschen in der Branche waren, desto eher wollen sie auch ein Teil davon bleiben", sagt Sportmanagement-Professor Dirk Mazurkiewicz von der Hochschule Koblenz. Hoch im Kurs stehen Jobs als Trainer, Manager oder TV-Experte. Aber davon gibt es weniger als Ex-Profis. Und nach einer Untersuchung, die Mazurkiewicz mit der Fußballergewerkschaft VdV erstellt hat, bereiten sich zwei Drittel der Spieler nicht zielgerichtet auf einen Job nach der Karriere vor.

Klar, viele müssen das auch nicht. Wer zehn Jahre in der Ersten Bundesliga gespielt hat, dürfte mindestens einen mittleren einstelligen Millionenbetrag verdient haben, schätzt Mazurkiewicz.

Doch das Karriereende ist auch für Menschen, die ausgesorgt haben, nicht immer leicht zu verkraften. Es bedeutet einen Bruch in der Biografie, wie andere ihn kennen nach einer Krankheit, einem Unfall oder bei plötzlicher Arbeitslosigkeit. Carsten Ramelow vergleicht die Erfahrung mit einem Kinobesuch: "Der Film ist aus, und du kommst raus aus dem Kino. Keiner erkennt dich mehr."

Carsten Ramelow
DPA

Carsten Ramelow

Ramelow absolvierte 333 Erstligapartien und 46 Einsätze für Deutschland in der Nationalelf, mehr als ein Jahrzehnt spielte er in der Bundesliga für Bayer Leverkusen. Konkrete Gespräche über die Zeit danach gab es nicht. Das ist häufig so: Die Gewerkschaft VdV fordert deshalb von den Profiklubs, ihrer Fürsorgepflicht stärker nachzukommen.

Immerhin gab Leverkusen Ramelow einen vierjährigen Anschlussvertrag - aber kaum Aufgaben. In seinem neuen Leben ist er nun Teilhaber mehrerer Eventfirmen in Hürth, einem Vorort von Köln. Er kümmert sich um Strategie und Personalführung. Zudem vermittelt er Leuchtwerbung an Flughäfen und in Einkaufszentren an Unternehmen und verkauft VIP-Karten für Konzerte und Sportveranstaltungen. Manchmal begleitet er auch Kunden zu Events: "Wenn die Leute fußballinteressiert sind, und da ist der alte Hase dabei, der ein bisschen was erzählen kann, dann ist das für beide Seiten eine ganz nette Atmosphäre."

Fußballer-Namen sind teilweise Marken, sie lösen ein Gefühl von Kennen aus, eine Erinnerung. Christian Mikolajczak ist nicht so ein Name. Dabei war er länger als Tobias Rau im Geschäft.

Christian Mikolajczak
DPA

Christian Mikolajczak

Die beiden spielten zusammen in der Junioren-Nationalmannschaft. 2001 wäre Mikolajczak fast mit dem FC Schalke 04Deutscher Meister geworden. Doch nach seinem ersten Profijahr bei Schalke ging er zu Provinzklubs wie Ahlen in Westfalen, Aue im Erzgebirge, nach Kiel und Spiesen-Elversberg. Seine Reise endete mit 30. Neue Verträge kamen nicht mehr. Ab diesem Moment machte er sich Gedanken über seine Zukunft.

Mittlerweile lebt Mikolajczak, 36, wieder im Ruhrgebiet, seiner Heimat, und arbeitet in Oberhausen als Feuerwehrmann. Er findet, dass sein altes und sein neues Leben sich ähneln: "Im Endeffekt ist man auch in einem Team zusammen. Man trainiert verschiedene Szenarien, und wenn man rausgeht, muss man funktionieren."

Er hat eine Ausbildung zum Rettungsassistenten und zum Brandmeister gemacht. Nun will er Beamter auf Lebenszeit werden.

"Ich habe einen sicheren Job, und ich habe ein geregeltes Leben. Ich lebe nicht mehr aus dem Koffer", sagt Mikolajczak. "Das hier ist das wahre Leben."

