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Co-Working in der Provinz So geht es Städtern auf dem Land

Viele Büroarbeiter in den Metropolen träumen vom Landleben – neue Angebote und der Homeoffice-Boom der Corona-Monate machen es möglich. Eine aktuelle Studie zeigt: Ganz so einfach ist es nicht.
Das Pferdegut Mechow bei Ratzeburg hat auch einen Co-Working-Space. Wegen Corona gibt es nur Frischluftplätze – nach der Winterpause

Das Pferdegut Mechow bei Ratzeburg hat auch einen Co-Working-Space. Wegen Corona gibt es nur Frischluftplätze – nach der Winterpause

Foto: Philipp Schmidt

Co-Working-Spaces auf dem Land erscheinen vielen Menschen geradezu als Verheißung: Städtern, weil sie von einem entschleunigten Leben träumen und Landbewohnern, weil sie sich eine Belebung ihrer Region erhoffen.

In Co-Working-Spaces kommen Menschen zusammen, um gemeinsam, aber nicht unbedingt miteinander zu arbeiten. In deutschen Großstädten findet man sie schon recht häufig. Vor allem Freiberufler kommen dort zwanglos zusammen, jeder macht sein eigenes Ding, muss aber nicht allein zu Hause sitzen.

Aber das Konzept ist nicht auf die Metropolen beschränkt. Im Gegenteil, viele träumen derzeit von der Stadtflucht, und Corona scheint den Trend zu verstärken: Lass uns einen Bauernhof im Grünen zum Gemeinschaftsbüro ausbauen – raus aus dem Trubel der City, aus der Enge, aus den Hotspots. Und in der vermeintlichen Provinz überlegen viele Bürgermeister, ob dieser Trend nicht die Chance bietet, wieder junge Menschen aufs Land zu locken. Von beiden Seiten: große Hoffnungen.

Werden die Co-Working-Spaces sie erfüllen können? Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung, »Co-Working im ländlichen Raum«, befasst sich mit den Perspektiven der Idee. Zwei Jahre lang haben die Autoren die Nutzer von CoWorkLand-Spaces zu ausführlichen Interviews eingeladen. Die Genossenschaft unterstützt deutschlandweit ländliche Co-Working-Spaces und betreibt zu Forschungszwecken drei transportable Spaces: Container, die man auf einem Lkw transportieren kann und die je für ein paar Wochen an wechselnden Orten aufgebaut wurden. Die Auswertung der 166 ausführlichen Interviews vermittelt einen Überblick über Bedürfnisse, Vorstellungen und Möglichkeiten der Szene.

Diese Einblicke in das Leben und Arbeiten der Co-Worker ergeben das Psychogramm eines Trends, dem immer mehr Menschen folgen. Vier Thesen zur Zukunft auf dem Lande.

Luft, Natur, Weite: Der Pop-up-Space in Mechow

Luft, Natur, Weite: Der Pop-up-Space in Mechow

Foto:

Marco Stepniak / Genossenschaftsverband

1. Co-Working als Alternative zum Homeoffice

Die Corona-Pandemie zwingt viele Arbeitnehmer ins Homeoffice. Wider Erwarten gefällt das vielen Arbeitgebern ganz gut. Sie träumen davon, auch in Zukunft weniger Mitarbeiter gleichzeitig in der Zentrale präsent zu haben und so Bürokosten zu sparen.

Es sagt aber niemand, dass Homeoffice-Arbeiter tatsächlich im eigenen Zuhause sitzen müssen – die Mitarbeiter werden flexibler. Andererseits werden durch diese Entwicklung die private und die berufliche Welt miteinander verbunden. Und zwar stärker, als vielen lieb ist.

Deshalb entscheiden manche von ihnen, sich zumindest phasenweise einen Büroplatz im Co-Working-Space zuzulegen: Dort hat man nicht nur alle technischen Möglichkeiten, ohne sich selbst darum kümmern zu müssen. Man ist auch in zwangloser Gesellschaft. Und der vielleicht größte Vorteil: Wenn man den Space nach getaner Arbeit verlässt, ist tatsächlich Feierabend. Wie früher in der Firma.

Sicher, wer in der Nähe der Firmenzentrale wohnt, hat das nicht nötig. Umgekehrt wird aber für viele ein Vorteil draus: Sie müssen eben nicht mehr in der Nähe ihres Arbeitgebers wohnen.

