Cheftyp Bremsklotz "Erst mal abwarten ..."

Er zaudert, grübelt, flüchtet und kann sich einfach nicht entscheiden - andere Chefs sind Problemlöser, dieser ist ein Fehlervermeider.

Chef beim Zaudern: Entscheiden? Och nö, heute nicht...
Corbis

Chef beim Zaudern: Entscheiden? Och nö, heute nicht...

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Mein heiliger Grundsatz: Der Teufel steckt in allem Neuen! Darum sieht meine Abteilung aus, als wäre sie Anfang der neunziger Jahre erstarrt. Wozu eine neue Software - solange die alte absturzfrei läuft? Wozu eine neue Kundengruppe - solange die jetzige noch zahlt? Ich bringe es sogar fertig, eine neue Planstelle nicht zu besetzen - aus Sorge, ich stelle den Falschen ein!

Böse Zungen behaupten, um mich herum würde nur eines wachsen: die Problemberge. Diese Spötter verkennen, dass keine Entscheidung immer noch besser ist als eine falsche Entscheidung.

Diese Devise wende ich auch bei alltäglichen Vorgängen an: Was diktiere ich zuerst - den Brief oder die Gesprächsnotiz? Ich wäge ab. Grüble. Verharre. Weiß nicht, wie ich entscheiden soll - und entscheide erst mal gar nichts. "Erst mal" heißt: bis auf Widerruf. "Bis auf Widerruf" heißt: für immer. Andere lösen Probleme - ich vermeide Fehler.

Die Protokolle meiner Abteilungsmeetings sind dick wie Buchmanuskripte. Das liegt an den offenen Punkten, die wir teilweise seit Jahren mitschleppen. Mit Vorliebe lasse ich Hinz und Kunz gründliche Analysen erstellen, bis die Waage zwischen "Für" und "Wider" exakt im Gleichgewicht steht. Dann bin ich gezwungen, die Entscheidung "erst mal" zu verschieben. Und "erst mal" heißt - ach, das sagte ich schon!

Probleme lösen sich oft von allein! Erst bestürmen mich die Geschäftspartner: "Warum hat bei Ihnen nicht jeder Mitarbeiter E-Mail-Zugang?" Doch einen Monat später kräht kein Hahn mehr danach.

Allerdings will ich nicht in den Ruf eines Blockierers geraten. Darum verstecke ich mich bei vielen Entscheidungen hinter Autoritäten. Zum Beispiel hinter dem Oberboss. Oder der "Firmenpolitik". Oder den "Kosten" - was gut passt, da ich zu Geiz neige. Wenn es was zu kritisieren gibt, bin ich immer die falsche Adresse!

Chef-Werdung

Ich bin bei einer Beförderung der kleinste gemeinsame Nenner, die klassische Sicherheitslösung. Der konservative Oberboss will keinen Reformer ins Amt heben: "Am Ende wirft der alles über den Haufen!" Lieber einen Mann mit "ruhiger Hand": "Der richtet wenigstens keinen Schaden an!"

Meist endet mein Aufstieg, sobald er begonnen hat. Erstens bin ich eine Niete in Selbst-PR. Zweitens will ich ja nichts verändern - nicht mal meine Position.

Verhältnis zum Oberboss

Wenn der Oberboss mich zu sich ruft, flattern meine Hosen. Hoffentlich ist mir kein Fehler unterlaufen. Falls doch, habe ich schon ein paar Ideen, um meinen Kopf aus der Schlinge zu reden: Ich könnte die Schuld ja in Ihre Schuhe schieben. Oder in die eines Chef-Kollegen, eines dieser schwindelerregenden Reformer, die Neuerungen wie eine ansteckende Krankheit verbreiten.

Allein der Gedanke an den Oberboss macht mich auch im Alltag zum Kaninchen vor der Schlange. Wenn er mir allerdings klare Anweisungen gibt, setze ich mich ausnahmsweise in Bewegung. Schließlich laufe ich jetzt auf sicherem Grund, immer am Geländer seiner Vorgabe entlang - aber ohne einen Schritt zur Seite!

Verhältnis zu Ihnen

Wann immer Sie etwas bewegen wollen: Ich stehe Ihnen wie ein Felsklotz im Weg! Wenn Sie ein klares "Ja" oder "Nein" brauchen, kommt nur ein "Jein" heraus. Ich schiebe Ihre Anfragen auf die lange Bank. Und lasse Ihre Ideen so lange liegen, bis ich sie schließlich als "überholt" ablehnen kann.

