Frag Anne Wer stutzt den jungen Kollegen zurecht?

Er ist noch Anfänger, aber sein Ego hat eine eigene Postleitzahl - der neue Kollege nervt Unternehmensberater Kai tödlich. Ignorieren, ausbremsen, zusammenfalten? Managementexpertin Anne Weitzdörfer weiß Rat.

Kollege mit zu großer Bugwelle: Wer sagt's ihm bloß?
Corbis

Kollege mit zu großer Bugwelle: Wer sagt's ihm bloß?


Ich arbeite seit vier Jahren in einer Beratung und habe immer wieder ganz junge Kollegen im Team. Das macht an sich Spaß, diesmal nervt es mich aber kolossal. Denn mein Kollege denkt, er sei schon jetzt ein Großer, und haut den ganzen Tag pseudo-harte Sprüche raus. Dabei ist er ein schmalbrüstiger Uni-Absolvent und dazu einfach kein cooler Typ, was das Ganze extrem aufgesetzt und albern wirken lässt. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich gerade unter Anspannung echt kontrollieren muss, um ihm nicht zwischendurch mal so richtig eins reinzuwürgen. Wie kann ich professionell bleiben?
Kai, 32 Jahre, Unternehmensberater

Zur Autorin
  • Tobias Nikolajew
    Als Beraterin und Coach kennt Anne Weitzdörfer sich mit Problemen im Büro bestens aus. Bevor sie sich selbständig machte, war sie einige Jahre in einer Strategieberatung tätig. Heute berät sie Unternehmen im Bereich Organisationsentwicklung.
  • Haben Sie eine Frage an sie? Schicken Sie eine E-Mail.
Anne Weitzdörfer antwortet:
Was würden Sie tun, wenn Sie einfach niemand richtig ernst nimmt? Es gibt Menschen, die fügen sich in ihr Schicksal und versuchen Zeit ihres Lebens nicht aufzufallen. Nicht so Ihr junger Kollege. Der lässt sich nicht unterkriegen und schafft ganz pragmatisch Abhilfe, frei nach dem Motto "Fake it till you make it". Ist doch irgendwie ganz schlau.

Und jetzt kommen Sie und sagen, dass Selbst- und Fremdbild nicht zusammenpassen? Ich finde, Sie könnten im ersten Schritt anerkennen: Das ist bisher eine ganz gute Überlebensstrategie gewesen und hat ihn immerhin bis hierhin gebracht.

Gleichzeitig verstehe ich, dass es nervt, wenn der halbe Hahn den ganzen Tag Sprüche wie ein Großer kloppt und es einfach nicht ist. Es wäre natürlich ein Leichtes, dem Kollegen mit ein paar markigen Kontern zu zeigen, dass er unverkennbar in der Kreisliga boxt. Was würde passieren? Entweder zerstören Sie das mühsam aufgebaute Ego im ersten Angriff, was zum einen echt schade und zum anderen nicht so nett wäre. Oder Sie werden zum neuen Idol und hören demnächst Ihre eigenen Sprüche in kopierter Version. Lieber nicht.

Verbiegen ist auch keine Lösung

Alternativ könnten Sie dem Kollegen beim nächsten Mal direkt und ohne Umschweife erklären, dass es sich hier um ein seriöses Berufsbild handelt. Und er nicht den Helden zu spielen braucht, sondern tagsüber bitte einfach die Ohren spitzt.

Ich vermute, dass Ihr lernbegieriger Kollege das einfach wortlos schluckt und - wenn Sie es mit entsprechender Härte vortragen - sich ab sofort genau so verhält. Kann man machen, muss man aber nicht. Denn Sie entwickeln den Kollegen nicht weiter, sondern verbiegen ihn nur in die andere Richtung.

Ich rate Ihnen, sich abends mal beim Bier zusammenzusetzen: Sie versuchen zu verstehen, warum er sich so verhält. Dazu fragen Sie ihn, ob er sich in der Beratung gut eingelebt hat und wie es ihm im Projekt gefällt. Wenn er aufmacht und ein bisschen erzählt, fragen Sie ihn, ob Sie ihm mal eine persönliche Rückmeldung geben dürfen. Und schildern ihm ehrlich, wie seine Sprüche ankommen. Und zwar nicht von Projektleiter zu Consultant, sondern von Mann zu Mann.

Ich bin sicher, dass er sich danach mehr zurückhält und es auch Ihnen leichter fällt, in angespannten Situationen gelassen zu bleiben.

