Fünf Tipps fürs Büro Was Sie tun können, wenn Ihr Chef ein Brüllaffe ist

Es ist extrem unangenehm und kann die gesamte Stimmung im Büro verändern: Brüllende Chefs hat kaum jemand gern. Psychologin Annegret Lohse erklärt, wie Sie in diesem Moment reagieren können.

Brüllender Chef im Einsatz (Symbolfoto)
skynesher/ E+/ Getty Images

Brüllender Chef im Einsatz (Symbolfoto)


Egal, warum Ihre Vorgesetzte oder Ihr Vorgesetzter schreit: Sie sollten in dieser Situation schnell handeln. Es gibt fünf Möglichkeiten:

1. Sie benennen die Intensität - ohne den anderen anzugreifen

Es wirkt deeskalierend, wenn Sie das Schreien an sich dabei nicht thematisieren. Sagen Sie also nichts, was Ihr Gegenüber weiter anstachelt, etwa:

"Was fällt Ihnen ein, mich so anzukeifen?"

Bleiben Sie ruhig, gehen Sie auf die Emotion des Gegenübers ein, ohne sie oder ihn damit zu konfrontieren und sprechen Sie mit ruhiger Stimme:

"Ich kann verstehen, dass Sie gerade intensiv reagieren, weil es ja eine besondere Situation ist... / die Auswirkungen auf unsere Abteilung groß sind - kurze Pause - und gleichzeitig ist mir wichtig, dass..."

Verwenden Sie statt "aber" die Worte "und gleichzeitig", um die Konfrontation abzumildern. In der Situation braucht dieses Verhalten viel innere Kraft, weil sie die eigene Wut darüber, angeschrien zu werden, kanalisieren müssen. Atmen Sie aus, drücken Sie kurz mit dem rechten Daumen in die Kuhle zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand, um sich selbst zu signalisieren: Ich steuere mich, ich kann das."

2. Sie sagen kaum etwas, nehmen dafür aber eine klare, aufrechte Körperhaltung ein

Sie können auch deeskalieren, ohne dass Sie viel sagen müssen. Das erfordert etwas Selbstbewusstsein: Lassen Sie Ihre Chefin oder Ihren Chef schreien - und schauen Sie freundlich. Halten Sie den Blickkontakt. Bleiben Sie körpersprachlich aufrecht, halten Sie den Körpertonus, ohne in eine Gegenangriffshaltung zu gehen.

Wichtig ist, dass Ihr Blickkontakt liebevoll bleibt, dass Sie Ihr Gegenüber nicht abwerten. Gehen Sie innerlich in eine neutrale Haltung, aus der heraus Sie mit Interesse die Reaktion Ihres Gegenübers analysieren.

So machen Sie klar: Lautstärke kann Ihnen nichts, Sie halten das aus, bleiben in Ihrer inneren Mitte. Das Gegenüber lernt so vielleicht: Schreien bringt nichts, es ruft zumindest nicht die womöglich erwartete Reaktion hervor - nämlich, dass Sie klein werden und sich verstecken.

3. Sie versuchen, das Problem zu visualisieren

Häufig entlädt sich Wut in Momenten, in denen der Überblick fehlt. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihre Vorgesetzte oder Ihr Vorgesetzter schreit, weil die Zusammenhänge nicht deutlich sind, weil eine Abwägung und Gewichtung unterschiedlich ist: Greifen Sie zu Stiften und Papier oder ziehen Sie ein Flipchart heran. Sagen Sie, was Sie vorhaben:

"Ich skizziere einmal die verschiedenen Themenfelder... "

Diese Reaktion sorgt einerseits dafür, dass Sie etwas Zeit gewinnen: Während Sie malen, wird Ihre Chefin oder Ihr Chef wahrscheinlich nicht weiterschreien. In dieser Zeit können Sie überlegen, wie Sie im weiteren Verlauf der Situation reagieren möchten. Sie erhöhen die Chance, dass das Gespräch dank Ihrer Visualisierungen ruhiger, geordneter wird - schließlich schaffen Sie gerade einen Überblick darüber, wo es hakt.

