Burnout Immer noch besser werden

Corbis

Von Jochen Brenner

4. Teil: Kommunikation kann auch Stress bedeuten - und: "What would Google do?"


Die Berater hätten nun bei Meyra, so erzählt es Baumanns, eine offene Kommunikation und klare Regeln für Entscheidungsprozesse geschaffen. "Wie spreche ich mit meinen Kollegen, wie begegne ich Konflikten, das waren die Aufgaben." Die Firma habe den Einsatz im Gesundheitsmanagement sogar evaluieren lassen. "Für einen investierten Euro bleibt uns ein betriebswirtschaftlicher Vorteil von fünf bis sieben Euro. Dass Leute, die sich wohl fühlen, auch besser arbeiten, wusste ich schon vorher, aber ich wusste nicht, wie ich es ohne fremde Hilfe anstellen sollte, dass sie sich wohler fühlen."

Die schlimmsten Chef-Sprüche (4)

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Vielleicht sind viele Chefs mit dem Wohlfühlfaktor bei der Arbeit wenig vertraut, weil er erst seit wenigen Jahren durch die akademische Disziplin der Arbeitswissenschaft bekannt wurde. Martin Braun etwa ist einer, der das "Human Factors Engineering" zu seinem Beruf gemacht hat.

Braun arbeitet beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, und wenn er könnte, wie er wollte, dann sähen deutsche Büros nicht so aus, wie sie es immer noch in der Mehrzahl tun: entweder Großraum oder Zelle. Dazwischen gibt es wenig, wie Braun erzählt.

"Wir brauchen Ruhe und Austausch, Offenheit und Rückzug"

"In den letzten Jahren haben viele Firmen versucht, ihre Mitarbeiter durch die Architektur in Großraumbüros zusammenzubringen. Das basierte auf der Annahme, der Mensch brauchte den Austausch bei der Arbeit. Das ist oft nach hinten losgegangen", sagt Braun. "Kommunikation kann auch Stress bedeuten. Von den Gehirnforschern wissen wir, dass das Gehirn wie ein Spiegel funktioniert, der ruhen muss, um seinen Dienst zu tun."

Und so versucht er, die Personalchefs, die er berät, vom "polaren Büro" zu überzeugen: einem Ort, der Rhythmizität in der Arbeit zulässt, wie Braun es formuliert. "Wir brauchen Ruhe und Austausch, Offenheit und Rückzug."

Sollte also ausgerechnet Google alles richtig gemacht haben? In der Hamburger Zentrale des Suchmaschinenbetreibers hatten die Büroarchitekten großen Einfluss.Zwar sitzen die meisten Mitarbeiter vor ihren Rechnern in Großraumbüros, aber überall finden sich Rückzugswinkel mit Sitzsäcken, zwei winzige Ein-Mann-Rückzugsräume (Türschild: "Ersticken" und "Erstinken") mit Telefon und kleinen Kaffeeküchen. Reicht das schon, um die Stimmung positiv zu beeinflussen?

An einem zufällig gewählten Freitag im Januar empfängt die Schnauzer-Dame "Minx" jeden Besucher mit Gebell, eine junge Mutter im Erziehungsurlaub präsentiert den Kollegen ihre Tochter, und am Nachmittag findet in der Kantine die TGIF-Versammlung statt: Thank God It's Friday, und jeder darf sagen, was ihm nicht gepasst hat in der Woche.

Was wirklich getan werden muss

"Wir versuchen, die alten Fehler der Büroarbeit zu vermeiden", sagt Kay Oberbeck, der Google in Deutschland vertritt. "Ein Tag in der Woche ist unser 18-Uhr-Tag, das heißt, um sechs sind wir hier weg." Falls das nicht klappt, legen die Kollegen einen Traffic-Light-Day ein: Sie unterteilen die Arbeiten eines modellhaften Tages in rote, gelbe und grüne Tätigkeiten, delegieren die roten und bündeln im Idealfall die gelben. "So wird sichtbarer, was wirklich getan werden muss", sagt Oberbeck.

Am berühmtesten ist Google als Arbeitgeber wohl mit seiner 20-Prozent-Regel geworden: An einem Tag der Woche haben die Angestellten Gelegenheit, Projekte zu verfolgen, die ihnen am Herzen liegen, ob sie mit dem Konzern zu tun haben oder nicht. "Google Mail ist auf diese Weise entstanden", sagt Oberbeck, "oder Google News." Einige Google-Leute unterstützen aber an ihrem freien Tag auch wohltätige Projekte. "Man kann hier alles vorschlagen", sagt Oberbeck, "das wird aber auch erwartet."

Dass Erwartungen Stress erzeugen können, liegt auf der Hand. Reinhard Ahrens, der Coach der Dax-Bosse, erzählt, nachdem er sein neurowissenschaftlich unterfüttertes Coaching erläutert hat, zum Schluss noch, wie er selbst seinen Stress moderiert. "Wenn wir fremde Ziele zu unseren machen, entsteht auf Dauer ungesunder Stress", sagt er und fügt hinzu, dass Telefonanrufe eigentlich eine Katastrophe seien, aus arbeitswissenschaftlicher Sicht. Er lässt Anrufer deshalb gern auf die Mailbox sprechen, hört die Nachricht zu einem Zeitpunkt ab, der gut in seinen Arbeitstag passt - und antwortet dann per Mail. Ganz stressfrei.

