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02. Mai 2017, 05:06 Uhr

Coaching für Sensible

Raus aus der Kellner-Falle!

Feinfühlige Menschen dienen oft anderen statt sich selbst. Und am Ende sind alle unglücklich, beobachtet Karrierecoach Martin Wehrle. Deshalb: im eigenen Leben lieber Koch als Kellner!

Könnten Sie Madonna erschüttern mit dem Satz: "Du bist erfolglos!"? Bill Gates mit: "Du bist arm!"? Papst Franziskus mit: "Du bist unbarmherzig!"? Egal, wie sensibel die Genannten sind: Diese Angriffe verpuffen. Und warum? Madonna weiß: Ich bin erfolgreich. Gates weiß: Ich bin reich. Franziskus weiß: Ich bin barmherzig.

Eine Attacke lässt uns kalt, solange wir sie für unberechtigt halten. Der Vorwurf ist nur die brennende Lunte, der Sprengstoff steckt in uns selbst. Sobald Sie eine Anschuldigung heimlich teilen, knallt es. Wer sich für schüchtern hält und dafür schämt, reagiert alarmiert, wenn ein anderer auf seine (vermeintliche) Schwachstelle zielt.

Prüfen Sie einmal, welche Äußerungen Sie in den letzten Jahren am meisten verletzt haben. Was fällt Ihnen spontan ein? Und dann fragen Sie sich: Warum war ich davon so getroffen? Könnte es sein, dass der Vorwurf von außen zugleich ein heimlicher Selbstvorwurf war?

Selbstakzeptanz wirkt wie ein Bad in Drachenblut: Die Speere der Angreifer verlieren ihre Bedrohlichkeit. Aber Selbstakzeptanz fällt schwer: Als Kleinkinder haben wir alle pausenlos gespürt, dass wir unzulänglich sind - nicht so perfekt wie die Erwachsenen.

Die Eltern wollten uns stubenrein, aber wir? Haben in die Hose gemacht! Die Eltern wollten uns still, aber wir? Haben wie am Spieß geschrien! Die Eltern wollten, dass wir unseren Brei aufessen, aber wir? Haben ihn ausgespuckt! Jedes Kind durchläuft eine solche Sozialisation, auch ohne Verschulden der Eltern.

Und je sensibler Sie waren, desto mehr wuchs in Ihnen der Wunsch: Ich will es meinen Eltern recht machen! Damit Papa wieder lächelt und Mama mir übers Haar streichelt. Sie aßen den Teller leer, obwohl Sie keinen Hunger hatten. Statt zu tun, wonach Ihnen war, taten Sie, was andere erwarteten.

Und fürs Leben blieb womöglich hängen: Wenn ich tue, was ich will, handle ich schlecht - ich muss mich nach dem Willen der anderen richten. Diese Haltung macht viele zu Kellnern im Lokal des Lebens: Sie erfüllen anderen jeden Wunsch, wie einst den Eltern. Sie versuchen, die Gedanken ihrer Mitmenschen zu erraten. Dann servieren sie, was die anderen mutmaßlich beglückt. Aber wo bleiben ihre eigenen Bedürfnisse?

Vorauseilender Gehorsam kann zu gravierenden Fehlentscheidungen führen: Zum Beispiel bietet der sensible Einkäufer seinem Chef an, die nächsten Wochenenddienste zu übernehmen - obwohl er mit seiner Kraft selbst am Ende ist. Oder die Ehefrau bietet ihrem Mann an, dessen geliebte Mutter zu Hause zu pflegen - obwohl sie die Mutter nicht ausstehen kann. Oder die Tochter entscheidet sich für ein BWL-Studium, weil sie spürt, ihren Eltern damit eine Freude zu machen - in Wirklichkeit aber interessiert sie sich für Kunst.

Was passiert, wenn die Ehefrau die Schwiegermutter über Jahre pflegt? Sie sperrt ihre eigenen Gefühle im Keller ein, um einen Wunsch zu erfüllen, den ihr Mann so nicht geäußert hat. Und wenn sie es nicht mehr aushält? Dann kann sie nach Jahren schlecht sagen: "Ich habe deine Mutter noch nie leiden können, jetzt ist Schluss!"

Und auch der Einkäufer stellt sich eine Falle: Wie wird sein Chef es deuten, dass er sich freiwillig für die Wochenenddienste meldet? Er wird als Spezialist für Überstunden und Sondermissionen gelten. Schon hat der Einkäufer ein Bild von sich gezeichnet, das den Wünschen seines Chefs entspricht - aber völlig gegen seine eigene Natur läuft.

Und die BWL-Studentin wird ihr Studium vielleicht abschließen, nur weil sie es angefangen hat. Und dann wird sie einen Job nur deshalb übernehmen, weil ihr Studium sie dafür qualifiziert. Das ganze Leben gerät zur Irrfahrt. Die Eltern meinen, eine glückliche Tochter zu haben, bis sie ihnen irgendwann an den Kopf wirft: "Ihr habt mein Leben verpfuscht!"

"Wenn du damit beginnst, dich denen aufzuopfern, die du liebst, wirst du damit enden, die zu hassen, denen du dich aufgeopfert hast", beschrieb der Dramatiker George Bernard Shaw diesen Mechanismus, der am Ende alle unglücklich macht.

Das ist ja der Hohn, wenn Sie Ihr Leben nach dem Kellner-Prinzip führen: Diejenigen, denen Sie es recht machen wollen, werden betrogen - Sie spielen Übereinkunft vor, wo keine ist. Zum Beispiel denkt die Ehefrau: "Wenn ich die Mutter meines Mannes nicht pflege, hält er mich für kaltherzig." Aber angenommen, sie würde sich selbst (als warmherzig) akzeptieren: Dann könnte sie ablehnen, ohne um ihr Ansehen oder ihre Beziehung zu fürchten - so wie Madonna locker den Vorwurf zurückweisen kann, sie sei erfolglos.

Können Sie Selbstakzeptanz lernen? Ja, lenken Sie den Blick von den Minus- auf die Pluszeichen. Ziehen Sie sich einmal pro Woche für 60 Minuten zurück und konzentrieren Sie sich auf Ihre eigenen Qualitäten: Ihre Stärken, Ihre Talente, Ihre guten Taten der Woche, alles, was Sie aus sich und Ihrem Leben gemacht haben. Was finden Sie gut an sich? Was gelingt in Ihrem Leben?

Das wichtigste Lob kommt nicht aus fremdem Munde, sondern aus Ihrem eigenen! Wenn Sie liebevoll und positiv über sich denken, macht Sie das selbstbewusst und bildet ein Gegengewicht zu den kritischen Stimmen aus der Kindheit in Ihrem Kopf. Allen Respekt, den Sie von anderen erwarten, müssen Sie sich zunächst selbst entgegenbringen.

Wer mit sich im Reinen sein will, muss zunächst seine eigenen Bedürfnisse erkennen und bedienen. Erst dann kann er als Kellner gute Dienste für andere leisten - und deren Wünsche erfüllen. Oder gezielt ablehnen.

Dieser Text stammt aus Martin Wehrles neuem Buch "Der Klügere denkt nach - Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein" (Mosaik, 15 Euro).

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