Sie machen noch einmal für alle klar, wer wo steht, warum etwas wie läuft. Sie reagieren konstruktiv und zeigen - auch sich selbst -, dass Sie in einer komplizierten Situation denken können. Oft ergeben sich Lösungsalternativen, oder man erkennt zumindest, worin die Unterschiedlichkeit in der Sichtweise liegt:

"Genau an diesem Punkt haben wir eine unterschiedliche Bewertung der Situation. "

4. Sie fahren auch hoch

Es kann auch sinnvoll sein, bewusst gegenzuhalten, wenn Ihre Chefin oder Ihr Chef laut wird. Nehmen Sie dazu eine hohe Körperspannung ein und halten Sie den Blick. Dann unterbrechen Sie den anderen:

"Herr Meyer, das ist ein abwertender Begriff und Ihre Stimme ist sehr laut. So möchte ich das nicht. Sprechen Sie bitte in einem ruhigen Tonfall und mit angemessener Wortwahl mit mir."

Sie gehen bewusst in den Hochstatus und ignorieren das Machtgefälle zwischen Ihnen und Ihrem Vorgesetzten. Das kann riskant sein und für noch mehr Wut sorgen. Oder es ist eben genau das, was Ihre Chefin oder Ihr Chef braucht: einen starken Gegenpart mit einer klaren Grenze.

5. Sie bereiten das Gespräch nach

Reagieren Sie in der Situation selbst gelassen - doch bitten Sie Ihren Chef am Folgetag um ein kurzes Gespräch. Darin könnten Sie sagen:

"Ich würde gern noch etwas zu unserem Termin gestern besprechen. Aus meiner Sicht war unser Gespräch wichtig und unsere unterschiedlichen Standpunkte sinnvoll. Die Intensität Ihrer Reaktion allerdings empfand ich dabei als zu stark. Sie haben über mehrere Minuten mit sehr lauter Stimme gesprochen. Die Begriffe 'fahrlässiger und idiotischer Anfängerfehler' habe ich als abwertend erlebt. Ich vermute, Sie wollten mich damit nicht kränken, weil ich Sie sonst als sehr zugewandt erlebe. Gerade deshalb ist es mir wichtig, dass wir die Situation von gestern kurz besprechen. Was ist denn Ihre Sicht auf gestern?"

Erfahrungsgemäß ergibt sich dann ein Gespräch - oder Sie haken noch einmal nach:

"Was war denn der Auslöser für Ihre Reaktion gestern? Gibt es ein Thema hinter unserer Diskussion, das Sie so intensiv hat reagieren lassen?"

Oft ist es so, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter es sich gar nicht trauen, solch ein Gespräch zu initiieren. Doch Sie können mit Klarheit und gleichzeitiger Freundlichkeit sehr hilfreich sein. Durch die Macht der Vorgesetztenrolle entsteht oft eine Einsamkeit und mangelnde Reflektion, weil keiner mehr etwas sagt. Viele Vorgesetzte sind deswegen sogar dankbar für Rückmeldungen und gewinnen auch Respekt vor Ihnen.

Sie sind am stärksten, wenn Sie die Reaktion des anderen verstehen. Meistens ist es so, dass Sie in der Realität einen Auslöser liefern für eine emotionale Intensität, die nichts mit Ihnen zu tun hat. Ihr Vorgesetzter ist dann getriggert und an ein unangenehmes Erlebnis erinnert. Während er schreit, ist er in einem alten Film.

