Cheftyp Superstar "Ich bin der Größte!"

Manche Bosse sind echte Helden und Mittelpunktmenschen - wenn sie Visionen haben, gehen sie nicht zum Arzt, sondern machen eine Show daraus.

Der Boss, heute ein König: Er erwartet Demut und Kniefälle
Corbis

Der Boss, heute ein König: Er erwartet Demut und Kniefälle

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Ich liebe es, im Mittelpunkt zu stehen! Wenn alle Blicke an meinen Lippen kleben, komm' ich so richtig in Fahrt. Jede meiner Leistungen kann ich als Heldentat darstellen - wenn es sein muss, sogar das Hochfahren des Computers! Ich bin eine wandelnde Werbeagentur in eigener Sache. In meinen Monologen dominiert das Wort "ich". Mein Wunsch nach Anerkennung ist so groß, dass er die Grenze zwischen Selbst-PR und Schaumschlägerei locker verwischt. Dass ich Ihre Ideen an meinen Hut stecke, kann dabei schon mal passieren.

Meine Projekte sind ambitioniert, meine Visionen sehen jede Klitsche als Weltkonzern; böse Zungen unterstellen mir "Größenwahn". Schon als Gruppenleiter trete ich mit der Selbstherrlichkeit eines Vorstands auf. Ich träume vom Durchmarsch an die Firmenspitze. Dafür würde ich alles tun. Im Extremfall sogar einmal den Mund halten und zuhören - was mir wirklich verdammt schwer fällt!

Ich schmücke mich gern mit Maßanzügen, teuren Uhren, dicken Autos - und nicht zuletzt mit prominenten Namen! Sobald ich unseren Geschäftsführer duze, taucht er in meinen Erzählungen nur noch als "Karl-Heinz" auf. Und ein Politiker, dem ich mal die Hand schütteln darf, ist danach ein "alter Freund".

Chef-Werdung

Meist steige ich schon in jungen Jahren auf. Mein Ehrgeiz ist groß, meine Ellbogen sind hart und mein Talent zur Selbst-PR hebt mich aus der Masse - ganz besonders in Vorstellungsgesprächen! Deshalb werde ich Ihnen oft als Erlöser angekündigt, wenn ich als Chef von außen komme.

Verhältnis zum Oberboss

Oberboss hier, Oberboss da! Ich nutze jede Gelegenheit, vor ihm zu glänzen: Stürme mit Erfolgsmeldungen in sein Büro, trumpfe in Meetings auf, reiße mich um Präsentationen. Er entscheidet über meine nächste Beförderung. Deshalb ist er wichtig für mich - nur deshalb!Natürlich wüsste ich eine bessere Besetzung für den obersten Chefsessel: mich! Sobald der Stuhl meines Vorgesetzten wackelt, helfe ich beim Todesstoß.

Verhältnis zu Ihnen

Mein Gedächtnis für Zusagen, die ich Ihnen mache, ist so löchrig wie ein Nudelsieb. Bei neuen Mitarbeitern kann es passieren, dass ich nach drei Monaten ihren Namen noch nicht kenne: "Herr Dingsda - wie hieß er noch gleich?" Die meiste Zeit beschäftige ich mich mit dem Wesentlichen: mit mir selbst! Mein Büro steht allen offen, aber Sie sind nur willkommenes Publikum für meine Monologe. Unser Kontakt bleibt oberflächlich.

Ich neige zu Alleingängen, hüpfe über Bedenken hinweg und informiere Sie oft in letzter Sekunde. Wenn überhaupt. Meine Ideen klingen großartig, vor allem in den Ohren der Geschäftsleitung - bis meine Luftschlösser auf Ihrem Schreibtisch und damit an der Realität zerschellen. Was natürlich nicht an meinen Plänen liegt, sondern an Ihrer Ausführung!

Ansonsten ist meine Rückmeldung auf Ihre Arbeit dürftig. Nur auf Fehler reagiere ich heftig. Wenn ich unter Druck stehe, kann es sein, ich zerre Sie als Sündenbock in die Schusslinie.

Vorteile für Sie

Auch der beste General kommt nur mit einer Armee weiter! Zumal dann, wenn er so ehrgeizige Pläne hat wie ich. Sobald ich merke, dass Ihre Arbeit mich voran bringt, werden Sie interessant für mich! Dann können Sie damit rechnen, dass ich Ihre Interessen nach oben vertrete. Mit dem nötigen Nachdruck, wie es sich für einen Meister der Selbst-PR gehört!

Bedienungsanleitung

Erkundigen Sie sich immer wieder nach meinen Zielen: Was will ich erreichen? Gewichten Sie Ihre Arbeit danach und zeigen Sie mir bei jeder Gelegenheit, wie Sie mich voranbringen. Solange ich der Mittelpunkt Ihres Redens bin, sind meine Ohren offen - schließlich gibt's kein interessanteres Thema!

  • Geizen Sie nicht mit Anerkennung! Wer mich für bedeutend hält, gewinnt in meinen Augen an Bedeutung. Oft bewegt mich Ihr Lob dazu, dass ich mir über Ihre Leistung doch Gedanken mache - und mit einem Kompliment antworte. Wofür lobe ich Sie? Durch diese (seltene) Rückmeldung erfahren Sie, wo Sie mir besonders nützen. Bauen Sie Ihre Aktivitäten dort aus!

  • Lehnen Sie meine Ideen nicht sofort als "unrealistisch" ab! Wenn Sie mir mein Kolumbus-Ei entreißen wollen, halte ich es umso mehr fest! Besser: Würdigen Sie zunächst den positiven Aspekt meiner Idee. ("Es wäre großartig, auch auf dem asiatischen Markt ins Geschäft zu kommen!") Und dann holen Sie mich sanft von meiner Wolke. Zum Beispiel durch eine schriftliche "Chancenanalyse". Doppelter Vorteil der Schriftform: Sie sichern sich ab, falls das Projekt ein Reinfall wird. Außerdem kann ich Ihre Stellungnahme in einem stillen Moment lesen und komme vielleicht doch ins Grübeln - anders als vor Publikum, wo ich immer zweifelsfrei auftrete.
  • Beobachten Sie die Halbwertszeit meiner großen Visionen! Vielleicht stellen Sie fest, dass mit jedem neuen Geistesblitz der alte schon wieder vergessen ist. Dann können Sie unrealistische Aufträge fürs Erste auf der langen Bank entsorgen - statt sich unnötige Arbeit zu machen.
  • Stehlen Sie mir nie die Schau - indem Sie zum Beispiel in meiner Gegenwart vor dem Oberboss auftrumpfen. Das würde ich Ihnen lange übel nehmen! Stattdessen sollten Sie mich schon im Vorfeld unterstützen, beispielsweise bei der Vorbereitung einer Präsentation.

(Auszug aus Martin Wehrle: Die Geheimnisse der Chefs, Hoffmann & Campe)

Außerdem in Martin Wehrles kleiner Typologie der Bosse:

Cheftyp Superstar: "Ich bin der Größte!"
Cheftyp kreativer Chaot: "Hurra, eine neue Idee!"
Cheftyp Nichtskönner: "Ach wie gut, dass niemand weiß ..."
Cheftyp Bremsklotz: "Erst mal abwarten ..."

Martin Frommann
Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor von "Die Geheimnisse der Chefs", "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und anderer Bücher.



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