Bundeswehr Stell dir vor, es ist Krieg, und du musst hin

Die Wehrpflicht geht, zu wenige Freiwillige kommen. Unter Hochdruck wirbt die Bundeswehr um Rekruten und präsentiert sich als attraktiver, vielseitiger, verlässlicher Arbeitgeber. Doch das größte Problem ist offensichtlich: Wer beim Militär anheuert, muss bereit sein, in den Krieg zu ziehen.

Junge Soldaten: Kriegseinsatz nicht ausgeschlossen
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Junge Soldaten: Kriegseinsatz nicht ausgeschlossen


Markus Matthias Müller fragte das erste Mal nach einem Job bei der Bundeswehr, da war er erst 17 Jahre alt. Bis zum Abitur hatte er noch zwei Jahre. Doch seit er ein kleines Kind ist, will er eigentlich nur eines: fliegen. "Und das Schnellste und das Höchste, was man fliegen kann, das sind die Jets bei der Bundeswehr", sagt Müller.

Heute ist aus dem Schüler Müller der Fähnrich Müller geworden. Er ist 20 Jahre alt und besucht die 9. Offiziersschule der Luftwaffe, seine Kaserne ist in Fürstenfeldbruck. Er absolviert das zweite Lehrjahr der Ausbildung zum Jetpiloten. Im Monat verdient er 1500 Euro netto. Wenn die Bundeswehr demnächst in Afghanistan mit dem Eurofighter Aufklärungsflüge macht, dann könnte Müller dort ein Kampfflugzeug steuern.

Soldat sein - der Beruf ist aus den Nachrichten vertraut. Ständig ist der Krieg in Afghanistan präsent, nicht zuletzt auch die Wehrreform: Noch unter Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Nun muss sein Nachfolger Thomas de Maizière zusehen, wie er den Betrieb der deutschen Armee am Laufen hält. Denn das Interesse junger Leute, sich freiwillig zu melden, ist denkbar gering.

Laufbahn auch ohne Schulabschluss

"In Zukunft werden wir wegen der Reform wohl weniger Menschen einstellen", sagt Birger Gädt, Wehrdienstberater bei den Streitkräften. Gern rührt er deshalb die Werbetrommel. Fragt man ihn, welche Möglichkeiten es für junge Leute dort gibt, lacht er und sagt: "Alle."

Die Bundeswehr kann Menschen mit jeder Art von Abschlusszeugnis gebrauchen. Es gibt sogar eine Laufbahn für junge Leute ohne Abschluss, die Mannschaftslaufbahn. Dann gibt es die Offizierslaufbahn für Abiturienten, die Unteroffizierslaufbahn für Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und die Laufbahn zum Feldwebel, für die sich Menschen mit Meisterbrief bewerben können. Hinzu kommen die Studienmöglichkeiten an den beiden Bundeswehr-Universitäten in Hamburg und München.

Hamse denn jedient? - Wehrdienst ohne Pflicht
Tschüß, Wehrpflicht
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Zum 1. Juli 2011 wird die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt. Als Ersatz kommt der Freiwillige Wehrdienst (FWD). Dafür können sich neben jungen Männern auch junge Frauen bewerben.
Freiwillig dienen
Der freiwillige Dienst beim Militär dauert mindestens zwölf Monate, höchstens jedoch 23 Monate. Das erste halbe Jahr ist Probezeit. Bewerber müssen mindestens 18 Jahre alt sein und einen gesundheitlichen Eignungstest bestehen. Interessenten können sich unter der kostenlosen Hotline 0800/9800880 direkt bei der Bundeswehr informieren.
Lohnt das?
Ansichtssache. Der Sold bewegt sich pro Monat zwischen 770 Euro und 1100 Euro - netto, denn der Sold ist steuerfrei.
Sonst was?
Unterkunft und Verpflegung sind frei. Neben einer militärischen Ausbildung können die jungen Leute an Angeboten zur Förderung der schulischen und beruflichen Bildung bei auswärtigen Einrichtungen teilnehmen, die maximal 665 Euro kosten dürfen.
Fachlich können Jugendliche in so gut wie jedem Beruf ausgebildet werden. In dieser Hinsicht ist es der Bundeswehr wichtig, ein Arbeitgeber wie viele andere zu sein, dessen Abschlüsse auch außerhalb von Militärkreisen anerkannt sind. Und sie betont, dass deutsche Soldaten im Einsatz für den Frieden sind.

Doch der wichtigste Unterschied zu durchschnittlichen Firmen dürfte potenziellen Bewerbern immer klar sein: Zu den Militärberufen gehört selbstverständlich die Möglichkeit von Kriegseinsätzen - die Option auf Kampf und Tod. Früher, zu Zeiten des Kalten Krieges, war das eher theoretisch. Heute rücken deutsche Soldaten tatsächlich in Krisengebiete aus, vor allem nach Afghanistan.

Schießen ist Pflicht - außer in der Verwaltung

Jeden Bewerber nehme das Militär auch jetzt nicht, schränkt Gädt ein. Die jungen Leute dürfen keine Vorstrafen haben und brauchen einen deutschen Pass. Sie müssen hinter der freiheitlich demokratischen Grundordnung stehen und mindestens 17 Jahre alt sein, für den Freiwilligen Wehrdienst, der die Wehrpflicht ersetzen soll, sogar 18. Außerdem legt die Bundeswehr großen Wert auf Mobilität. "Bundeswehr heißt bundesweit", so Gädt. Eine körperliche Grundfitness ist genauso Voraussetzung wie die Bereitschaft zu Auslandseinsätzen wie dem in Afghanistan.

Allerdings bietet die Bundeswehr nicht nur Karrieren in Uniform an. Rund 80.000 Mitarbeiter arbeiten in den zivilen Bereichen der Bundeswehr, die meisten davon in der Verwaltung. Für diese Jobs müssen junge Leute weder als Soldat aktuell dienen noch zuvor gedient haben. Ein Wechsel in die freie Wirtschaft ist jederzeit möglich.

Für alle anderen gilt: Gleich, welche Laufbahn sie einschlagen - die jungen Leute müssen bereit sein, im Ernstfall zu schießen. Und gehen das Risko ein, erschossen zu werden.

Markus Matthias Müller hat kein Problem damit, Soldat zu sein. Er schätzt an der Bundeswehr, dass er einen zuverlässigen Arbeitgeber hat, der ihm klare Strukturen gibt. Er berichtet von Freunden, deren Unternehmen während der Lehre pleitegingen, und von solchen, die ihr zweites Studium abgebrochen haben. Diese Sorgen hat er nicht.

Nicht alle, die ihre Ausbildung bei der Bundeswehr machen, können dort für immer bleiben. Nur jeder Vierte etwa wird Berufssoldat. Der Rest muss zurück ins zivile Leben. "Der Wechsel zum zivilen Arbeitgeber ist aber in der Regel kein Problem", sagt Clarissa Schmidt von der Agentur für Arbeit in Potsdam. Die Leute seien in der Regel gut ausgebildet. Es werde lediglich manchmal beklagt, dass die Ausbildung der jungen Menschen zu theorielastig gewesen sei.

dpa/mamk

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