Solange die Pandemie noch alle in die Isolation zwingt, mag diese Entwicklung gebremst verlaufen: Derzeit darf man Co-Working-Spaces nur mit Corona-Maske nutzen, zwischen den Co-Workern ragen Plexiglasabtrennungen auf. Aber wenn das vorbei ist, bleibt Firmen und Mitarbeitern die Homeoffice-Routine aus den Corona-Monaten und die Erfahrung, dass Arbeit und Privatleben zwar gern neu organisiert werden dürfen, gerade dann aber sauber getrennt werden müssen.

So beobachten die Studienautoren, dass sich zunehmen auch Angestellte fürs Co-Working auf dem Lande interessieren. Zum Beispiel, weil man sich auch von dort ins Firmennetzwerk einloggen kann – vielleicht in der Nähe einer hübschen Ferienwohnung. Oder weil mancher Projektarbeiter, der sonst zwischen dem Kunden und der Zentrale lange Wege zurücklegen musste, demnächst lieber für ein paar Wochen in Kundennähe bleibt und einen geliehenen Büroplatz nutzt.

Co-Working in Wittenberge: Gute Lage, historisches Gebäude

Co-Working in Wittenberge: Gute Lage, historisches Gebäude

Foto:

Westend61/ imago images

2. Co-Working auf dem Land kann die Provinz nachhaltig beleben

Co-Worker, die von einem neuen Landleben träumen, sehen die Strukturschwäche der Provinz als Vorteil. Sie suchen ein Leben abseits der Metropolen, die Nähe zur Natur und den Freiraum einer Landschaft, die eben nicht dicht besiedelt ist. Dafür brauchen sie Internet, erschwingliche Immobilien und eine Versorgungsstruktur, die aber nicht so aussehen muss wie in der Innenstadt. Statt der Auswahl zwischen drei Discountern genügt oft schon ein Bäcker, ein Kaufladen.

Wenn sich eine Gemeinde von einem Co-Working-Space allerdings langfristige positive Effekte erhofft, braucht es mehr. Erst wenn es in sinnvoller Entfernung Schulen und Kinderbetreuungsangebote gibt, werden auch solche Co-Worker angezogen, die Familie haben. Damit kann eine Dynamik in Gang gesetzt werden, mit der tatsächlich wieder jüngere Menschen aufs Land ziehen. Ein vielversprechendes Projekt gibt es in der Kleinstadt Wittenberge , an der ICE-Strecke zwischen Hamburg und Berlin gelegen.

Ein Positivbeispiel haben die Autoren außerdem in Ostbrandenburg ausgemacht: In der Alten Schule Letschin hat sich demnach mit dem Co-Working-Space ein vielfältiges Angebot entwickelt: »Die Räumlichkeiten werden von der lokalen Chorgruppe, dem Sportverein und für SeniorInnentreffen genutzt – allein weil das Haus durch den Co-Working-Space jetzt dauerhaft geöffnet und mindestens mit einer Person vor Ort besetzt ist.« Zwar hätten diese Gruppen theoretisch wenig Berührungspunkte mit den Gründern und Freiberuflern. Aber durch die Nähe ergäben sich zahlreiche neue Kontakte.

Wichtig ist außerdem die Anbindung. Vorteile haben Orte, die wie Wittenberge beispielsweise eine regelmäßige Bahnverbindung zu den Metropolen haben. So entstehen zahlreiche Co-Working-Spaces entlang gängiger Pendlerstrecken und laden Nutzer ein, den Arbeitsweg zu verkürzen. Potenzial haben laut der Studie vor allem stillgelegte Bahnhofsgebäude, weil sie für relativ wenig Geld viel Raum in verkehrsgünstiger Lage bieten.

Der Reiz von Co-Working auf dem Land: Freiräume statt bürofarbener Legebatterien

Der Reiz von Co-Working auf dem Land: Freiräume statt bürofarbener Legebatterien

Foto:

CoWorkLand

3. Co-Working muss auf dem Land ganz anders aussehen als in der Stadt

In den Großstädten reicht es meist, wenn ein Co-Working-Space eine gute Infrastruktur und attraktive Räume bereitstellt: Die passende Mischung aus offenen Flächen, in denen mehrere Kunden nebeneinander arbeiten, aus Gruppenarbeitsräumen, Einzelbüros und Videokonferenzzimmern. Viele Städter leben in eher kleinen Wohnungen, in denen es kein separates Arbeitszimmer gibt; das ist oft der ausschlaggebende Grund, überhaupt Co-Working-Spaces zu nutzen.

