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»Frag die Arbeitsrechtler« Die Chefin will meine Meinung über Kollegen wissen – muss ich antworten?

Egal ob an der Kaffeemaschine oder im Videochat, wenn sich Vorgesetzte über die Arbeit der anderen erkundigen, ist Feingefühl gefragt. Denn die Sache ist durchaus knifflig.
Fragt der Vorgesetzte Sie über Kollegen aus, kann das schnell unangenehm werden

Fragt der Vorgesetzte Sie über Kollegen aus, kann das schnell unangenehm werden

Foto: Thomas M. Barwick / Getty Images

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So bekannt, so unangenehm: Die Chefin will wissen, wie sich der neue Kollege schlägt. Aber darf sie das überhaupt? Und vor allem: Muss ich darauf antworten?

Wie so oft komme es hier auf den Einzelfall an, sagt Marcus Menster, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Koblenz: »Ein solches Gespräch zeigt eher die Schwäche der Führungskraft, weil es eigentlich zu den absoluten Führungskräfte-No-Gos zählt, Beurteilungen von Kollegen vornehmen zu lassen«. Doch wer mit Menschen zu tun hat, der weiß, dass das im Arbeitsalltag manchmal gar nicht so selbstverständlich ist.

Arbeitskollegen zu bewerten, in der Regel ist das nicht Teil des Jobs

Ob man nun auf die Frage der Chefin eingehen müsse, sei ein Graubereich, sagt Menster. »Um es klarer zu machen, müsste man doch eher aufwerfen: Woraus könnte für den Mitarbeiter eine Pflicht entstehen, auf eine solche Frage antworten zu müssen?« Denn wer selbst keine Führungsposition hat, zu dessen Aufgaben gehört es in der Regel auch nicht, Kolleginnen und Kollegen zu beurteilen. Und wenn, dann muss das im Arbeitsvertrag klar geregelt sein.

Trotzdem kann es Fälle geben, in denen man verpflichtet ist, sich zu äußern. »Dann etwa, wenn der Arbeitgeber an den geforderten Informationen ein besonders schutzwürdiges Interesse hat«, sagt auch Menster. Er nennt den beispielhaften Fall, dass aus der Kasse der Firma Geld weggekommen ist. Wenn es der Aufklärung dient, dann kann die Chefin Sie verpflichten, auf ihre Fragen zu einer Kollegin oder einem Kollegen zu antworten. Das betreffe aber ganz klar nicht die persönliche Meinung, sagt Menster.

Jeder Beschäftigte habe eine allgemeine Auskunftspflicht über seinen eigenen Arbeitsbereich, sagt Menster. Führt das Verhalten einer Kollegin oder eines Kollegen dazu, dass der Betriebsablauf gestört wird, dann ist es die Aufgabe des Arbeitgebers herauszufinden, woran das liegt. »Eine Pflicht, persönliche schmutzige Wäsche zu waschen, die kann man daraus aber nicht ableiten«, so der Jurist.

Es gibt Situationen, da kann der Vorgesetzte auf eine Antwort beharren

»Wenn ein Mitarbeiter nicht richtig handelt, seine Arbeit nicht so macht, wie er sollte, sein Fehler schon identifiziert ist und nur noch Details gesucht werden, dann braucht die Chefin Antworten von den Kolleginnen und Kollegen. Vielleicht haben die etwas beobachtet oder können den Sachverhalt besser einschätzen, als sie selbst«, sagt der Jurist. Denn dann greift die sogenannte Schadensminderungspflicht, die der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber gegenüber hat. Das heißt: Zur Aufklärung des Sachverhaltes kann die Chefin auf eine Antwort pochen, solange es um sachliche und arbeitsbezogene Dinge geht. Eine persönliche Beurteilung fällt aber auch hier nicht unter die Antwortpflicht.

»Frag die Arbeitsrechtler«

In dieser Rubrik beantworten wir, mithilfe von Expertinnen und Experten, regelmäßig Fragen unserer Leserinnen und Leser zum Arbeitsrecht.

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Die Beiträge dieser Reihe dienen lediglich der Information. Sie stellen keine Rechtsberatung dar. Sie können insbesondere keine individuelle rechtliche Beratung ersetzen, die die Besonderheiten des Einzelfalles berücksichtigt. Soweit wir im Rahmen dieser Reihe über Fälle, insbesondere Gerichtsentscheidungen, berichten, darf aus deren Ergebnissen nicht auf einen notwendigerweise ähnlichen Ausgang in anderen Fällen geschlossen werden.

Die etwas undurchsichtige Rechtslage könnte sich laut Mensters Einschätzung bald ändern. »Die Frage berührt ja ganz stark den Bereich Compliance. Und der wird in Zukunft immer wichtiger werden«, sagt er. Das zeige auch ein Gesetzentwurf, der in der vergangenen Legislaturperiode auf dem Tisch der alten Bundesregierung lag: das sogenannte Verbandssanktionengesetz . Vereinfacht sollte die Norm dafür sorgen, dass Unternehmen dafür haftbar gemacht werden können, wenn sie ihre Gesetze und Regeln nicht einhalten. Ein Bestandteil des Gesetzentwurfs ist, dass der Arbeitgeber dann feste Abläufe für eine Untersuchung im Betrieb aufbauen soll. Ob das Gesetz unter der neuen Regierung eine Zukunft hat, lässt der aktuelle Koalitionsvertrag  jedoch offen. Hier heißt es lediglich: »Wir überarbeiten die Vorschriften der Unternehmenssanktionen einschließlich der Sanktionshöhe, um die Rechtssicherheit von Unternehmen im Hinblick auf Compliance-Pflichten zu verbessern und für interne Untersuchungen einen präzisen Rechtsrahmen zu schaffen.«

Im Zweifel kann die Plattitüde helfen

Offen ist nun aber noch immer die Frage, wie man denn auf die Vorgesetzte reagieren sollte, wenn man denn nichts sagen muss?

Hier rät Menster zu Floskeln: etwa »dazu möchte ich mich nicht äußern« oder »dazu kann ich mir kein Urteil erlauben«. »Damit wiegelt man nicht nur ein solches Gespräch ab, sondern zeigt auch eine gewisse Bescheidenheit«, sagt der Arbeitsrechtler. Und schließlich gilt: Eine nicht gegebene Auskunft darf dem gefragten Arbeitnehmer auch nicht zum Nachteil gemacht werden, weil ja keine Pflicht zur Antwort bestanden hat. Wenn die Chefin dann noch nachbohrt, weist das vermutlich einfach auf einen schlechten Führungsstil hin. Und halten Sie still, wird auch die nächste Begegnung mit dem Kollegen an der Kaffeemaschine nicht ganz so unangenehm.

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