Deutsche Auswanderin in Chile "Leider gibt es hier zu viele Machos"

Julia, 33, arbeitet als Chemikerin unter lauter Männern in der Wüste Chiles, zwölf Stunden am Tag. Als promovierte Wissenschaftlerin hat sie es besonders schwer. Weg will sie trotzdem nicht.

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"Wenn ich auf dem Balkon stehe, sehe ich den Pazifik. Er ist nur 200 Meter von meiner Wohnung entfernt. Seit zwei Jahren wohne ich in Antofagasta, einer 350.000-Einwohner-Stadt im Norden Chiles. Hier gibt es eigentlich nicht viel, außer Wüste und jeder Menge Minen.

Selbst die Chilenen wollen hier nicht wohnen, weil es so trocken ist und es kaum Grünflächen gibt. Und wenn es mal regnet, dann setzt das gleich mehrere Ströme in Bewegung, weil das Wasser nicht mehr im Boden versinkt. Viele Chilenen kommen nur zum Arbeiten her, weil sie in den Minen Kupfer abbauen. Auch ich bin wegen der Arbeit gekommen - und geblieben.

Ich bin im Saarland aufgewachsen, habe in Saarbrücken Chemie studiert und in Mainz promoviert. Danach fand ich eine Stelle in Frankfurt. Die Firma hat sich auf die Gewinnung und Verarbeitung von Lithium spezialisiert. Und weil es den Rohstoff vor allem in Australien und Südamerika gibt, war ich seit meinem ersten Arbeitstag eigentlich nur auf Geschäftsreise. Erst in Australien, später in Chile.

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Ausgewandert: Unter der Sonne Chiles

Ein halbes Jahr lang flog ich immer wieder nach Chile, blieb sechs Wochen dort, flog zurück nach Deutschland, arbeitete ein paar Tage am deutschen Standort, dann ging es wieder nach Chile. In dieser Zeit lernte ich meinen jetzigen Mann kennen, einen Chilenen. Er arbeitet in der gleichen Firma wie ich. Schnell wurde mir klar, dass ich keine Fernbeziehung wollte und ich beschloss, nach Chile auszuwandern.

Für mich schien es einfacher, dort Fuß zu fassen als für ihn in Deutschland - ich hatte ja bereits einen Job. Spanisch sprach ich zwar nicht, aber ich nahm mir einige Spanischlehrer und lernte die Sprache im Job. Das war allerdings nicht so einfach, weil die Chilenen ihre eigenen Wörter für Dinge haben, es sind viele Slangs und Umgangssprache dabei. Oft haben die Worte auch eine doppelte Bedeutung, und man muss aufpassen, nicht in Fettnäpfchen zu treten - so wie ich.

Bei einer Präsentation verwendete ich das Wort 'pico' - Gipfel. Was mir der Google Translator nicht sagte: Die Chilenen benutzen das Wort 'pico' auch für Penis. Meine Kollegen haben alle gelacht, mir war es unendlich peinlich.

Als Frau hatte ich es in Chile ohnehin schwer. Als Chemikerin wurde ich ins Unternehmen geholt, um Prozesse zu optimieren. Ich schaue also, was man verbessern, wo man Geld sparen könnte. Leider gibt es hier zu viele Machos, und ich war etwas naiv, als ich den Job antrat, weil ich dachte, die Kollegen würden mich ernst nehmen. Doch viele wollten sich von einer jungen Frau nichts sagen lassen. Die Kollegen nahmen mich zwar wahr, respektierten mich aber nicht.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Ich habe oft widersprochen, meine Meinung gesagt und wurde auch mal angeschrien oder gebeten, still zu sein. Das hat mich aber nicht eingeschüchtert. Ich habe gelernt, dass ich mit meinem Können überzeugen muss.

Ich musste erst lernen, dass ich mit meiner Direktheit nicht so weit komme. Einmal hörte ich einen Kollegen über mich sagen, ich sehe zwar aus wie eine Frau, aber verhalte mich wie ein Mann. Die Kollegen waren es nicht gewöhnt, sich von einer Frau die Meinung sagen zu lassen. Viele von ihnen hatten zudem noch nie zuvor eine Frau mit Doktortitel kennengelernt.

Ich begriff schnell: erst mal Small Talk machen und dann langsam die Verbesserungsvorschläge anbringen. Ich musste weniger streng sein und viel flexibler. Wenn meine Kollegen zu spät ins Meetings kamen, musste ich bei jedem wieder von vorn erklären.

Vielleicht liegt es auch am Umfeld. Ich arbeite in einer Minen-Gesellschaft, hier gibt es hauptsächlich Männer, und es geht sehr konservativ und hierarchisch zu. Hier macht niemand was, wenn der Chef nicht vorher sein Okay gegeben hat. Zum Glück wird es langsam besser, einige amerikanische Kolleginnen kamen dazu. Doch es fehlen noch Frauen in den Führungspositionen.

Woran ich mich gewöhnen musste, war das Arbeitspensum. Ich arbeite zwölf Stunden am Tag, von Montag bis Freitag. Das ist ganz normal hier. Die Minenarbeiter schuften sieben Tage in den Minen durch und haben dann einige Tage frei. Viele von ihnen pendeln dann zu ihren Familien im Süden.

Überall stehen Sonnencremespender

Die Sonne ist hier unerbittlich. Ich muss mich immer eincremen und nehme dafür Lichtschutzfaktor 70. Sonnencreme gibt es hier an jeder Ecke, in den Unternehmen und Supermärkten stehen überall Spender und in vielen Firmen werden Sonnencremeflaschen verteilt. Ich hatte auch schon ein paar Mal einen Sonnenbrand, weil ich in der Stadt ein paar Erledigungen machte, schon nach einer Stunde waren meine Arme rot.