Auf dem Land ist die Lage anders: Platz ist selten ein Problem, Wohnraum deutlich günstiger. Soll ein Co-Working-Space langfristig Zulauf haben, ist die Community wichtig: Menschen, die dort regelmäßig arbeiten, schätzen Gelegenheiten zur zwanglosen Vernetzung – etwa durch attraktive Gastronomie und nicht zuletzt durch Veranstaltungen. Das können Workshops sein, Konzerte, Lesungen oder Weiterbildungsangebote. Gerade ein Kulturangebot ist oft wichtig, weil in diesem Bereich in den meisten Landstrichen weniger geboten ist als in der Stadt.

Solche Angebote sind aber vergleichsweise kostspielig, auch eine kontinuierliche Community-Betreuung kostet Geld. Viele ländliche Spaces sind daher Gründungen von Unternehmen, die ohnehin schon vor Ort waren. Sie machen den eigenen Mitarbeitern mit ihrem Co-Working-Space ein neues Arbeitsortangebot und sprechen zugleich Externe an. Für sie ist das eine Mischkalkulation und kann sich schon deshalb rechnen, weil die eigene Firma für die Mitarbeiter attraktiver wird. Als Beispiel wird in der Studie das Kinzig Valley im hessischen Gelnhausen angeführt. Bernd Weidmann gründete es 2018 als Erweiterung des Hauptsitzes seiner Marketingagentur. Inzwischen gibt es einen zweiten Standort in Wächtersbach.

Bei Start-ups erkennen die Studienautoren häufig schon den nächsten Schritt: Warum überhaupt eine Firmenzentrale mieten, wenn es doch ohne geht? Gerade Digitalarbeitern ist schwer zu erklären, warum sie nicht einfach irgendwo in der Welt arbeiten. Allerdings werden auch solche Unternehmen regelmäßig echte Treffen anstreben, sei es für Einzelteams oder für die gesamte Belegschaft, um das gegenseitige Vertrauen der Mitarbeiter, den Gemeinschaftsgeist und die Identifikation mit der Firma zu stärken.

Sollte dieses Modell mehr Verbreitung finden, wird das auch die Angebote der Co-Working-Spaces verändern, mit mehr separaten Gruppenräumen und mit Stammkunden, die regelmäßig in Mannschaftsstärke vor Ort sind. Auch das kann positiv für eine Kommune sein, weil die regelmäßigen Gäste Übernachtungsplätze und Freizeitangebote im Ort nachfragen.

Die Container von CoWorkLand im Sommer 2020 auf dem Waterkant-Festival in Kiel

Die Container von CoWorkLand im Sommer 2020 auf dem Waterkant-Festival in Kiel

Foto: CoWorkLand

4. Co-Working ist oft ein Zuschussgeschäft – und kann sich dennoch lohnen

Bei aller Begeisterung, die die Studienautoren für die neuen Möglichkeiten des Co-Workings erkennen lassen: Noch immer entstehen die Spaces in Nischen des Wirtschaftslebens. Der Normalfall einer deutschen – sagen wir: technischen – Entwicklungsabteilung ist ein Zentralgebäude am Firmensitz; mit guten Argumenten wird gerade Ingenieursarbeit in der Nähe der Fertigung erledigt, die kurzen Wege helfen beim Lösen von Problemen.

Das heißt: Viele Co-Working-Spaces operieren in Größenordnungen, in denen es schwer ist, überhaupt Gewinn zu machen. Die Antwort heißt in vielen Fällen, Spaces mit mehreren Standorten zu entwickeln, sei es als Netzwerke von unabhängigen Betreibern, sei als Filialisten – Hauptsache, es gibt Synergieeffekte. Keine Überraschung: Die Treiber bei Gründungen von Co-Working-Ketten auf dem Land sind die regionalen Wirtschaftsförderungen. Auch wenn der jeweilige Co-Working-Space lange ein Zuschussgeschäft bleibt, kann sich das aus ihrer Sicht durchaus lohnen – Stichwort: Rettung der Provinz.

Wenn alles gut läuft, kann es laufen wie im Holsteinischen Viehbrook in der Nähe von Plön, wo viele Co-Worker eine neue (zweite) Heimat gefunden haben. Dieses Positivbeispiel aus der Studie zeigt aber auch, dass es für eine nachhaltige Entwicklung auf dem Lande mehr braucht als eine Handvoll Büroarbeitsplätze. Zu dem Bauernhof gehört neben dem Co-Working-Space ein kleiner Kaufmannsladen und eine Kita, es gibt neben den Wohnhäusern ein Restaurant und eine Pension.

Damit ist das Gehöft weit mehr als eine Kulisse für Videokonferenzen: Es wird für seine Nutzer zum Arbeits- und Lebensmittelpunkt. Eigentlich wie früher.

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