Wenn Sie ein Anliegen haben, zu dem der Oberboss nicken muss, bin ich ein schlechter Anwalt. Als ängstlicher Bote fürchte ich, durch Ihre Gehaltsforderung um einen Kopf gekürzt zu werden. Darum sehe ich "erst mal" von diesem Vorstoß ab. Wenn Sie mich fragen, was aus Ihrem Anliegen geworden ist, zaubere ich Ausreden aus dem Hut - obwohl ich sonst nicht gerade kreativ bin.

In Konflikte zwischen Mitarbeitern mische ich mich grundsätzlich nicht ein. Ich könnte ja die falsche Seite unterstützen!

Vorteile für Sie

Sie müssen keine bösen Überraschungen fürchten. Nie falle ich Ihnen mit der Tür ins Haus - nicht mit plötzlichen Überstunden, nicht mit neuen Kollegen, nicht mit einer Umorganisation Ihres Arbeitsplatzes. Wenn es Ihnen gelingt, sich Freiräume für Ihre Entwicklung zu schaffen, können Sie ein schönes und vor allem ruhiges Leben haben.

Bedienungsanleitung

  • Ein paar Tricks, wie Sie mich doch zu Entscheidungen bewegen können: Malen Sie in schwärzesten Farben aus, was passiert, wenn ich nicht entscheide. ("Der Umsatz sinkt nächstes Jahr um 15 Prozent, wenn wir nicht übers Internet vertreiben. In zwei Jahren voraussichtlich um 30 Prozent ...") Wenn Sie überzeugend sind, wird meine Angst vor der Nicht-Entscheidung größer als vor der Entscheidung sein!

    Beziehen Sie sich auf Autoritäten, deren Wort bei mir hoch im Kurs steht. Zum Beispiel könnten Sie mich an ein Rundschreiben der Geschäftsleitung erinnern, wo ausdrücklich Innovationen gefordert werden. Sie wissen ja: Nur der Oberboss bringt mich in Bewegung!

    Stellen Sie mir höchstens drei Entscheidungsalternativen zur Wahl. Davon sollten zwei so indiskutabel sein, dass die dritte daneben wie der Stern von Bethlehem strahlt. Ich muss das Gefühl haben: Hier ist kein Irrtum möglich!

    Lassen Sie sich nicht auf eine Entscheidung am nächsten Tag vertrösten. Über Nacht packen mich garantiert die Bedenken! Stattdessen halten Sie es wie ein guter Verkäufer und bringen das "Geschäft" sofort unter Dach und Fach.

  • Treffen Sie keine Vereinbarung mit mir, ohne einen klaren Zeitrahmen zu stecken. Wobei Sie die aktive Rolle übernehmen, also nicht zu mir sagen: "Bitte kommen Sie noch mal auf mich zu, wenn Sie die nötigen Informationen haben", sondern: "Ich werde Sie auf diesen Punkt noch einmal ansprechen - bis wann werden Sie die nötigen Informationen haben?" Wenn ich "Freitag" sage, müssen Sie dann bei mir auf der Matte stehen. Und zur Not immer wieder kommen. Irgendwann nerven Sie mich so sehr, dass mich eine Entscheidung weniger Energie als das ständige Abwimmeln kostet.
  • Nutzen Sie jede Gelegenheit, unaufdringlich mit dem Oberboss in Kontakt zu treten. Zum einen erhöht das Ihre Beförderungschancen (von mir dürfen Sie in dieser Hinsicht nichts erwarten!). Zum anderen macht es Ihnen den Alltag leichter: Wenn ich spüre, dass Sie beim Oberboss hoch im Kurs stehen, färbt seine Autorität auf Sie ab.

(Auszug aus Martin Wehrle: Die Geheimnisse der Chefs, Hoffmann & Campe)

Außerdem in Martin Wehrles kleiner Typologie der Bosse:

Cheftyp Superstar: "Ich bin der Größte!"
Cheftyp kreativer Chaot: "Hurra, eine neue Idee!"
Cheftyp Nichtskönner: "Ach wie gut, dass niemand weiß ..."
Cheftyp Bremsklotz: "Erst mal abwarten ..."

Martin Frommann
Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor von "Die Geheimnisse der Chefs", "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und anderer Bücher.

insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Carnival Creation, 18.04.2011
1. .
Nochmal: solange die bestehenden Karriere-Auslesekriterien Zauderer bevorzugen, wird sich daran nichts ändern. Ich lache ohnehin schon lange darüber, wenn ich lesen muß, daß all diese überbezahlten 'Führer' ja auch Risiken eingehen müssen und deshalb soviel Geld einsacken. Das tägliche Leben zeigt das Gegenteil.
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