Wer hier privat versichert ist, bekommt innerhalb von einer Stunde einen Termin beim Experten. Es gibt auch sehr gute Kliniken in Chile, aber nicht unbedingt in Antofagasta. Wenn ich ernsthaft krank werden würde, würde ich nach Santiago fliegen.

Wegen einer Schilddrüsenerkrankung muss ich ab und zu mein Blut untersuchen lassen. Das muss ich mir erst von einem Arzt genehmigen lassen, bei der Krankenkasse in Vorkasse gehen und dann von einem Labor untersuchen lassen. Weil die Mitarbeiter im Labor hier die Etiketten noch mit der Hand ausfüllen, werden die Blutproben auch manchmal vertauscht. Das macht mich etwas unsicher. Für meine Krankenversicherung zahle ich ungefähr 350 Euro im Monat, drei Mal so viel wie die Männer - nur weil ich eine Frau im gebärfähigen Alter bin.

Erst mal werde ich in Chile bleiben, aber wenn ich irgendwann Kinder möchte, würde ich Antofagasta verlassen. Es gibt hier keine Parks, kaum Spielplätze. Zwar gibt es Indoorspielplätze, doch die kosten dann wieder ziemlich viel Geld. Generell ist alles recht teuer hier. Unsere Vier-Zimmer-Wohnung kostet 1200 Euro im Monat. Für einen Wocheneinkauf zahlen wir 300 bis 400 Euro.

Am besten gefällt mir die Mentalität der Chilenen. Die Menschen sind sehr herzlich, freundlich, liebenswert, hilfsbereit. Sie lachen über die Deutschen mit ihren vielen Versicherungen und ihrer ständigen Sorge. Die Chilenen sind mutiger. Wenn sie Geld haben, sparen sie es nicht, sondern geben es für das Leben aus. Sie kaufen sich ein schönes Auto oder einen großen Fernseher - ohne lange darüber nachzudenken.

Hier wird grundsätzlich zur Begrüßung umarmt, auf der Arbeit werden den Frauen zwei Küsschen auf die Wange gegeben. Da bin ich als Deutsche schon mehr Distanz gewöhnt. Im Job habe ich inzwischen mehrfach betont, dass ich lieber Hände schüttele als auf die Wange geküsst zu werden. Meine Kollegen dachten dann, mein Mann hätte mir das verboten, weil er eifersüchtig ist. Sie kamen gar nicht auf die Idee, dass ich das so will."

Kulturschock
  • DPA
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fatherted98 11.02.2019
1. naja...
...wenn sie sich mit den Männern arrangieren kann....Vergewaltigung und sex. Belästigung gilt (vor allem wenn es Gringas betrifft) in Chile als Kavaliersdelikt....und wird meist nicht verfolgt. Ich wäre hier als Frau besonders vorsichtig....es gibt eben Kulturen und Weltgegenden die nicht unbedingt sicher sind.
hansvonderwelt 11.02.2019
2. Die Art der Berichte finde ich gut !
Eine gute Ergänzungen meiner Eindrücke und Erfahrungen.
Cascara LF 11.02.2019
3. Von welchem Chile...
Zitat von fatherted98...wenn sie sich mit den Männern arrangieren kann....Vergewaltigung und sex. Belästigung gilt (vor allem wenn es Gringas betrifft) in Chile als Kavaliersdelikt....und wird meist nicht verfolgt. Ich wäre hier als Frau besonders vorsichtig....es gibt eben Kulturen und Weltgegenden die nicht unbedingt sicher sind.
...phantasieren Sie hier? Das Chile in das ich seid fast 11 Jahren Jahren zweimal pro Jahr aus dienstlichen Gründen reise, habe ich so nicht erlebt. Zugegeben, Machos sind weit verbreitet aber Belästigung als Kavaliersdelikt ist schon seit Jahrzehnten kein Alltagsverhalten mehr. In einigen Teilen der Bevölkerung herrscht dieses Bild vielleicht noch, gerade und insbersondere wenn es sich um Frauen mit hellem Haar handelt, aber das finden wir in Deutschland in manchen Gesellschaftsschichten ebenfalls. Zum Thema Sicherheit. Chile ist das mit Abstand sicherste Land in Südamerika - vergleichbar mit Ländern in Mitteleuropa. Lassen Sie mal die Kirche im Dorf und Ihre Vorurteile uns Verallgemeinerungen da wo sie hingehören.
roenga 11.02.2019
4. Da wedelt der Schwanz mit dem Hund
Soso, in einer Arbeitsumgebung, in der Frauen die absolute Ausnahme sind, sollen die 99% sich also gefälligst mehr an den 1% orientieren. Das nenne ich westlich feministisches Anspruchsdenken! Realistischer wäre es, wenn die Minderheit sich innerhalb bestehender Gesetze und Regeln der Mehrheit anpasst. Genauso gut könnte die Dame und die wenigen neuen amerikanischen Kolleginnen verlangen, dass alle anderen gefälligst deutsch oder englisch lernen.
welt_frieden 11.02.2019
5. Spannend!
Ich mag die Beiträge über Auswanderer. Lustig ist der Satz "schon nach einer Stunde hatte ich rote Arme". Wenn man sich die Dame auf dem Foto anschaut, liegt ihre Eigenschutzzeit vermutlich bei 5 Minuten ;-) Der Wohnungspreis schockiert mich, wie machen es die Arbeiter dort, die sicherlich den Bruchteil von Frau Dr. verdienen?
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