  • Jochen Brenner ist SPIEGEL-Redakteur.

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Tastenhengst, 23.05.2011
1. Kwatsch
Quatsch, burnout und karoshi sind geisseln des kapitalismus. In der hochgradig arbeitsteiligen und effizienzsüchtigen spätkapitalistischen gesellschaft werden die menschen maximal von ihrer arbeit entfremdet. Am ende steht der tod. Das war in der ddr viel besser. Da starb man nur, wenn man republikflüchtig werden wollte oder volk und demokratische regierung schlechtgemacht hat. Und da mehr leute arbeiten als heimatverrat begehen, ist klar, dass der kapitalismus schlimmer ist.
Tabris2011 23.05.2011
2. bitte sprechen sie mit ihren medizinischen dienst
... burnout ist keine krankheit sondern ein fantasie-produkt, um sich faul von der arbeit zu drücken. ja was passiert denn, wenn sie trotzdem zur arbeit gehen? bekommen sie krämpfe? bekommen sie magengeschwüre? dann haben sie doch nachweisslich eine krankheit, die man mit pillen und salben behandeln kann. MD berlin - originalton
Haio Forler 23.05.2011
3. ..
Zitat von Tabris2011... burnout ist keine krankheit sondern ein fantasie-produkt, um sich faul von der arbeit zu drücken. ja was passiert denn, wenn sie trotzdem zur arbeit gehen? bekommen sie krämpfe? bekommen sie magengeschwüre? dann haben sie doch nachweisslich eine krankheit, die man mit pillen und salben behandeln kann. MD berlin - originalton
Sorry, das ist Unsinn: von Nichtstun oder nciht zur Arbeit gehen kommt kein BurnOut. Arbeiten Sie mal 7 Jahre ohne Urlaub, jeden Tag 11 Stunden. Dann wissen Sie, was ein BurnOut sein kann. Warum jemand das überhauot macht, ist dann noch eine andere Frage.
felisconcolor 23.05.2011
4. ja ja
@Tastenhengst und was wir dann von der DDR übernommen haben zeigt wie toll der Kommunismus war. Was ja nicht mal ein Kommunismus war. Sondern wohl eher staatl. bezahltes Nichtstun. @Tabris auch ihr Post zeugt von wahrhaftiger Kenntnis um die Sache. Bleiben Sie auf ihrer Couch und ziehen sie weiter staatl. Unterstützung ein. Burnout ist sogar mehr als nur eine Krankheit. Es ist ein ideales Mittel um gute aber unbeliebte Mitarbeiter aus der Firma zu drängen. Mobbing durch Überflutung mit meist sinnlosen Arbeitsaufträgen und mangelhafter Organisation in den Entscheideretagen. Ein/e gute/r Chef/in erkennt wann er/sie seine/ihre Mitarbeiter überfordert. Aber Quartalszahlen sind wichtiger als human recources. Allein dieser Begriff sagt heute alles über die Arbeitswelt aus. Auch im Kapitalismus kann man mit Mitarbeitern vernünftig umgehen. Wenn man es will. Wenn ich mir die Artikel über die "Chefs" durchlese, habe ich aber so meine Zweifel, das diese überhaupt in der Lage sind vernünftig zu führen. Da muss angesetzt werden. Denn alles zusammen bildet das "Kapital" einer Firma. Und wenn man will kann man das auch seinen Aktionären klar machen.
oldie_ii 23.05.2011
5. Lohn ohne Leistung?
Zitat von TastenhengstQuatsch, burnout und karoshi sind geisseln des kapitalismus. In der hochgradig arbeitsteiligen und effizienzsüchtigen spätkapitalistischen gesellschaft werden die menschen maximal von ihrer arbeit entfremdet. Am ende steht der tod. Das war in der ddr viel besser. Da starb man nur, wenn man republikflüchtig werden wollte oder volk und demokratische regierung schlechtgemacht hat. Und da mehr leute arbeiten als heimatverrat begehen, ist klar, dass der kapitalismus schlimmer ist.
Ach Gottchen, wie Sie jammern über den Untergang der Täterää. Ich habe auch in dieser gelebt und das "Besitzen eines gesicherten Arbeitsplatzes, aber nicht Arbeiten" anhand vieler Kollgen erlebt. Es ist nun mal so: Wo mehr Leistung erbracht wird, ist mehr Erfolg - seit hunderten Millionen Jahren. Die Burnout-Sachen sind ein schwieriges Kapitel, das wahrscheinlich jeder Einzelne für sich klären muss: Wieviele Opfer will ich bringen, und wieviel Erfolg will ich damit erreichen (Kosten-Nutzen-Abwägung)? Und manche(r) verschätzt sich dabei - in der realen Welt kann man halt auch scheitern. Letztere Überlegung ist in der heutigen deutschen Sozial-Hängematten-Mentalität leider abhanden gekommen. Würde soetwas wie Burnout meinem Kollegen passieren, hinge meine Reaktion davon ab, ob derjenige mir sympathisdch ist oder ob er sich als A...loch erwiesen hat. Auch das ist ganz normal seit Menschengedenken. mfg, oldie
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