Nikolai Huland/dpa/koe/vet

insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
McMuffin 07.08.2017
1. Ein Luxusproblem
"Wer sein Geld in der Bundesliga verdient", wie es so schön im Vorspann heißt, müsste sich eigentlich nach seiner Karriere keine Sorgen machen. Ein normaler Arbeitnehmer verdient in seinem Leben ein bis zwei Millionen Euro. Das schafft selbst ein Ersatzspieler in der Bundesliga in zwei bis drei Jahren, bei Nationalspielern dürfte es maximal ein halbes Jahr dauern. Selbst in der zweiten Liga soll das Durchschnittsgehalt noch bei 450.000 Euro liegen. Klar leiden viele Spieler unter dem Boris-Becker-Syndrom und schaffen es, ihr Geld in kürzester Zeit durchzubringen. Denen hilft nach der Karriere aber auch ein Job als Lehrer oder Feuerwehrmann nicht, ihren Lebensstandard zu halten. Ein echtes Problem ist das doch eher für die Sportler aus Sportarten, in denen weniger Geld fließt. Da reichen Gehalt, Sponsorengelder und staatliche Förderung häufig gerade mal so zum (über-)leben. Die brauchen nach ihrer Karriere einen Neuanfang um über die Runden zu kommen und nicht, um die Zeit totzuschlagen.
gruenertee 07.08.2017
2.
Die Gehälter im Fußball sind lächerlich. Dann kommen noch Sponsoringverträge, Werbeverträge u.ä. und schon verdient man im Jahr, mehr wie der Durchschnittsdeutsche in seinem gesamten Leben. Die Experten ziehen dann noch in die Schweiz, weil die deutsche Gesellschaft - die das erst ermöglicht - so unerträglich viel Steuern verlangt.
troy_mcclure 07.08.2017
3.
Ich stelle es mir für solche Leute wirklich schwer vor, nach der Karriere die Kurve zu kriegen, da sie in aller Regel völlig unselbständig sind, da ihnen bis dahin (erst durch das Elternhaus, dann durch die Vereine) vermutlich alles, was mit dem wahren Leben zu tun hat, abgenommen wurde, wie bspw. - Sich irgendwo anmelden - Papiere oder sonstige Dinge beantragen Da kann es schon eine Weile dauern, bis man sein Leben umgestellt hat oder man lebt weiter in der Blase und bezahlt Berater und Claqueure, die einem alles abnehmen (bei nicht mehr gleichem gehalt wie zu aktiven Zeiten).
mol1969 07.08.2017
4.
Ich kenne Gutverdiener mit ca. 5000 bis 6000 EUR Nettomonatsgehalt, die mit ihrem Geld nicht auskommen. Ich kenne auch Niedrigverdiener mit 1300 EUR netto, die damit klarkommen und zufrieden sind. Es gibt natürlich eine Untergrenze (bei 1300 EUR wird diese langsam erreicht), aber abgesehen davon ist das in erster Linie eine Einstellungssache. Brauche ich ein großes Haus oder bin ich auch mit einer Mietwohnung zufrieden? Lachen mich meine Freunde bzw. Kollegen aus, wenn ich mit einem Dacia vorfahre oder ist mir das egal? Wenn ich morgen auch nur eine Million EUR im Lotto gewinnen würde, eine Summe, die ein Profifussballer in kurzer Zeit erreicht hat, würde ich sofort aufhören, zu arbeiten und würde meine freie Zeit lieber mit meinen Hobbies füllen. Klar könnte ich mir dann keinen Ferrari leisten und würde weiter in meiner 3-Zimmer-Wohnung leben, aber genau das ist ja die Einstellungssache. Wenn ich natürlich Wert auf ein gewisses Auftreten lege, dann ist eine Million in wenigen Jahren ausgegeben.
lynx999 07.08.2017
5. Große Diskrepanz
zwischen erster Liga und den Ligen darunter. Ganz oben wird mit viel Geld um sich geworfen. Das ist aber ein elitärer Kreis von rund 400 Spielern, welche ein sattes Gehalt haben. Diesem elitärem Zirkel gehören die allerwenigsten aber auch langfristig an. Viele Spieler sind in der 3. Liga, haben ein Jahr 2. Liga und der Rest dann Regional oder Oberliga vorzuweisen. Das Gehalt 2. und 3. Liga ist zwar auch sehr stattlich - reicht aber nicht bis zur Rente. Schon gar nicht wenn man das Geld im Alter von 21 Jahren verdient und dann meint entsprechend drauf hauen zu müssen usw. Ohne Plan B sollte eigentlich kein Fußballer seinem Traum nachgehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.