Jüngste Abgeordnete im Bundestag Rücken gerade. Und immer lächeln

Ronja Kemmer kam als 25-Jährige für die CDU in den Bundestag. Sie ist derzeit die jüngste Abgeordnete im Parlament. Was macht das mit ihr?

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"Wir haben Zeit", sagt Ronja Kemmer zur Mitarbeiterin des Roten Kreuzes, die ihr gerade 500 Milliliter Blut abgenommen und sie gebeten hat, sich noch ein bisschen auszuruhen. Es ist eine Lüge. Eine nette Lüge.

Ronja Kemmer, 28 Jahre, jüngste Abgeordnete des Deutschen Bundestags, hat keine Zeit. Es ist Donnerstagvormittag in Berlin, letzte Sitzungswoche, und es stehen mehr Termine an, als sie schaffen kann.

Trotzdem bleibt Kemmer für einige Augenblicke auf der Liege im Blutspendezelt vor dem Reichstag sitzen. Sie lächelt auf die Frage, ob alles in Ordnung sei, erkundigt sich, wie lange die Aktion noch läuft, wünscht der Rot-Kreuz-Mitarbeiterin alles Gute.

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Jüngste Abgeordnete: Blut spenden für die Union

Es gehört zum Job der CDU-Politikerin, sich nicht anmerken zu lassen, wie eng getaktet ihr Tag ist. "Man muss sich ein paar Minuten nehmen und Prioritäten setzen", sagt Kemmer. Sie kennt das aus ihrem schwäbischen Wahlkreis. Wenn sie dort unterwegs ist, sollen die Menschen spüren, dass sie sich für ihre Belange interessiert, egal worum es geht.

Doch mehr als ein paar Minuten sind selten drin, zumal in Berlin. Hier zählen Ausschüsse, Allianzen, Mehrheiten und vor allem der Status: MdB (Mitglied des Bundestags) oder Besucher oder Presse. Daran misst sich, durch welche Türen man gehen und wann und wie lange man im Plenum reden darf und ob überhaupt.

Der Plenarsaal schluckt jedes Wort

Ronja Kemmer ist hier das Nesthäkchen, Jahrgang 1989, mit zwei Jahren Abstand das jüngste MdB. Seit Dezember 2014 sitzt sie im Bundestag. Sie studierte noch VWL, als sie für den verstorbenen Andreas Schockenhoff nachrückte. Den Master beendete sie nebenbei.

Was haben die vergangenen zweieinhalb Jahre mit ihr gemacht?

Es ist halb zwölf, im Plenum wettert die SPD gegen Kavaliersdelikte, Geschwindigkeitsrausch und "Spinner auf unseren Straßen". Kemmer ist in ihren blauen Sitz geschmolzen und schaut meistens auf ihr Handy. Wenn sie klatscht, spannt sie die Muskeln ihrer Hände kaum an. Wenn sie abstimmt, hebt sie den Arm nur halbhoch. Wenn sie mit ihrem Nachbarn tuschelt, schluckt der Plenarsaal verlässlich jedes Wort.

Ronja Kemmer würde kaum zugeben, wenn sie eine Debatte langweilt. "Jeder hier versucht, jeden Tag hundert Prozent zu geben", sagt sie mit leichtem schwäbischen Akzent. Gewisse Sachen seien zur Routine geworden, das schon. Aber: "Im Plenum dabei zu sein, bleibt eine Ehre. Das stimmt für jeden von uns."

Sie zieht sich jeden Tag "förmlich" an, aus "Respekt dem Hohen Haus gegenüber". Ansonsten denke sie über ihre Garderobe nicht viel nach. Es mag Zufall sein, aber was sie an diesem Donnerstag trägt, kaschiert ihre Jugend: ein dunkelblaues, kurzes Kleid, dessen Saum und Kragen kleine goldene Perlen zieren, und eine Damenhandtasche in Altrosa mit Riemen aus rotgoldenem Metall.

"Wie unterschiedlich und facettenreich das Leben ist"

Es lässt sich nur schwer herausfinden, wie es Kemmer geht, weil sie das Gespräch gern von sich auf andere lenkt. Ja, sie verbringe wenig Zeit mit ihrem Mann zu Hause in Erbach bei Ulm - aber das gelte für alle Berufe, in denen man viel unterwegs sei. Ja, man müsse sich vielleicht ein Stück mehr beweisen als junge Frau unter so vielen älteren Abgeordneten - aber das sei in jedem Job so, wenn man neu sei.

Im Gespräch greift sie gern auf den floskelhaften Politikerjargon zurück: "Ich sehe mein Alter eher als Chance, um Aufmerksamkeit zu bekommen und Themen zu platzieren", sagt Kemmer. Das wirkt nicht besonders authentisch, aber vielleicht ist das mitten im Berliner Politikzirkus zu viel verlangt. Der Schlagabtausch sei hier hart, sagt Kemmer.

Sie sitzt im Ausschuss für Angelegenheiten der Europäischen Union und engagiert sich in der Deutsch-Italienischen und Deutsch-Ukrainischen Parlamentariergruppe.

Kemmer hat in Italien studiert, Europa ist ihr wichtig. Ihr sehr konservativer Wahlkreis liegt in Ulm. Vor ihr hielt ihn fast zehn Jahre lang die frühere Bildungsministerin Annette Schavan und einst zwanzig Jahre lang der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard.

Kemmer hat noch wenig politische Erfahrung, sie trat 2009 in die Junge Union und 2010 in die CDU ein und war zwei Jahre Landeschefin der konservativen Studentengruppe RCDS. Nun setzt sie sich zu Hause für die B10-Umfahrung von Amstetten ein und für die B28-Ortsumfahrung in Gerhausen. "Ich habe gelernt, wie unterschiedlich und facettenreich das Leben ist", sagt Kemmer.

