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Bernd Slaghuis

Tipps vom Karrierecoach Wenn die Kantine zur Wahlarena wird

Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Ole fragt sich: Taugt der Wahlkampf als Mittagspausenthema oder sollte er in der Kantine die Kanzlerfrage lieber auf sich beruhen lassen? Unser Coach hat eine klare Meinung.
Sagt mal, wen hättet ihr gern in der Regierung?

Sagt mal, wen hättet ihr gern in der Regierung?

Foto: Maskot . / Getty Images/Maskot

Ole, 51, fragt: »Ich bin Hamburger und arbeite seit zwei Jahren in Düsseldorf. Wir reden im Kollegenkreis immer wieder über die Bundestagswahl, ich bin Team Scholz, die Kollegen lieben ihren Landesvater Laschet – und wir geraten teilweise in hitzige Diskussionen. Irgendwie ist mir das unangenehm und ich habe das Gefühl, dass hier eine Grenze überschritten wird. Aber andererseits: Die Wahl ist DAS Thema gerade und wenn man darüber nicht beim Mittagessen spricht – worüber sonst?«

Zum Autor

Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro  mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel«  und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort Bernd Slaghuis 

Lieber Ole,

viele warnen davor, mit Kollegen über allzu Privates, geschweige denn über Themen aus Politik und Gesellschaft oder gar Krankheiten zu sprechen. Dies alles habe im Job nichts zu suchen und könne die Karriere gefährden. Ich sehe es anders und bin der Meinung, dass in unserer heutigen Arbeitswelt für alle Themen Platz ist, die Menschen auch in ihrem beruflichen Umfeld bewegen.

Sie sollten sich der möglichen Konsequenzen bewusst sein, wenn Sie Ihr Wahlgeheimnis publik machen, doch solange Sie es für sich vertreten können und mit Ihrer Meinung niemanden persönlich verletzen, ist doch alles in Ordnung.

Kantinengespräche sind kein Kündigungsgrund

Die Zeiten sind spätestens seit Twitter, LinkedIn und Co. vorbei, in denen nur privat hinter verschlossenen Türen über gesellschaftspolitische Themen diskutiert werden durfte. Es ist heute für jeden und jede normal, auf etlichen Kanälen, online wie im echten Leben, die eigene Meinung frei zu äußern. Warum sollten wir also alle nicht beruflichen Themen morgens mit dem Einchecken in den Job verbannen und sie uns erst zum Feierabend wieder erlauben?

Und mal ehrlich: Wer glaubt, dass seine Karriere gefährdet ist, wenn am Mittagstisch über die Coronapolitik, den Klimaschutz oder die Körpersprache der Kanzlerkandidaten im letzten TV-Triell gesprochen wird, der sollte sich darüber Gedanken machen, was bei diesem Arbeitgeber nicht stimmt. Mir ist bisher niemand begegnet, der seinen Job aufgrund politischer Pausengespräche verloren hat – mal abgesehen von extremen politischen Lagern und Arbeitgebern mit geheimer Parteibuchpflicht.

Respekt und Wertschätzung definieren Grenzen, nicht Themen

Wertschätzung bedeutet für mich, die Werte anderer Menschen zu schätzen. Andere Meinungen als solche zu respektieren und sich für die Sichtweisen anderer zu interessieren, statt sie im Kampfmodus lautstark platt zu machen. Sehe ich mir Diskussionen in politischen Talkshows an oder tauche ich in die Tiefen mancher Twitter-Diskussionen ab, dann vermisse ich heute häufig ebendiesen wertschätzenden Umgang miteinander. Der inhaltlich wertvolle Diskurs als echter Meinungsaustausch wird immer stärker durch den oberflächlich lauten oder sogar persönlichen Angriff übertönt.

Es ist nicht das Thema, das Grenzen definiert oder unter Kollegen im Beruf gar tabuisiert gehört. Es ist unsere eigene Haltung als Mensch anderen Menschen gegenüber, die über respektvolle Wertschätzung oder abwertende Geringschätzung mit allen ihren Konsequenzen im Berufs- und Privatleben entscheidet.

Wie ist es bei Ihnen und Ihrer politischen Mittagspause? Geht es nur hitzig um »Team Laschet gegen Team Scholz« und zum Pudding muss der Gewinner des Tages feststehen? Oder geht es darum, wirklich etwas über die Sichtweisen Ihrer Kollegen zu erfahren, unterschiedliche Ansichten zu verstehen, und auch die eigene Meinung selbstkritisch auf den Prüfstand zu stellen?

Es ist nicht das Thema, das Grenzen definiert oder unter Kollegen im Beruf gar tabuisiert gehört. Es ist unsere eigene Haltung als Mensch anderen Menschen gegenüber, die über respektvolle Wertschätzung oder abwertende Geringschätzung mit allen ihren Konsequenzen im Berufs- und Privatleben entscheidet.

Politische Meinungsbildung fördern, statt Themen zu tabuisieren

Ole, Sie haben recht, was interessiert die Kollegen Ihre Briefmarkensammlung, wenn der Wahlkampf in diesen Tagen das Thema Nr. 1 ist. Gemeinsame Themen können Sie als Menschen einander näherbringen und so auch als Team stärken. Ist Ihre kollegiale Beziehungsebene stark, dann können inhaltlich auch mal die Fetzen fliegen, ohne die gute Zusammenarbeit zu gefährden.

Dieser Wahlkampf tobt anders. Viele Menschen in meinem Umfeld klingen so kurz vor der Wahl noch unentschlossen. Ich halte es daher für wichtig, jetzt eine vielfältige, politische Meinungsbildung auch außerhalb unserer Filterblase aus Familie und Freundeskreis zu fördern, anstatt sie durch alte »Das hat im Job nichts zu suchen«-Regeln zu tabuisieren.

Ob in der Familie, unter Freunden, im Sportverein oder mit Kollegen – der Austausch von Sichtweisen bereichert immer auch unsere eigene Perspektive auf etwas. Vorausgesetzt, wir interessieren uns wirklich hierfür. Vielleicht ist genau dies ja zur Abwechslung ein Thema für Ihre nächste Mittagspause?

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