Und auch Sie haben Erinnerungen abgespeichert, die abgerufen werden durch die Reaktion Ihres Gegenübers. Damit Sie nicht völlig verunsichert auf Ihrem Stuhl sitzen oder selbst losbrüllen: Sorgen Sie immer als Erstes dafür, dass Sie eigene Reaktionsmuster nicht wiederholen. Stoppen Sie sich emotional selbst, bevor Sie etwas sagen, eine bestimmte Körperhaltung einnehmen oder zum Angriff ausholen - nur so können Sie sicherstellen, dass Sie auch später noch zu Ihrer Reaktion stehen, dass Sie sich selbst nicht peinlich sind. Hier sind drei Tipps, wie das funktionieren kann.

Schlussendlich müssen Sie sich fragen, wie weit Sie bereit sind zu gehen: Wenn immer wieder Geschrei auftritt, Sie immer wieder das Gefühl haben, dass keine Ihrer Reaktionen das ändert - dann müssen Sie sich vielleicht überlegen, ob Sie sich innerhalb Ihres Unternehmens verändern können. Oder ob Sie Abstand nehmen wollen - und in ein neues Unternehmen gehen.

aufgezeichnet von Nike Laurenz



insgesamt 42 Beiträge
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Teebeutelchen 16.07.2019
1. Indiskutabel
Für mich gäbe es nur eine einzige Reaktion, sollte mein Chef mich je anbrüllen: Auf den Hacken kehrt und weggehen. Niemand braucht sich das bieten zu lassen! Und ja, ich bin auf meinen Job angewiesen. Und ja, ich habe das schon genauso praktiziert. Die Entschuldigung meines Chefs erfolgte noch am selben Arbeitstag. Ebenso wie die Wiedergutmachung meines zugegebenerweise dummen Fehlers.
Nordstadtbewohner 16.07.2019
2. Die Arbeitswelt besteht nicht nur aus Büroarbeit
Was mir tendenziell auffällt beim Thema Karriere, ist, dass es immer nur um Bürotätigkeiten geht. Ich bin selbst Büroarbeiter, weiß jedoch trotzdem, dass das nicht das gesamte Berufsleben in Deutschland und weltweit ist. Die von der Psychologin gemachten Ratschläge mögen sicherlich im öffentlichen Sektor und in journalistischen Kreisen funktionieren, in der Privatwirtschaft wohl eher nicht. In der Privatwirtschaft erreichen nur die Alpha-Männer und Alpha-Frauen etwas, die im Artikel aufgezählten Herangehensweisen ziehen dort nicht wirklich. Wer es nicht glauben mag, der kann ja mal 2 Jahre in der Privatwirtschaft arbeiten.
Mondaugen 16.07.2019
3. Inakzeptabel
In meinem beruflichen Umfeld ist Brüllen inakzeptabel. Die 2-3 Male, die es in den vergangenen vier Jahrzehnten passierte, bin ich aufgestanden und kommentarlos gegangen. Die Brüller haben sich dann irgendwann einbekommen, wahrscheinlich war es ihnen selbst peinlich. Es gab nie Konsequenzen, als Arbeitnehmer und Betriebsrat hätte ich eventuellen weiteren Auseinandersetzungen entspannt entgegengesehen.
Harry1 16.07.2019
4. Die Erfahrung zeigt
dass cholerische Chefs zu oft psychopatische Tendenzen haben. Jede der hier beschriebenen Möglichkeiten bringt einen in Pole Position künftig zum Lieblingskratzbaum zu mutieren in den der Chef seine Krallen schlägt. Klappe halten, zustimmen, hoffen dass ein Anderer den Fehler macht eine/mehrere der Möglichkeiten anzuwenden und damit das Feuer auf sich zu ziehen ----------- und Bewerbungen schreiben!
Kunstgriffe 16.07.2019
5. Sollte man sich nicht bieten lassen - falscher Chef
Mein einziger Chef kurz nach dem Studium kam auch als Choleriker rüber. Erst gab's ein Wortgefecht, dann bot er mir das Gehen an, was ich wahrgenommen habe. Seitdem bin ich selbstständig. Kunden brüllen mich gewöhnlich nicht an, so dass ich diesen Faktor komplett los bin. Hurra!
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