Manchmal lässt sich doch erahnen, wie viel sie aushalten muss, und wie zäh sie sein kann. Als sie erst ein gutes halbes Jahr im Bundestag saß, stimmte Kemmer gegen das dritte Hilfspaket für Griechenland, weil sie der dortigen Regierung ihren Reformwillen nicht abnahm - damit stellte sie sich gegen die eigene Kanzlerin und den Finanzminister.

Anfangs oft zu schnell gesprochen

"Manchmal ist es kurzfristig eher von Nachteil, gegen die Mehrheitsmeinung zu sein", sagt Kemmer darüber heute. "Das stößt bei der Fraktionsführung nicht auf Freude." Aber sie stecke Meinungsverschiedenheiten inzwischen besser weg. "Ein Fähnchen im Wind hat den Sturm selten überlebt."

Sie habe auch mal Fehler gemacht, habe anfangs oft zu schnell gesprochen und sich in Reden mal verhaspelt, sagt Kemmer. Doch ihre Büromitarbeiter schauten sich die Übertragung ihrer Plenumsauftritte an und gäben ihr danach ein Feedback. "Nächstes Mal macht man es dann halt besser."

Sie weiß inzwischen auch sehr gut, wie sie fotografiert werden will: Den Kopf leicht geneigt, die Hände zusammengelegt, den Rücken gerade, das Lächeln freundlich verhalten.

Ronja Kemmer im Juli 2015 in Berlin
DPA

Ronja Kemmer im Juli 2015 in Berlin

In den mehr als 20 Sitzungswochen pro Jahr hat Kemmer mindestens 70 Stunden in der Woche gearbeitet und täglich etwa 300 E-Mails bekommen. Zeit für Stadtbummel oder Sport hatte sie selten, richtig wohl hat sie sich in Berlin nie gefühlt. "Man findet sich hier zurecht, aber Heimat ist Heimat." Zu Hause sei sie für ihre Freunde immer noch "die Ronja", sagt sie.

Kemmer will sich künftig ein bisschen mehr Zeit für ihren Mann und ihre Familie in der Heimat nehmen, wo sie in Jogginghose auf dem Balkon sitzen kann. Man sei zwar über einen langen Zeitraum belastbar, aber irgendwann müsse man auch mal alles verarbeiten.

Als Langzeit-Berufspolitikerin sieht sich Kemmer nicht, das wäre vermessen. Das Mandat werde schließlich nur für eine Legislaturperiode vergeben, so die Politikerin. Ihr sei es wichtig, den Anschluss an das Leben außerhalb der Politik nicht zu verlieren.

Im Herbst will sie aber erneut zur Wahl antreten, als Direktkandidatin für ihren Wahlkreis. Dass sie, wenn sie gewinnt, in der nächsten Legislaturperiode weniger zu tun haben wird, glaubt sie selbst nicht so recht. Zumindest die Anfragen von Kindersendern und -magazinen dürften sich erledigt haben, wenn sie die Rolle der jüngsten Abgeordneten abgibt.

Das mag Ronja Kemmer erleichtern. Zugeben würde sie das wahrscheinlich nicht.


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Seite 1
charlybird 26.07.2017
1. Da schluckt
man schon als Pensionär. So jung und politisch schon so alt. Was ist da bloß falsch gelaufen ? :-)
Freidenker10 26.07.2017
2.
Ich würde dieses ganze Theater keine Woche aushalten. Schon allein diesen Kauder in den Fraktionssitzungen zu erleben muss einen an die Grenzen des erträglichen führen. Und von Unabhängigkeit der Abgeordneten kann ja auch keine Rede sein, hier gilt nur der Fraktionszwang! !0 Jahre Hinterbänkler, dann nochmal 10 Jahre iregndwelche unwichtigen Ausschüsse und wenn man dann noch da ist, hat man vielleicht die Chance wirklich mal was zu reissen... Jeder Mensch der sein leben authentisch führen möchte, ist in der Politik total fehl am Platz!
siplac 26.07.2017
3.
Vermutlich arbeitet Frau Kemmer viel. So wie die meisten MdB. Doch als Mitglied der größten Koalitionsfraktion hält sich alles in einem sehr überschaubaren Rahmen. Sehr begrenzte thematische Zuständigkeiten, keine Anfragen an die Bundesregierung, keine Anträge. Das genaue Gegenteil von kleinen Oppositionsfraktionen. Ich wäre dafür, die Aufwandsentschädigung entsprechend flexibel zu gestalten. Bei allem Respekt vor Frau Kemmer, sie "verdient" nicht das gleiche wie andere Abgeordnete.
roenga 26.07.2017
4. Was macht das mit ihr?
Eine privilegierte, gut verdienende junge Frau die sich um ihre berufliche Zukunft wenig Sorgen machen muss, da sie mit den Beziehungen, die sie im Bundestag aufbauen kann dass ideale Sprungbrett für eine berufliche Zukunft außerhalb der Politik hat. Außerdem erwirbt sie schon nach einer Legislaturperiode einen Rentenanspruch, von dem der Normalverdiener nur träumen kann. Etwas weniger Mitleid also bitte, denn es wird niemand gezwungen, ein (für die CDU sicheres) Bundestagsmandat anzunehmen.
Bernhard.R 26.07.2017
5. Eine Ehre, im Plenum dabei zu sein
Meist darf sie nämlich nicht. Sie wird von ihrer Fraktion daran gehindert. Der Parität wegen. Deshalb sieht der Bundestag meist so leer aus, trotz geschickter Kameraführung. Haben die keine Angst, daß eines Tages jemand kommt und die paar Hanseln auch noch nach Hause schickt?
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