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grumpy53 22.07.2015
1. von Mann zu Mann
es erstaunt mich schon einigermaßen, dass jemand, der Unternehmen berät, an den einfachsten Dingen unsicher wird, die im Team so menscheln. Zur Beratung eines Unternehmens gehört auch der Blick auf die Menschen und ihre Verhaltensweisen, die Fähigkeit, damit umzugehen und last but not least zu integrieren und zu motivieren. Von Mann zu Mann beim Bier wäre nicht meine Lösung, zu diesem Zeitpunkt sozusagen eine private Beziehungsebene aufzubauen - oder auch nur taktisch einzusetzen, kann auch nach hinten losgehen. Den Vorschlag das ganze in einem Gespräch zum Einleben und gemeinsamen Blick auf seine Rolle im Team und seine Wirkung in gebotener Sachlichkeit und mit Respekt halte ich für unbedingt sinnvoll. Regelmäßiges Feedback ist nicht verzichtbar. Auf so hohle Worte wie "wertschätzend", die sich schick anhören, aber meistens das Gegenteil bedeuten, würde ich verzichten. Wo das Verhalten nicht gut kommt, kann man erst mal auf die positiven Aspekte eingehen und diese verstärken.
Münchner MV 22.07.2015
2.
Es gibt schon einen Unterschied von Beratern und Beratern. Das ist keineswegs eine homogene Masse und die jeweiligen Mitarbeiterstrukturen und Denkansätze unterscheiden sich gewaltig. Die jungen, teils sehr von sich selbst eingenommen "Schlauschwammerl" (Besserwisser könnte man sagen) sind jedoch keine alleinige Erscheinung der Consultant-Welt. Vielmehr sind das die ersten Auswüchse von Kuschelpädagogik und Übermotivierten Eltern. Wenn Torben-Malte die ganze Kindheit vorgebetet wird, er sei der allerbeste, Mami eine Petition startet wenns für eine Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen nicht reicht und die Helikopter-Eltern die Lehrer verklagen, weil es trotz England-Sprachurlaub nicht für die 1 gereicht hat... Ja dann kommt das große Erwachen nach dem Studium, was soll man sonst werden als Berater? Da wird übersehen, dass dies ein mind. 60 Std/Woche Job ist, man nach dem Studium trotzdem noch von absolut nichts eine Ahnung hat und man besser etwas teifer Stapeln sollte. Da gibt es nur eine herangehensweise - Deutliche Worte. Des Schlauschwammerl zurechtstutzen und klipp und klar machen, dass man nun in der "Erwachsenenwelt" ist und die Uhren sich anderes drehen. Und wenn Torben-Malte dann Schnappatmung bekommt, sich einnässt und nach Mami schreit, ja dann ist halt Berater doch nicht seine Welt.
corn5 22.07.2015
3. Und wenn nicht?
Wenn er nicht aufmacht und ein unsympath bleibt? Dann doch zusammenfalten? Hier bleibt eine wichtige antwort schuldig.
Newspeak 22.07.2015
4. ...
Der lässt sich nicht unterkriegen und schafft ganz pragmatisch Abhilfe, frei nach dem Motto "Fake it till you make it". Ist doch irgendwie ganz schlau. Schlau? Blendertum ist schlau? Na ja, zugegeben, leider denken das wohl viele, wenn man sich seine Umwelt so anschaut. Warum soll man eigentlich einem aufgeblasenen Ego nicht einmal die heiße Luft ablassen? Wenn es nämlich ein echtes Ego wäre, wenn etwas dahinter stünde, was dieses Ego stützt, dann geht das nämlich nicht. Zu merken, als Jungspund, daß man ein solches Ego hat, wäre von Vorteil. Zu merken, wenn man (noch) kein solches hat, aber auch. Wenn man sich die wirklich Großen anschaut, die echten Persönlichkeiten, die mit Charakter, dann wird man feststellen, daß sich diese Größe und das entsprechende Ego sehr oft mit einem gehörigen Maß an Demut paart. Diese Leute wissen wo sie stehen, weil sie ihre Grenzen kennen, ihre Schwächen, ihre Selbstzweifel, die sie vielleicht sogar zeigen können, ohne ihr Ego anzukratzen. Mit solchen Leuten kann man auch hervorragend auskommen und arbeiten. Die stecken ihre Energie nämlich auch in ihre Arbeit und nicht in den Aufbau und die Bewahrung von Fassaden. Andersherum...jemand der in jungen Jahren ein falsches Selbstbild von sich entwickelt, und immer damit durchkommt, wird später noch viel unterträglicher. Selbstverliebt, selbstgerecht, eingebildet, narzisstisch bis zum Größenwahn. Und aus seiner Sicht ja auch völlig zurecht, denn niemand hat ihn je darauf hingewiesen, daß hinter seinem Auftreten gar keine Substanz steckt. Insofern, mein Tipp...freundlich, höflich, aber bestimmt und konsequent mal die Substanz testen, den Jungspund mal einem Stresstest aussetzen, und schauen, wie er reagiert. Man wächst nämlich nicht, wenn alles immer nur harmonisch ist und es hilft keinem, wenn man etwas vortäuscht. Jetzt ist die Gelegenheit dazu, später sind alle nachteiligen Verhaltensweisen eingefahren und kaum noch zu ändern. Man sollte lediglich darauf achten, daß man denjenigen, um den es geht, nicht vor allen anderen bloßstellt, oder persönlich kränkt, aber in einem geschützten Raum, vielleicht sogar als Ankündigung eines Tests, warum nicht?
shadowxx 22.07.2015
5. Merkwürdige Argumentationen der Autorin
Ich muss mich Kommentar 2 anschließen. Die "Empfehlung" seitens der Autorin ist genau das falsche. So jemand muss mal ein bisserl von seinem Ross runtergeholt werden, natürlich unter 4 Augen und nicht vor versammelter Mannschaft. Die Argumentationen der Autorin sind sehr.....ich weiß nicht genau wie ich es nett sagen soll...."interessant", aber wir sind hier nicht auf der Schule, sondern im Berufsleben und solche "Berater" sind für das Geschäft eher schädlich als nützlich (ein Bekannter, der genau unter dem gleichen Syndrom leidet wie der im Text beschriebene hat seinem Chef 2 Kunden direkt gekostet und 5 weitere wollen unter keinen Umständen das dieser an weiteren Projekten beteiligt ist). .
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