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Erfolgreiche Rekrutierung

Wie die Bundeswehr den Nachwuchs ködert

Zu wenig Soldaten, veraltete Ausrüstung und zahllose Skandale: Die Bestandsaufnahme der Bundeswehr im Wehrbericht fällt erneut düster aus. Die Bewerberzahlen sind trotzdem stabil. Wie kommt das?

DPA

Ein Plakat der Bundeswehr

Dienstag, 20.02.2018   20:42 Uhr

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Trotz erheblicher Reformanstrengungen hat sich der Zustand der Bundeswehr nicht verbessert, kritisiert der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels. Die Lücken bei Personal und Material seien teils noch größer geworden, heißt es im aktuellen Jahresbericht, den Bartels vorgestellt hat.

Die Hauptkritikpunkte:

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Umso überraschender: Trotz der desolaten Lage ist die Bundeswehr offenbar für viele attraktiv. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Truppe in den vergangenen Jahren zum Werbeprofi aufgestiegen ist.

Mehr als 260.000 Menschen in Deutschland arbeiten bei der Bundeswehr. Davon dienen fast 180.000 als Soldaten, hinzu kommen 85.000 zivile Mitarbeiter. Am Freiwilligen Wehrdienst haben aber immer weniger Interesse. Die Bewerberzahlen sinken rasant seit dem Ende der Wehrpflicht.

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Das gilt jedoch nicht für die Bundeswehr insgesamt: Im vergangenen Jahr bewarben sich 125.000 Männer und Frauen bei der Bundeswehr, genommen wurde nur jeder Vierte. Damit ist die Bundeswehr im Vergleich zu anderen Branchen in einer komfortablen Situation. Gerade im Handwerk bekommen einige Betriebe nicht eine einzige Bewerbung, andere müssen jeden Kandidaten akzeptieren.

Besonders bei Bewerbern mit Fachhochschulreife oder Abitur hat die Bundeswehr Hochkonjunktur. Sie machten im vergangenen Jahr 43 Prozent der Interessenten aus. Zuvor lag ihr Anteil noch bei rund 36 Prozent. Das Verteidigungsministerium wertet das als Erfolg: Die Bundeswehr stehe schließlich "bei einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote mit einer starken Wirtschaft in Konkurrenz um immer weniger Schulabsolventen", sagte eine Sprecherin.

Längst hat sich die Bundeswehr deshalb auch auf die neue Generation Y eingestellt und wirbt mit Heimarbeit, Elternzeit, Kitaplätzen und Job-Sharing-Modellen. Hinzu kommen knackige Werbeslogans, wie: "Mach, was wirklich zählt", "Wir dienen Deutschland" und "Verantwortung übernehmen. Weiterkommen". Ein Job-Bot beantwortet in sozialen Netzwerken Karrierefragen rund um die Uhr; 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Ende vergangenen Jahres investierte die Bundeswehr Millionen Euro in die YouTube-Serie "Mali". In der Serie mit 40 Folgen liefern acht Berufssoldaten Einblick in ihren Berufsalltag in Mali. Alles im Stil einer Reality-TV-Show: Nah dran an den Protagonisten, wackelig aus der Hand gefilmt, zackig geschnitten und mit viel dramatischer Musik unterlegt. Allein die erste Folge hat mehr als 800.000 Klicks.

Die Produktion der Serie kostete zwei Millionen Euro. Die begleitende Werbekampagne satte 4,5 Millionen Euro, Auftritte bei Facebook, Instagram und Snapchat inklusive. Die Kampagne ist umstritten. So gab es Kritik an der US-amerikanischen Aufmachung der Serie, die an Heldenkult erinnere.

Zahl der minderjährigen Rekruten seit 2011 verdreifacht

Das Verteidigungsministerium verspricht sich jedoch viel von der Aktion. Nach der Vorgänger-Serie "Die Rekruten" sollen laut Bundeswehr 21 Prozent mehr Bewerbungen eingegangen sein. Seit 2011 hat sich die Zahl der minderjährigen Rekruten verdreifacht. Im vergangenen Jahr waren mehr als 2100 Soldatinnen und Soldaten minderjährig.

Die Vorteile sind verlockend: Studenten bekommen bei der Bundeswehr beispielsweise 1800 Euro im Monat, netto. Für Zeitsoldaten sind schnell 1600 Euro netto drin. Beiträge für Krankversicherung, Rentenversicherung oder Arbeitslosenversicherung fallen weg.

Dem Wehrbeauftragten Bartels reichen die Bewerberzahlen indes nicht. 21.000 Dienstposten von Offizieren und Unteroffizieren seien derzeit nicht besetzt. Viele Soldaten seien überlastet und frustriert. Ob Werbekampagnen das Nachwuchsproblem nachhaltig lösen können, bleibt deshalb abzuwarten.

koe

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